Literaturgefluester

2009-02-06

Im Scherbenpark

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:22

Sascha Naimann hat zwei Träume, nämlich Vadim zu töten und ein Buch über ihre Mutter zu schreiben.
Nach und nach erfährt man, was der superintelligenten und unschlagbar schlagfertigen siebzehnjährigen Russin geschehen ist.
Der Vater ihrer zwei Geschwister hat die Mutter und deren Freund ermordet, so daß sie nun von Cousine Maria, die aus Nowosibirsk extra in den Solitär, der Großfeldsiedlung für die schwachen Schichten eingeflogen wurde, versorgt wird, die immer nur bloß zwanzig deutsche Wörter kann und sich so von Saschas Erziehungsplänen gehörig dirigieren läßt, bis Sascha einmal Männerschuhe in der Wohnung findet, als sie früher als erwartet nach Hause kommt.
Da hat sie aber schon einen Besuch gemacht, nämlich in der Redaktion der Zeitung, in der die Volontärin Susanne Mahler ein Interview im Gefängnis machte und „Besuch beim Doppelmörder Vadim E. – Die Reue zerreißt mein Herz!“ berichtete.
Der Ressortleiter Volker Trebur steckt ihr daraufhin seine Visitenkarte zu, was zur Folge hat, daß Sascha nach dem Männerschuhfund zu ihm und seinem sechzehnjährigen Sohn Felix in sein Landhaus flüchtet, Felix entjungfert und sich von Vater Volker beinahe vergewaltigen läßt, während der lungenkranke Felix im Krankenhaus wegen seiner Atemnotattacken beobachtet wird.
Also kehrt Sascha wieder in den Solitär zurück, lehnt die Einladung der beiden, mit ihren in den Urlaub zu fliegen ab, stattdessen gibt sie der strohdummen Angela, der Tochter Grigorijs, dessen Schuhe sich bei Maria befanden, Nachhilfeuntericht, während sich der Vater aus Gram zu Tode säuft.
Sascha wird im Scherbenpark von der Jugendgang wieder fast vergewaltigt und kann sich nur durch Schreie retten und erleidet einen weiteren Schock, als sie erfährt, daß Vadim sich selber umgebracht hat, statt auf sie zu warten, so daß sie ihre Rachepläne nicht mehr durchführen kann.
Aber vorher geht sie noch mit einem blonden bläuäugigen Neonazi, der ebenfalls Volker heißt, Inlineskaten und schleppt ihn in den Scherbenpark, wo er von der Russengang mit Schweine-Speed zwangsernährt wird, während Sascha die kleine Schwester Alissa auf dem Schoß des vierzigjährigen gelähmten Olegs findet, mit dem sie früher Schach spielte, während er den Jungs minutiös Pornos nacherzählte, die er sich aus der Videothek nach Hause liefern ließ.
Nun ist Sascha so aufgeladen, daß sie Steine sammelt, um damit dem Solitär ein Dutzend Augen auszuschlagen, nur leider wird sie in ihrer Vernichtungswut selbst von einem Stein getroffen, erleidet eine Gehirnerschütterung und einen Schädelbasisbruch und muß ins Krankenhaus, wo sie von Volker und Felix wieder in ihre Familie zurückgebracht wird, und wo dann alle glücklich miteinander spielen bzw. sich von Maria bekochen lassen, während Sascha die Familienfotos betrachtet, der toten Mutter verspricht in ihre Lieblingsstadt Prag zu gehen, ihren Rucksack packt und den Scherbenpark wieder verläßt.
Soweit die stark gekürzte Zusammenfassung von Alina Bronskys „Scherbenpark“, aus dem sie im vorigen Jahr um den Bachmannpreis gelesen hat und in Frankfurt sehr gepusht wurde, das mich ob der Beurteilung etwas ratlos macht.
Was ist das nun? Ein Schundroman, die realistische Schilderung einer sozialen Randsiedlung des Neoliberalismus mit allen seinen Scheußlichkeiten oder das perfekte Ergebnis eines verdammt guten Romanaufbaus mit Plot, Charakterführung und Handlungssteigerung, in der jede Szene gezielt geplant ist und nichts ausgelassen wird, so daß alles seine Action und Spannung bekommt, wie man das ja in den kreativen Schreibeschulen lernen soll?

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5 Kommentare »

  1. bitte bitte mehr rezensionen! weil das literaturgeflüster hätte dann die beste literaturseite – echt wahr!

    Kommentar von ofips — 2009-02-07 @ 08:52 | Antwort

  2. hammer roman. zeigt etwas was durchaus realistisch ist heutzutage. einfach nur empfehlenswert.

    Kommentar von Sabine Koblinger — 2010-12-21 @ 21:27 | Antwort

  3. Das buch zieht rinrn in einen Sog dem man nicht mehr entkommen kann und man ist einfach gezwungen weiter zu lesen

    Kommentar von Elena — 2011-03-15 @ 19:09 | Antwort

  4. sie lässt sich vergewaltigen?? von volker?
    ist wohl nicht ganz zutreffend.. 😀

    Kommentar von Lara — 2014-02-01 @ 19:39 | Antwort

    • Offenbar habe ich es so empfunden. Leider kann ich mich an die genauen Details nicht mehr so genau erinnern, so daß ich das Buch wiederlesen müßte, um genau darauf zu antworten

      Kommentar von Eva Jancak — 2014-02-02 @ 00:18 | Antwort


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