Literaturgefluester

2009-02-19

Von der Zuverlässigkeit des Schönen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:42

Das ist der Titel einer GAV-Veranstaltung, die Christl Greller heute im Literaturhaus mit Anna Kim, Serafettin Yildiz und einer Einleitung von Hubert Christian Ehalt veranstaltet hat.
Wow, die Glückliche, wir freuen uns, daß diese GAV-Veranstaltung bei uns stattfinden kann, hat Robert Huez zur Einleitung gesagt.
Nun ja, da könnte man ja neidisch werden, ich höre aber gleich zu jammern auf und bin auch eher zufällig hingekommen.
Weil ich das Gefühl hatte, ein Veranstaltungsdefizit zu haben und nichts versäumen wollte und dann war es auch interessant.
Weil ein spannendes Thema – das Schöne in der Literatur.
Darf man das denn, nach Auschwitz noch Gedichte schreiben oder von der Liebe reden ohne kitschig zu sein?
Robert Menasse hat es mit seinem „Don Juan“ im Vorvorjahr schon getan und mich begleitet das Thema ohnehin, weil ich da irgendwie gespalten bin.
Als Verhaltenstherapeutin ist es mein Beruf, den Klienten das positive Denken beizubringen und in der Literatur wird mir das Negative und die Österreich-Beschimpfung in der melodisch schönsten Sprache vorexerziert.
Nun gut, der 12. Februar ist vorbei und über Thomas Bernhard habe ich schon geschrieben.
Aber die Frage, wieso man nicht über das Schöne schreiben darf, ist sicher interessant.
Silvia Bartl saß in der ersten Reihe und hat sich intensiv mit Anna Kim unterhalten und Christl Greller hat nach Hubert Ch. Ehalts philosophisch theoretischem Einleitungsreferat genau diesen Punkt angesprochen.
Wie geht es einem in einer Welt, die so entsetzlich grausam ist, daß man das Kriegsgeschehen per Lifeschaltung ins Haus geliefert bekommt?
Danach vom „Bluthimmel“ und „Kreuzungsarten“ gelesen und von einem hochmusikalischen Einschleichdieb, der von einem Polizisten verfolgt wird, aber angesichts von Bachs wunderschönen Tönen den vorbereiteten Schmuck liegen läßt. Haarscharf am Kitsch vorbei und dann sprach Serafettin Yildiz über die Liebe, die nicht kitschig sein kann, also genau Menasses Thema, der dafür eine Sprache finden wollte, die nicht zotig klingt und schließlich sich selbst nach 1968 beschrieben hat.
Die schönste Sprache hatte aber ohne jeden Zweifel Anna Kim und las aus der „Bilderspur“ und der „Gefrorenen Zeit“ und stellte sich auch sehr interessant vor.
Sie sagte nämlich wörtlich „Schreiben ist Manipulation der Leser!“ und führte an, daß man das durch bestimme Wörter, Melodik und Rhythmik der Sprache erreichen kann.
Und da sind wir wieder bei Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, die das Negative ja mit der höchsten Melodik erschreiben und Anna Kim hat mit den klingensten Worten zweimal über den Schmerz und das Sterben geschrieben und dazu gesagt, daß das Schwierige bei ihrem zweiten Buch war, daß angesichts des Themas die Sprache verstummt.
Danach kam die Diskussion und die war ebenfalls interessant.
Nämlich die sehr jungen Leute im Publikum, die ihr Recht auf Horrorfilme verteidigten und meinten, daß sie schon abschätzen könnten, was sie vertragen.
Was ihnen auch zugestanden sei, ihr persönlicher Horrorfilm, wie vielleicht auch das Recht auf den ersten Rausch.
Insgesamt sieht es die Psychologin aber kritischer, weil es ja nicht die Realität ist, daß die Eltern kontrollieren, was gesehen wird, sondern meist keine Ahnung haben, was in den Videospielen ihrer Kinder vor sich geht und die Videoaufnahmen im Internet, wo Gewalt an Schwächeren just for fun veröffentlicht wird, ist nicht das Meine und auch die Sozialverlierer sind es nicht, die am Wochenende auf der Straße stehen und mit einem Schlagring ihre Stärke zeigen, weil sie sonst nichts haben.
Insgesamt denke ich, ist alles da , das Gute und das Böse und man kann das Negative melodisch, das Schöne kitschig beschreiben und leben müssen wir in der Realität, daß es beides gibt, aber wie schon Wendelin Schmidt-Dengler sagte, das Negative eben immer etwas stärker ist.
Danach bin ich mit Rotwein und Knabberkeksen eine Weile isoliert herumgestanden, dann habe ich Anna Kim auf ihre Buchpreisprämie angesprochen und Robert Huez und Silvia Bartl zu den „Mittleren“ ins Amerlinghaus eigeladen, Silvia Bartl auch am 12. 3 zu den Textvorstellungen in die alte Schmiede, aber da ist sie schon in Leipzig.
Wir fahren ja erst nachher hin und jetzt werde ich noch ein bisschen in die Badewanne steigen und die Briefe, die der alte Gottfried Benn an die junge Ursula Ziebart 1954-1956 geschrieben hat, weiterlesen.
Auch das ist interessant, die junge Liebe des alten Mannes und großen Dichters und die genaue Dokumentation des Briefwechsels der inzwischen Achtzigjährigen und Angelika Reitzers Tagebuchmonat November, den sie diese Woche auf ihren Blog gestellt hat, ist das auch.
Die Erlebnisüberschneidungen nämlich, die es gegeben hat. Auf der Buchmesse war sie auch und ihr kleines Fest des Lesens habe ich versäumt, weil ich Mails an Franz-Joseph Huainigg geschrieben habe und sie hat Thomas Bernhards Preisgeschimpfe schon im November im FAZ-Vorabdruck gelesen und die Idee geboren, daß es vielleicht kein echter Bernhard ist, sondern von einem Lektor in seinem Stil geschrieben wurde, um etwas zum Todestag zu haben.
Interessant, auf diese Idee wäre ich gar nicht gekommen.

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