Literaturgefluester

2009-02-09

Der Kaiser von China

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:04

Nun habe ich in meinem derzeitigen Rezensionsmarathon auch Tilman Rammstedts „Der Kaiser von China“ gelesen und will ein bißchen was darüber schreiben.
Tilman Rammstedt kenne ich seit dem letzten Bachmann-Wettbewerb, den ich mir mittels Internet ja intensiv gegeben habe.
Da hat der Autor ziemlich am Schluß gelesen und das sehr mitreißend und ist dann, obwohl es fast den Anschein hatte, als würde Patrick Findeis gewinnen, Bachmannpreisträger geworden, was ihn, wie ich hörte, so unter Streß gesetzt haben soll, daß das Buch erst ein paar Monate später als geplant erschienen ist und daher auch nicht in Frankfurt vorgestellt werden konnte.
Elke Heidenreich hat es in ihrer ersten neuen Lese-Sendung aber besprochen, es ein urkomisches Buch genannt und auch sehr empfohlen.
Also habe ich es mir vorgenommen und bin noch immer sehr verwirrt, ob der vielen Ebenen, unglaublichen Geschichten und Inhalte, die darin vorkommen.
Da gibt es also den Erzähler mit dem schönen Namen Keith Stapperpfennig, der mit seinen Geschwistern bei seinem Großvater aufwächst, der ein Wunderwuzzi und Widerling in einem ist, nur einen Arm besitzt, alles besser weiß und den Geschwistern immer jüngere Großmütter ins Haus schleppt, die dann regelmäßig kurz vor Weihnachten wieder verschwinden.
Die unglaublich schnelle Franziska tut das nicht, sondern tanzt solang um Keith herum, bis der bis dato so gesunde Großvater verfällt, ein Kammerflimmern bekommt und von Franziska und Keith auf der Intensivstation sozusagen von Angesicht zu Angesicht betrogen wird.
Nicht gerade nett und menschenfreundlich, aber vielleicht wird das von einem unglaublich komischen Roman erwartet, wenn er sich gut verkaufen soll?
Dann wünscht sich der Großvater zum achtzigsten Geburtstag die Reise nach China und Keith wird von den Geschwistern ausgelost mit dem alten Mann dorthin zu fahren, verspielt aber das Geld mit Franziska im Kasino und verabredet sich mit ihr am Standesamt.
So daß der sture Großvater mit dem Auto allein losfährt, aber nur den Westernwald erreicht und dort verstirbt.
Keith sitzt inzwischen unterm Schreibtisch in seinem Gartenhäuschen und geht nicht mehr ans Telefon.
Als ihn die Todesmeldung trotzdem erreicht und er des Großvaters Identität bestätigen soll, beginnt er den Geschwistern in Briefen die Reise vorzutäuschen, in dem er ein China erfindet, das sich gewaschen hat.
Eines mit huoguo Feuertopf und kalten Nudelspezialitäten, der Kaiserin Cixi und einer Privatklinik, wo man im Reisebus zum kostenlosen Gesundheitsservice gekarrt und von den Ärztedarstellern am Fließband untersucht und mit den passenden Medikamenten versehen wird, wie sich Lieschen Müller China eben vorstellt oder nicht und der erfahrene Rucksack- oder Massentourist darüber lächeln wird.
Es geht aber noch viel weiter mit den unglaublichen Geschichten um den unglaublichen Großvater und dessen nichtsnutzigen Enkelsohn.
Denn der erfindet nun noch die Geschichte von des Großvaters Jugendliebe zu der massigen Hantelstemmerin und Weltsensation Lian, die ununterbrochen mit Eiscreme gefüttert wird, vom Großvater aber geküßt werden will, was diesen zwar in Liebesrausch versetzt, aber vom Diener Hu gedolmetscht werden muß, der inzwischen bei Fenghuang ein Heim für arbeitsunfähige Akroaten leiten soll, in das der Großvater mit der jungen Dai verschwindet, während Keith im Westernwald die Identität des Toten bestreitet und dann zu spät zu seiner Hochzeit kommt.
So weit, so komisch der phantastische Roman eines erfundenden Chinas für alle überdrüssigen Weltreisenden und frustrierten Überleser, sicher wieder mit allen Spannungshöhepunkten und Schreiberegeln verfaßt und dem höchsten Kritikerlob versehen, weil etwas weniger Unwahrscheinliches und weniger Konstruiertes nicht mehr seine Leser findet, da es schon so viele Bücher gibt und das Authentischere längst geschrieben wurde?
Um Mißverständnisse zu vermeiden, mir mißfällt nicht die Reise im Kopf, da habe ich in „Taubenfüttern“ Veronika Schätzmeister ja auch nach Italien geschickt, während sie am Balkon gesessen ist, sondern, daß die unglaubliche Komik eigentlich aus lauter Gemeinheiten und Nonsens besteht, so daß mich der Kaiser von China ein bißchen an des Kaisers neue Kleider erinnert hat.

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2 Kommentare »

  1. Hallo, ich bin ein bisschen erleichtert, dass da noch jemand nicht mit diesem Buch warm geworden ist 🙂

    Kommentar von buchpost — 2013-03-20 @ 17:20 | Antwort

  2. War für meinen Geschmack ein bißchen zu sehr aufgesetzt und zu übertrieben, als wäre es direkt für den Preis geschrieben worden, die Bachmannlesung habe ich durchaus sehr beeindruckend gefunden und war auf das Buch, das ich zum Geburtstag bekommen habe, auch sehr gespannt.
    Inzwischen hätte ich es fast vergessen und interessant ist auch, daß die Leser „Scherbenpark“ das ich etwa zeitgleich gelesen habe, ständig aufrufen, während das beim „Kaiser von China“ viel seltener der Fall ist. Ob das damit zusammenhängt?

    Kommentar von jancak — 2013-03-20 @ 18:02 | Antwort


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