Literaturgefluester

2009-04-17

Erzählmuster I und II

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:13

Zwei Abende in der alten Schmiede mit vier interessanten Erzählern und zwei Erzählerinnen.
Am Mittwoch begann es im Schmiedemuseum mit Peter Pessl, der aus dem zweiten Teil seiner Himalaya-Aufzeichnungen „Das weiße Jahr“, eingeleitet von Christine Huber, gelesen hat. Und das ist ein interessanter Text, ein sprachphilosophischer Himalaya-Reiseführer oder einer in konkreter Poesie.
„Was kann man damit machen?“, hat Christine Huber gefragt.
„Man kann das Buch nehmen und damit zum Himalaya fahren!“, hat Peter Pessl geantwortet und alle haben gelacht.
Es ist aber noch komplizierter, denn in dem Text gibt es einige Reisegenossen, die alle sinnigerweise mit dem Buchstaben P. wie Pessl anfangen, aber römische Renaissancemaler oder etwas ähnliches sind und es gibt auch eine Art Tagebuch mit einer Beschreibung von Orten, von denen der Autor nicht verrät, ob er das Ganze nicht erfunden hat und an dem Tag nicht vielleicht ganz woanders war.
Peter Pessl war jedenfalls ein halbes Jahr in der Gegend und plant vier Bücher darüber zu schreiben, weil ihm die Sprache wichtig ist.
Mit Peter Pessl, der sich für mein Kommen extra bedankte, habe ich ein Buch getauscht, allerdings nicht die Himalaya-Aufzeichnungen, sondern einen im fröhlichen Wohnzimmer erschienenen und mit Ilse Kilics Zeichnungen versehenen Kriminalroman „Der Brief mit der Aufschrift“. Peter Pessl ist einer den ich schon lange kenne, aber eigentlich noch nichts von ihm gelesen habe, er ist aber Stammgast beim „Tag der Freiheit des Wortes“ und seine Hörspiele kenne ich auch.
Dann gabs einen Ortwechsel, nämlich in das literarische Quartier und da las Peter Clar aus seiner Prosa „Nehmen Sie mich beim Wort“, erschienen im Sonderzahl Verlag und das war eine Überraschung. Zwar kenne ich Peter Clar schon von der letzten Volksstimmefestlesung und auch von einem Elfriede Jelinek Symposium, weil er Mitarbeiter beim Jelinek-Forschungszentrum ist.
Er hat aber einen neuen frischen Ton und ist ein sehr selbstbewußter junger Mann, der 1980 geborene, der offensichtlich ausgezogen ist, um die die Erzählung zu zertrümmern. Es geht um X und Y, eine Frau und einen Mann. Der Mann spaziert die Hütteldorferstraße hinunter und der Erzähler gibt sich selber ständig Anweisungen und glänzt in Sprach- und Wortkaskaden.
Einer, wie ich mir dachte, der sich das Buch „Wie schreibt man einen verdammt guten Roman“ aufgeschlagen hat, um die Schreibschulen damit zu karikieren und wahrscheinlich auch, um mit seiner Gelehrsamkeit zu glänzen, die ihm offensichtlich Freude macht, es hat mich aber auch an Karen Wiborgs Blogroman „Sechzig Grad“ erinnert. Und ist vielleicht auch eine Sprachmonatage, im Sinne der Jelinek, die, wie der Autor anmerkte, ihm sehr im Ohr liegt, ein Hund der am Jupiterweg wohnt oder dorthin in Pflege gegeben wird, kommt beispielsweise vor und dann meinte der Autor abschließend, daß es trotz gegenteiliger Bemühung viel zu erzählend geworden ist. Jetzt schreibt er einen Text, mit dem er den Kriminalroman zertrümmern will, der dann vielleicht doch einer werden wird.
„In zehn Jahren haben wir einen großen Erzähler!“, habe ich Stephan Eibel Erzberg gemailt und der war der dritte des ersten Abends mit seinem Roman „Sofort verhaften“, den ich schon sehr gut kenne. Im vorigen Mai gab eine Nonstopaufführung in Hubsi Kramars Kleintheater. Ich war nicht dort, weil es Eintritt kostete, führte darüber aber einen regen Briefwechsel mit Stephan Eibel und im Dezember war er diesbezüglich in „Von Tag zu Tag“ und hat sich dabei eine Klage der F-Partei eingehandelt, die diese aber, wie ich hörte, wieder zurückgezogen hat.
Der Roman ist sehr interessant, einerseits politisch, andererseits tauchten bei seiner Lesung Leute auf, die ich von den Psychiatrie Fortbildungen des AKHs bzw. von den Supervisoren-Reflexionsrunden kenne.
Lydia Mischkulnig hat die Lesung eingeleitet, Stephan Eibel Erzberg brillant diskutiert und Lydia Mischkulnig war am zweiten Tag als erste dran.
Eingeleitet von Alexandra Millner, mit der ich mich länger unterhalten habe. Lydia Mischkulnig, deren ersten Roman „Halbes Leben“ ich vor Jahren einmal bei einer „Rund um die Burg“-Veranstaltung gewonnen habe, ist eine Sprachkünstlerin der poetischen Art, die sehr eindrucksvoll beschrieben hat, wie bei ihr das Entstehen von Sprache entsteht und alles dreht sich um das Sterben. Das ist das große Thema in allen ihren Texten und die vorgelesene Geschichte „Untergang einer Hauptperson“ war auch sehr beeindruckend und wieder ging es um Erzählperspektiven, war das ja das Generalthema der beiden Abende und so hat auch Eugenie Kain in ihrem „Schneckenkönig“, einem Erzählband mit einer gleichnahmigen Geschichte, die ich schon einmal bei einer „Linken Wort“ – Lesung gehört habe, auch eine Erzählung, in der die Musen der Erzählerin Schreibanweisungen geben, die es dann aber doch nach ihrem Kopf macht. Sie war aber sicher die realistischste Schreiberin der beiden Abende.
Der letzte Erzähler war Clemens Berger mit seinen Erzählungen „Und hieb ihm das rechte Ohr ab“, der von dem ihm einleitenden Lektor auch sehr intensiv nach seinen Erzählperspektiven und Ich-Erzählern befragt wurde, wobei der Autor allerdings charmant lächelte und sich um die konkreten Antworten drückte.
Zwei interessante Abende also, bei denen viel zu lernen war und ich sicher einiges für die eigene Schreibarbeit mitnehmen kann, die es auch noch gibt.
Und bei Anni Bürkl gab es am Mittwoch ihren ersten „Schreibsalon“, wo, wie sie auf ihrem Blog beschreibt, das Thema „Wie verfolge ich ein größeres Schreibprojekt“ behandelt wurde.

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