Literaturgefluester

2009-06-26

2. Bachmann-Lesetag

Filed under: Uncategorized — jancak @ 17:45

Es ist schon ein Dilemma mit der Literatur oder, wie heißt schnell die Mehrzahl? Weil ja schon wirklich alles hunderttausend Mal geschrieben wurde und die vierzehn Autoren und Autorinnen unter ein paar Hundert als die Besten ausgewählt wurden. So sitzen sie nun da und lesen ihre Texte und das ist der übersättigten Jury dann auch nicht recht.
Herr Spinnen hat das Alles bei sich selber schon erlebt und geschrieben, der letzte Ankick fehlte und dies oder das ist nun wirklich Literarisch nicht gelungen, ist zu platt, zu trivial, hat den eigenen Anspruch nicht erreicht und so weiter und so fort …
Da tue ich mir mit meinem sehr offenen Literaturbegriff und meiner Neugier, die, ich staune selbst darüber, nach sechsunddreißig Jahren erfolglosen Schreibens immer noch vorhanden ist, wahrscheinlich leichter.
Denn ich gebe mir auch dieses Block-Seminar mit Begeisterung und egal, was man in den Zeitungen oder auf der ORF-Seite demnächst lesen kann, das waren heute alles sehr intensive Texte mit äußerst brisanten Themen und sprachlich mehr oder weniger künstlich bzw. natürlich erzählt.
Es begann mit Linda Stift, der Cousine von Andrea, die auf ihrem Blog mitzitterte und von der ich spätestens nach „Stierhunger“ sehr begeistert war. Das erste Buch hat mich nicht so ganz beeindruckt, aber auch die Geschichte mit den siamesischen Zwillingen ist sehr dicht erzählt.
Karin Fleischanderl hat sie eingeladen und sich sehr für sie eingesetzt und dann ging es los „Mit der Welt der schönen Dinge“.
Man übergibt das Geld im schmalen Quader, schaltet das Handy ab und steigt ein, in den Lastwagen, Rampe zu und da drinnen sind die Kübel für die Notdurft und es stinkt auch fürchterlich.
Einen Moment habe ich an den Film „Der letzte Zug“ gedacht, bis mir klar wurde, da geht es um zukünftige Asylwerber bzw. Wirtschaftsflüchtlinge mit allen ihren Hoffnungen von der schönen neuen Welt. Sie haben sich neu eingekleidet und träumen nun davon, während sie im Dunklen durch die Gegend rattern und irgendwann auch die Kübel benützen müssen, die Frauen genieren sich zuerst, die Männer essen ihre Jausenbrote und trinken Schnaps und das alles geschieht im „Wir“ und man weiß nicht immer so genau, geht es jetzt um einen Mann oder um eine Frau, um Bosnier, Georgier oder Tschetschenen?
Aber Hand aufs Herz, wissen wir viel mehr von den Leuten, die ein paar Tage später aus dem Lastwagen kraxeln und wollen wir es wissen?
Der Jury hat das aber nicht gepasst und den Text unzulässig genannt. Linda Stift war, glaube ich, ein paar Mal, dem Weinen nahe und Karin Fleischanderl hat sich verzweifelt bemüht zu erklären, daß es zwischen Literatur und Realität einen Unterschied gibt und ich habe gerade dieses kollektive „Wir“ als das Gelungene an dem Text gefunden.
Dann kam ein etwas anderer Text, nämlich der des Physikers Ralf Bönt „Der Fotoeffekt“, eine neue Art „Der Vermessung der Welt“. Und irgendwie, obwohl es schon hundert Jahre früher spielt, zum heutigen Generalthema passte, ging es doch um den Gedächtnisverlust durch Quecksilber, den man sich halt zuzog, wenn man damals die Fotografie erfinden wollte.
Die Jury mäkelte an den sprachlichen Ausdrücken herum und gab sich dann auch eine Blöße, weil sie natürlich nicht so viel von Physik wie Ralf Bönt versteht und „Hinter der Wand“ des in Spanien lebenden Musikers Karl-Gustav Ruch waren wir schon wieder bei einem brisanten Thema.
Da gab es in einem Zinshaus plötzlich seltsame Geräusche und man weiß nicht recht, sind das die Nachbarn, der erfolglose Sänger, Komponist bzw. österreichische Schriftsteller oder die alte Witwe, der entführte Bankdirektor, bzw. die schwarzafrikanischen, mohammedanischen Flüchtlinge oder doch die Termiten, die ja angeblich jede spanische Brandmauer aushöhlen.
Am Nachmittag, nach einer kurzen Google-Urheberdiskussionspause, ging es weiter mit den großen Themen unserer Zeit, die die Literatur sprengen bzw. man darüber streiten kann, ob es Kitsch wird, wenn man literarisch darüber schreibt.
In Jens Petersen „Bis daß der Tod“ chauffiert ein alter oder auch junger Mann namens Alex seine Frau Nana durch die gespenstisch kahle Landschaft in der es von Todessymbolen nur so wimmelt und spricht mit ihr, nur kann sie ihm nicht antworten, weil sie sich offenbar im Wachkoma befindet und es geht um das nicht Sterben können, bzw. was man versäumt, wenn man diese Fälle nicht einer Klinik überläßt. Die väterliche Mühle geht verloren und das Restaurant wird von seltsamen Pfadfindern bevölkert. Und Alex zieht auch plötzlich eine Pistole aus der Tasche und hat auf einem Zettel aufgeschrieben, wie er vorgehen soll, obwohl er vorhin darauf hinwies, daß er das schon einmal verabsäumte, als ihm klar wurde, daß er Nanas Reaktion darauf, nicht berechnen kann. Am Schluß ist Nana tot, Alex Selbstmord wurde aber verhindert und er stürzt in Panik davon.
Das hat nun mich ein wenig unbefriedigt zurückgelassen, bzw. habe ich es aufgesetzt gefunden, weil man sich ein solches Ende von einem literarischen Text wohl erwartet und die Jury forderte auch noch das bißchen mehr dazu.
Oder nein, das war schon beim nächsten Text, nämlich dem von Andreas Schäfers „Auszeit“ in dem es zufällig um etwas Ähnliches ging.
Um einen Piloten nämlich, dessen Sohn ermordet wurde und der zu saufen beginnt, als er einen Kollegen sagen hörte, „Also ich an seiner Stelle hätte den Mörder umgebracht!“
Alles starke dichte Texte heute, das nackte Leben und nicht nur l´art pour l´art. Das war gestern bei dem Text „Blätterliebe“, dessen Autor heute prompt in allen Zeitungen steht und man darüber rätselt, ob der verspeiste Text echt oder doch aus Oblaten war?
Ich finde es toll, was alles in Klagenfurt passiert und es war ja auch die Klagenfurter Rede aufregend und hat, wie ich gerade im Kulturjournal hörte, sehr viel ausgelöst, obwohl die Politiker die Anklagen erstaunlich gelassen genommen hätten.
Das war mein heutiger Kolloquium-Bericht und heute habe ich nichts mehr vor, auch nicht den Besuch des Donauinselfestes, das heißt, wenn ich es schaffe, kann ich mich natürlich mit meiner Schreibwerkstatt beschäftigen, denn da habe ich ja jede Menge Anregungen bekommen.

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