Literaturgefluester

2009-07-04

Mozarts Friseur und aktueller Schreibbericht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:35

Nach den Geburtstagsglückwünschen, für die ich mich bedanke und einem verregneten Kurzausflug zum Hauptstadtfest, will ich doch ein bißchen was zu Wolf Wondratscheks Novelle „Mozarts Friseur“, aus der ich schon zweimal zitierte, schreiben.
Gerade habe ich sie ausgelesen. Vor einem Jahr hat sie mir der Alfred beim Thalia-Bücherabverkauf um 3.99, den es auch jetzt wieder gibt, kauft man fünf Stück, bekommt man eine besondere Tragtasche dazu, besorgt und 2002, als das Buch herausgekommen ist, war ich bei einer Lesung in der alten Schmiede und den Salon in der Griechengasse gibt es auch tatsächlich.
Erich Joham heißt der Nobelfriseur und hat eine Promiseite bei Wien-live, aber Marie Therese Kerschbaumer hat mir schon vor Jahren von ihrem Frisiersalon Er-Ich, ein Name, der sehr poetisch ist, vorgeschwärmt.
Wolf Wondratschek hat in einer ebenfalls höchst poetischen Sprache darüber geschrieben, mit Kapiteln, die eigentlich abgeschlossene Kurzgeschichten sind und wahrscheinlich das ausdrücken, was die Dichterin Marie Therese Kerschbaumer an ihrem Friseur fasziniert.
Der Friseur ist bei Wondratschek eine Mischung zwischen einem arabischen Findelkind und einem Wiener. In Triest ist er vor Jahren an Land gegangen und wollte in Venedig Perückenmacher werden, kam aber in die Griechengasse, wo er sich verheiratete und Wüstensand auf den Boden des Frisiersalons ausstreute.
Dann umgab er sich mit den seltsamsten Typen. Einem Joe Pichler genannten Udo Proksch, beispielsweise, dem er ein Toupet verpassen soll. Mozart schneidet er die Haare und sammelt die Perücke im Plastiksackerl, wie er überhaupt die herrlichste Prominenten-Haarsammlung hat. Es kommt natürlich Thomas Bernhard vor, dem er ein paar dünne graue Nackenhaare, aus der Zeit seines letzten Lebensjahres vor der Heldenplatz-Premiere entwendet und der ein bißchen a la Wondratschek vor sich hingeifert.
Es gibt einen Friseurgehilfen namens Karotte mit seiner Freundin Puffi, der bei seiner Mutter lebt, die Friseurgehilfin Anna, die Geschichte mit den drei Uhren, die zum Kunstwerk werden und und und …
„Lesen mit Ausrufungszeichen!“, würde Elke Heidenreich sicher sagen. Vielleicht gibt es ein paar Restexemplare beim Thalia Abverkauf, der mir persönlich inzwischen zu teuer ist. So daß ich mich meinem aktuellen Schreibbericht zuwende und da gibt es einiges zu flüstern.
„Sophie Hungers Krisenwelt“ blüht und gedeiht, da hat mich das Bachmann-Intensiv-Seminar wirklich sehr beflügelt.
97 Rohseiten und 67 Szenen gibt es schon und ich weiß so ungefähr das Ende. Werde mit dem Rohkonzept wahrscheinlich aber länger brauchen, als mit „Und Trotzdem“ und „Der Radiosonate“. Denn da bin ich in den letzten zwei Jahren in Sommerfische gegangen, habe noch ein paar Tage oder eine Woche geschrieben und den Rest des Jahres korrigiert. So schnell wird es diesmal vermutlich nicht gehen. Ich habe auch erst später angefangen und dann hat sich das Ganze auch sehr weiterentwickelt und so wird am Schluß wahrscheinlich etwas anderes herauskommen, als ich am Anfang dachte.
So ist zwar die Sophie Hunger Geschichte mit der Franka Stein und dem Karl Lakner da, aber auch die der Reise des Felix Baum und der Valerie Oswald und das ist diesmal das Spannende am Schreiben. Das Entwickeln der Liebesgeschichte des Mannes, der auf einer Reise von Wien nach Budapest das erste Mal in seinen achtundvierzig Jahren die Beziehung zu einer Frau erlebt und Valeries Oswalds Gesundung vom Messie-Syndrom. Am Anfang habe ich stark das Gefühl gehabt, das ist sehr flach, zuviele „sagte er“ – „sagte sie!“.
Und das, was ich bis jetzt habe, ist wahrscheinlich wirklich nur ein Rohkonzept, so daß es mir diesmal vielleicht gelingt, aus dem vor mir liegenden Treatment (ich zitiere aus der Bachmannpreisdiskussion) einen Roman zu machen.
Das Umschreiben konnte ich bisher nie sehr gut. Aber wenn ich meine Sprache etwas germanistischer machen könnte, kann das sicherlich nicht schaden.
Mal sehen, wie es mir gelingt. Im Moment bin ich sehr euphorisch, obwohl es mit dem Schreiben nicht so einfach ist. Denn da ist mir zu Ostern mein alter Laserdrucker, den ich seit einem Jahr in Harland stehen habe, eingegangen und jetzt habe ich ca neun Szenen geschrieben und kann sie nicht ausdrucken.
Und das Papierformat ist für mich wichtig. Ich weiß zwar ungefähr, wohin ich will, so fahren Felix Baum und Valerie Oswald gerade nach Bratislava und gehen auf der Burg spazieren und Karl Lakner zeigt Sophie Hunger seine Bibliothek.
Aber zum Weiterschreiben sollte ich mir das Vorangegangene nicht nur am Bildschirm durchlesen.
Nun gut, es ist schon Samstag und nächste Woche bin ich sowieso zur Gänze in Wien, weil es da die 19. Sommerakademie mit dem Titel „Salondamen und Dienstboten. Jüdisches Bürgertum um 1800“ gibt.
Da kann ich mir alles ausdrucken und was den Streit „Spezialbuchhandlungen a la Anna Jeller oder Brigitte Salanda versus Ketten“ betrifft und das mit der persönlichen Betreuung der Kunden, kann ich nur sagen, ich war diese Woche zweimal bei Thalia in der Kremsergasse, habe mir von den Damen dort einige Bücher aufmachen lassen und während sie die Schutzhüllen von Sebastian Fitzeks „Splitter“ und Sibylle Lewitscharoffs „Apostoloff“, die ich nicht kaufte, entfernten, hörte ich sie den anderen Kundinnen die besten Bücher der Saison empfehlen. Eines davon war Per Olov Enquists „Ein anderes Leben“.
Und Lillyberry hat sich trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar doch entschlossen meinen Stapel ungelesener Bücher nicht unnötig zu vergrößern.

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