Literaturgefluester

2009-08-09

Der Ritt auf dem Tiger

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:22

Jetzt kommt wieder eine Buchbesprechung, nämlich Fritz Habecks 1958 erschienenener Roman „Der Ritt auf dem Tiger“, den ich im Herbst auf dem Spratzener Flohmarkt Robert Egelhofer um einen Euro abgekauft habe.
In meiner Büchergilde-Bibliothek lagern noch ein paar andere Fritz Habeck Bücher und ich glaube, der 1916 in Neulengbach geborene und 1997 in Baden verstorbene Jurist und Autor hat mich auch mit seinen Jugendbüchern begleitet. Jetzt habe ich mir diesen Roman hervorgenommen, der das Schicksal einer Wiener Generation, wie auf dem Umschlag steht, von 1880 bis 1955 erzählt.
Und zwar geht es um die Familie Leichtfried, der Großvater einmal Priesterseminarist, die Großmutter ursprüglich Nonne, übersiedeln nach Wien, wo Karl Leichtfried Volksschullehrer wird, Marie in ihrer Küche eine Nähstube errichtet und Sonntags in die Kalvarienbergkirche geht, während Sohn Martin ins Gymnasium soll und dort von seinem Lateinlehrer schikaniert wird, weil Arbeiterkinder bei der höheren Bildung nichts verloren haben! Kommt mir bekannt vor! So beginnt Karl Leichtfried zu trinken, die Mutter stirbt, die Schwester Grete geht in den Telefondienst, hat den Kopf voller Männer, wird sich später scheiden lassen und schließlichen einen Bombenangriff nicht überleben und Martin, der Komponist werden will und Jus studiert, verachtet die Welt und die Menschen, fühlt sich als Deutscher und träumt von der Vereinigung.
Es gibt eine herrliche Szene, wo Karl Leichtfried mit dem Nachbarn Erlebach, dessen Tochter Fanny Martin später heiraten wird, zum Heurigen geht und dort die Majestät beleidigt, vernadert wird und von einem gemütlichen Beamten verwarnt wird, der ihm erzählt, „daß die Jugend nicht alles besser wissen soll und der alte Kaiser nicht das Schlechteste ist!“ und eine, wo Fanny, die Schopenhauer liest und sich als Frau verwirklichen will, eine Stelle als Kindermädchen in England sucht, sich bewirbt, auch eine Antwort von einer Missis Summerfield bekommt, die der Bruder Georg, der an der technischen Hochschule studiert, übersetzen soll, das aber so wörtlich tut, daß die Großmutter Missis Summerfield für verrückt hält und Vater Erlebach die unmündige Tochter nicht ziehen lassen will.
Die praktische Fanny holt sich aber eine zweite Übersetzung, fährt nach England, lernt dort einen alten Schriftsteller kennen, von dem sie eine Kleinigkeit erbt, das sie in Aktien anlegt, die sie später verlieren wird.
Denn es kommt der erste Weltkrieg, Martin wird eingezogen und verletzt, verliert fast sein Bein und wird von der skeptischen jüdischen Ärztin Ruth Flesch gerettet, die in Auschwitz ihr Leben verlieren wird, weil Fanny sie zwar vorher in ihrer Wohnung versteckte, ihr nationalsozialistischer Bruder sie dort aber findet.
Aber vorerst vermittelt die rothaarige Ärztin die Ehe zwischen Fanny und Martin, Martin wird vom Kriegsdienst entlassen und, wie er es der Mutter am Sterbebett versprochen hat, zum hinkenden roten Richter, der sich erst lange in einem Ort namens Lettenbach herumschlagen muß, es sich dort mit den Honoratioren verscherzt und als Richter so wenig verdient, daß Fanny ein Kurzwarengeschäft errichten muß, was sie als Richtersgattin eigentlich nicht darf.
Der Sohn Erich Goeffry wird geboren und Österreich von den Deutschen besetzt. Zuerst war da aber noch der Austrofaschismus und Erich, der gern Krieg spielte, beteiligte sich am 12. Februar, die Familie wohnt inzwischen im Karl-Marx-Hof und wird von seinem Vater zurückgeholt, später wird er eingezogen, lernt die Berlinerin Gerda kennen, die das Söhnchen Tillmann gebiert, während Martin Strafrichter wird, der keine Todesurteile unterschreibt, was den Verurteilten zwar nichts hilft und Martin, als der Spuk vorüber ist, sich aber immer noch als Deutscher fühlt, niemand glauben will, daß er kein Nationalsozialist war.
Er war ein Philosoph, las und schrieb, verliert aber die Ergebnisse seiner Forschungen durch die Kriegswirren und Erich zieht, von der amerikanischen Gefangenschaft zurückgekommen, mit seiner Gerda nach Essen, wo ihn Martin und Fanny 1955 besuchen, sich in dem Stahlwerk, wo er Direktor ist, herumführen lassen, den Bungalow mit Fernsehapparat und der besten Architektur bewundern, in dem Erich mit seiner Familie wohnt und Martin wird, als er sich Essen auch zu Fuß anschauen will, siebzigjährig, von einem Vierzehnjährigen zusammengeschlagen, weil, wie der Kulturkritiker Ralph Abt in einer Zeitung zynisch nachweisen will, „Die sogenannten Übergriffe Jugendlicher nur auf das Konto der Erwachsenen und ihrer überlebten autoritäten Vorstellungen zu erklären sind!“
Was das sechzig Jahre alte Buch wieder sehr aktuell erscheinen läßt, wurde ja vor ein paar Tagen ein Vierzehnjähriger bei einem Einbruch im Merkur-Markt Krems von der überforderten Polizei erschossen und die Kommentare in den Zeitungen lauteten sehr ähnlich.
Martin erleidet einen Schädelbruch, der Arzt ist skeptisch, er hält sich aber selber eine Todenrede, in der er den Zustand dieser Welt beschwört, die ihren Protagonisten nichts erspart und wie ein Ritt auf dem Tiger ist.
„Am Ende wirst du unweigerlich aufgefressen!“ und überlebt, so daß er im letzten Kapitel mit seinem Enkel Till fischen geht.
Ein interessantes Buch, vor allem für eine, die sich sehr für die Vergangenheit interessiert und die erste Wirtschaftskrise mit der zweiten vergleichen will und erstaunlich aktuell und lebendig geschrieben.
Ein paar andere Habeck Bücher warten noch auf mich, aber jetzt gehts wahrscheinlich doch zum „Lagerfeuer“.

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