Literaturgefluester

2009-06-25

Geistiges Eigentum und Bachmannpreiseröffnung

Filed under: Uncategorized — jancak @ 02:12

Der Mittwoch war wieder ein höchst literarischer Tag. Das geht auch in Wien in einer psychologischen Praxis, wo sich Leute von einer Supervision abmelden, die schon vor einem Jahr stattgefunden hat und ich am Vormittag die drei Dienstag Abend geschriebenen Szenen eintippte und am Nachmittag zwischen einer Stunde noch einmal drei Szenen schrieb und das ging gut, hatte ich mir in den letzten Tagen ja soviel von den Literaturkursteilnehmern angeschaut und mir am Vormittag auch noch die Namen der 31 österreichischen Autoren ausgedruckt, die im Juli beim Literaturfestival in Brünn lesen dürfen.
Es sind die Mittleren, nicht die ganz Berühmten, wie z.B. die, die sich jetzt auch in Klagenfurt treffen oder trafen. Andrea Grill, Sabine Gruber, aber auch Peter Henisch, um nur drei zu nennen, die anderen findet man unter www.buecher.at, der Seite des Hauptverbandes des österr. Buchhandels, so daß ich mir einfach denken mußte, jetzt mache ich einen Literaturkurs für mich selbst und schreibe so gut, wie ich nur kann und das ist mir irgendwie auch gelungen und einen neuen Handlungsstrang bzw. Protagonistin, nämlich Felix Baums Mutter Emilie gibt es auch und am Abend bin ich, während man sich in Klagenfurt zum Gartenfest rüstete, in den Republikanischen Club zur Podiumsveranstaltung „Vom Eigentum geistiger Arbeit im Zeitalter elektronischer Reproduzierbarkeit“ mit Sandra Csillag, Klaus Nüchtern, Gerhard Ruiss, Max Kossatz, Marietta Böning und Andrea Sodomka unter der Leitung von Doron Rabinovici gegangen. Das war interessant von wegen Google Books und den diesbezüglichen Anstrengungen der Literar Mechana. Die Meinung von Gerhard Ruiss kannte ich ja schon. Klaus Nüchtern hatte dagegen eine etwas andere, will er doch Charly Parker gratis hören. Während Gerhard Ruiss selbst bestimmen will, wo er was veröffentlicht und Sandra Csillag die Bemühungen der Literar Mechana erklärte, stellten sich auch einige Medienkünstler vor. So macht Andrea Sodomka seit einigen Jahren Musik im Internet und wurde von der Literar Mechana deshalb von E auf U hinuntergestuft und Max Kossatz ist ständig online und hat einige Blogs und die Community-Lobbyistin Marietta Böning wußte einiges Interessantes zu erzählen, wurde aber von der starken Selbstdarstellungsgabe von Gerhard Ruiss in den Schatten gestellt.
Ja unter starken Männern hat man es manchmal schwer. So hat mich nach der Diskussion mein Nachbar angesprochen und mich gefragt, ob ich ebenfalls schreibe, sagte ich doch Marietta Böning, die meinte, daß sie bei Google Books nicht zu finden ist, daß das wahrscheinlich nicht stimmt, da ich ja mit meinen Büchern ohne ISBN Nummer auch vertreten bin – ich nickte und zog meine neuen Bücher heraus. Da pirschte sich ein stadtbekannter linker Buchhändler heran, um sie zuerst interessiert anzusehen, dann fragte, ob ich im Eigenverlag publiziere, um mich zu belehren, daß ich das tue, ohne zuzuhören, als ich ihm von den neuen Möglichkeiten des Digitaldrucks erzählen wollte.
Es gab wieder Wasser, Wein und Salzgebäck. Helmut Rizy war da, Katharina Riese, Sabine Gruber, die mich übersah, so daß ich ihr erst zuwinken mußte und Christine Huber, die sehr schön den Unterschied zwischen Buch und Text zu erklären wußte.
Ich habe mich lange mit dem interessierten Techniker unterhalten, bis er mir erklärte, er müsse weg. Ich auch, denn in Klagenfurt gab es ja die Eröffnungsrede von Josef Winkler und die Verlosung der Lesereihenfolge. Die Eröffnungsveranstaltung, die man sich im Internet ansehen kann und inzwischen ist auch die Qualität sehr gut.
Clarissa Stadler ist die neue Moderatorin und hat das sehr charmant gemacht. Zuerst gab es die Eröffnungsreden von bemühten Herren, die schöne Worte zur Literatur machten. Der ORF Landesdirektor lobte die große Chance der Antretenden, die durch die Übersetzung ihres Textes in sieben Sprachen nur gewinnen können. Markus Orths „Zimmermädchen“ ist inzwischen in noch mehr Sprachen übersetzt und Wolfgang Lorenz verglich die Lesung mit einem Casting, da verzog der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen das Gesicht, aber erst kam Josef Winkler mit dem „Katzensilberkranz in der Henselstraße“ an die Reihe und das war eine sehr starke Klagenfurter Rede, die wie Clarissa Stadler meinte, sicherlich noch lang in K. für Gesprächsstoff sorgen wird und die man sich unbedingt anhören oder lesen sollte (www.bachmannpreis.at).
In der Henselstraße 26 verbrachte Ingeborg Bachmann ihre Jugend und hat in der Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“ darüber geschrieben und dann kam noch ein kleiner Bub vor, der jetzt am Annabichler Friedhof unweit der Bachmann begraben liegt und Josef Winklers Sohn, der sich gegen die Türschwelle der Schule stemmte, weil er Schriftsteller werden wollte.
Und in Klagenfurt saßen die vierzehn Auserwählten, während sich Cornelia Travnicek in ihrem Blog darüber ärgerte, daß sie zu Hause sitzt, während die anderen nach Klagenfurt fuhren und einen Text schreiben möchte, „der den Leuten die Sätze um die Ohren haut, daß ihnen Tage später noch die Wörter im Hirn stecken“ und die Jury, die aus vier neuen Mitgliedern besteht, darunter Karin Fleischanderl von der Zeitschrift Kolik und Paul Jandl, der einmal in der alten Schmiede große Schwierigkeiten hatte, sich gegen Robert Menasse durchzusetzen und Burkhard Spinnen, der Juryvorsitzende, entschuldigte sich in seiner Rede, daß es den Juroren sicher wieder nicht gelingen wird, es allen recht zu machen und bei den nicht eingeladenen Autoren, dafür, daß sie zu Hause bleiben müssen und forderte sie auf, trotzdem weiterzuschreiben.
Bei mir und Cornelia Travnicek scheint das geklappt zu haben und bei mir ist nach sechsunddreißig Jahren erfolglosem Schreiben auch der Frust verschwunden, so daß ich mir höchstwahrscheinlich in den nächsten Tagen, dank der Segnungen des Internets ein sehr erfülltes Bachmann Kolloquium geben kann.

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3 Kommentare »

  1. wenn ich schon nicht in meinem blog schreibe, so hier, um
    a) zu unterstreichen, dass die winklersche rede sehr stark war, sowohl in ihrer sprachgewalt als auch in ihrer politischen aussage (zur klagenfurter stadtbibliothek, die eine wichtige rolle spielt http://klagenfurt.gruene.at/kultur/artikel/lesen/38642/
    b) zu hoffen, dass die eva ihre meinungen zu den k. texten bald kundtut. mein favorit des ersten tages ist der weiss, nicht nur, weil er einen teil seines textes zuletzt auch gleich verspeiste. Prinzipiell fand ich die Texte allerdings eher fade und belanglos

    Kommentar von otto — 2009-06-25 @ 23:26 | Antworten

  2. liebe eva,

    kompliment für diesen blog. dass ich „in den schatten gestellt worden sei“ durch die grs selbstdarstellungsgabe, amüsiert mich. was das – natürlich nur mir bekannte – feedback auf die runde betrifft, ist das eher ein ausreißer. was ich aber sagen möchte: es ist ein irrtum, dass es sich um ein messen von selbstdarstellungsgabe handelt, sondern eine frage der strategie. ich würde von selbstdarstellungswillen reden. ich bin – gerade als kultur- und medienwissenschaftlerin – der meinung, gerade nicht durch hyperventilierte rhetorik, die mitunter plakativ ist und teilweise (mir zu) unpräzise, wie man auch so ein stückweit sehen konnte (als es etwa um youtube ging), in so einem diskurs zu überzeugen, sondern durch sachkenntnis. mich als zuhörerin macht hyperrheotrik eher skeptisch, der wille zuzuhören zeugt doch eher von interesse am gegenstand. ich lasse mich selbst eher durch bemühte sachlichkeit überzeugen, aus diesem grund reagiere ich auf rhetorik niemals mit gegenrhetorik.

    Kommentar von marietta böning — 2009-06-27 @ 14:40 | Antworten

  3. oder um es so zu fassen: hyperrhetorik außerhalb des dramatischen settings – das aber nicht auf eine bühne muss – ist für mich strategisch das allerletzte mittel, wenn alles andere nicht greift, um zu überzeugen. hyperrhetorik muss einer nötig haben oder auch nur meinen, dass er sie zum überzeugen sehr nötig hat. lg, marietta

    Kommentar von marietta böning — 2009-06-27 @ 14:56 | Antworten


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