Literaturgefluester

2009-05-10

Karl und das zwanzigste Jahrhundert

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:55

Als ich vor einigen Jahren Rudolf Brunngrabers „Heroin“ gelesen habe, das ich außer „Zucker aus Cuba“ und „Radium“ aus dem Bücherschrank meiner Eltern erbte, habe ich gedacht, daß ein so sachbuchartiger Roman ohne rechten Plot und Spannungssteigerung heute wohl nicht mehr verlegt werden würde.
Er war aber bis zu den Fünfzigerjahren, glaube ich, sehr bekannt und habe auch alte Hefte der Büchergilde Gutenberg bzw. Ausschnitte daraus, in denen sein Name sehr oft vorkommt.
„Zucker aus Cuba“ habe ich ebenfalls gelesen, da gibt es dann mehr Handlung und das ist wahrscheinlich auch der bekannteste Roman. Ruth Aspöck hat ihn in ihrer Edition „Die Donau hinunter“ noch einmal aufgelegt, ist mit der Brunngraber Tochter Erika befreundet, die auch ein Stück auf der Radreise vor zwei Jahren mitgefahren ist und immer wieder zu Ruths Veranstaltungen kommt und Ruth wollte, hat sie mir gesagt, auch eine Brunngraber Biografie schreiben, was sicher wichtig wäre, denn wenn man bei Google nachschaut, findet man nicht sehr viel, außer den Hinweis, daß Teile der Biografie noch nicht erforscht sind.
Durch den Bücherkasten meiner Eltern bin ich schon sehr früh mit dem Namen in Berührung gekommen, habe irgendwann auch von „Karl und das zwanzigste Jahrhundert“ gehört, mir das Buch von Valerie Szabo-Lorenz, wie schon beschrieben, ausgeborgt, gelesen und zurückgegeben.
Sehr viel ist, glaube ich, von meiner ersten Badewannenlektüre in Harland bei St. Pölten nicht hängengeblieben. Es ist durch die schon beschriebenen Punkte nicht leicht zu lesen, obwohl es sehr viel Hintergrundinformation bietet.
Und der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die Dreißigerjahre und wie es zu dem Weiteren gekommen ist, hat mich immer schon interessiert.
Jetzt bin ich durch die Beschäftigung mit meiner neuen Romanarbeit, bzw. durch ein Radiokolleg vor ein paar Wochen wieder auf das Buch gestoßen, wollte es mir von Ruth ausborgen und Alfred hat es mir bestellt und so habe ich jetzt die Steidl Ausgabe, aus dem Jahr 1999, nicht die aus der Büchergilde Gutenberg, die ich wahrscheinlich damals gelesen habe.
Mein zweiter Eindruck, des 1933 erschienenen Romans, des 1901-1960 lebenden Autors, historisch interessant, aber ein uns nicht mehr vertrauter Stil, der Versuch mit sehr pappmacheartig wirkenden Protagonisten aufzuzeigen, daß der Einzelne gegenüber der Geschichte hilflos ist.
Vielleicht ist Brunngraber deshalb in Vergessenheit geraten, wurde er doch, wie auf der Rückseite steht und mir auch Ruth erzählte, durch dieses Buch bekannt.
Es beginnt mit einer seitenlangen Analyse der Wirtschaftsdaten aus dem damaligen Amerika und geht erst dann zu dem persönlichen Schicksal des Karl Lakners über, der von all dem, von Carl G. Barth, Rockefeller etc., keine Ahnnung hat, als er 1893 in einem Findelhaus in Hernals zur Welt kommt. Es gibt die als das kleine Weib, genannte Mutter, die sich ihr Leben lang abplagt und fast dabei verhungert, obwohl Karl nach ihrem Tod in einer Schachtel, die inzwischen wertlos gewordenen Geldscheine findet, die er aus dem Weltkrieg brav nach Hause schickte und den versoffenen Vater, der als Straßenbahnschaffner regelmäßig die zwanzig Gulden Fahrgeld vertrinkt, die er am nächsten Dienstag bei seiner Dienststelle abliefern muß.
Keine sehr glückliche Jungend also im Margareten des Vorvorkriegswien. Karl arbeitet, was er nur kann, in einem Blumengeschäft und für eine Pfandleihanstalt und möchte Lehrer werden, weil, wie er bei der Aufnahmsprüfung schreibt, am Ende immer ein reines Herz, ein frommer Wille und eine hohe Idee überbleibt.
Brunngraber wird uns im Laufe des Romanes zeigen, wie es damit den Bach hinuntergeht.
Aber vorerst absolviert Karl mit Not und Mühe das Lehrerseminar, der Staubsauger wird erfunden und die Vitamine, er bekommt vom Lande Niederösterreich keine Anstellung, weil man keine Lehrer braucht, obwohl er sich bei Eintritt in die Schule verpflichten mußte, sechs Jahre lang als Lehrer tätig zu sein. Zum Glück kommt der Krieg, den Karl bejaht, wie später auch den Anschluß Österreichs an Deutschland, weil man da vielleicht nicht so schnell verhungert und in diesem geht es vorerst auch bergauf. Karl wird Oberleutnant und verwundet und als er 1918 zurückkommt, sind die Eltern verstorben, er findet die wertlosen Banknoten und Lehrer braucht die Stadt Wien auch nicht mehr, weil kriegsbedingt keine Kinder geboren wurden.
Es folgt ein Intermezzo in Schweden und eine Männerfreundschaft, bis es dann in dem „Der gepflasterte Weg zur Hölle“ benannten Abschnitt zum bitteren Finale kommt. Karl schreibt Gesuche und inseriert um zwanzig Schilling, seine gute Ausbildung, die Kriegserfahrung, er war sogar Fliegeroffizier, spricht drei Sprachen und kann gut zeichnen und rennt sich die Füße ab, von einer Arbeitslosenstelle zu der nächsten, von der er aber auch nur negative Bescheide bekommt, versetzt den Wintermantel und quartiert sich bei Witwen ein, die er, nachdem sie statt Geld, Liebe von ihm wollen, verschämt verläßt, um zuletzt bei einem Maler wegen seiner schielenden Augen nackt Modell zu stehen und sich für die Annahme des nötigen Wintermantels so sehr schämt, daß er schließlich mit den fünf Schillingen einer mitleidigen Prostituierten in den Selbstmord rennt.
Ein drastischer Roman, der knapp und klar die Vorboten von dem beschreibt und wissenschaftlich zu erklären versucht, was später geschehen ist. Was fehlt, ist wie beschrieben, die Handlung.
Heute müßte das Elend sicherlich viel spannender, wahrscheinlich in einer Krimihandlung aufpoliert sein, um Leser zu finden. Man kann aber gut den Unterschied zu der Krise heute sehen. Verglichen mit den Dreißigerjahren, geht es uns ja traumhaft gut, wir sind vom Verhungern und der Obdachlosigkeit meilenweit entfernt, werden nur psychologisch durch die Angstgerüchte zugemüllt, die meisten jedenfalls und in diesem Österreich bzw. Europa.
Trotzdem sind es gerade die endlosen Wirtschaftsberichte, die die Krise heute verständlicher machen. Schade, daß das Buch so vergessen ist, Geschichte läßt sich daraus lernen, das spannende Schreiben wahrscheinlich nicht.

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