Literaturgefluester

2009-08-13

Lagerfeuer

Filed under: Uncategorized — jancak @ 18:37

Nach der gestrigen Diskussion mit meiner Stammleserin Maria Heidegger und einigen Vorerfahrungen, werde ich aus der Sophie doch eine Marie machen, klingt ja auch sehr schön und dann habe ich „Lagerfeuer“ ausgelesen.
„Lagerfeuer“ ist der dritte Roman der 1970 in Ostberlin geborenen Julia Franck, die 1978 mit ihrer Familie in den Westen kam und einige Zeit im Notaufnahmelager Marienfelde lebte, 2000 hat sie beim Bachmannpreis gewonnen, 2007 war sie mit der „Mittagsfrau“ Gewinnerin des deutschen Buchpreises. Diesen Roman habe ich zu Ostern gelesen und dann kenne ich noch den Geschichtenband „Bauchlandung“ von ihr.
Jedes der Bücher, hat, glaube ich, einen eigenen Stil. Ostberlin und die ehemalige DDR spielen in allen eine große Rolle und „Lagerfeuer“ würde ich als Episodenroman bezeichnen, gibt es da ja vier Handlungsstränge, vier Ich-Erzähler, die die Geschichte von dem Lager Marienfelde in abwechselnden Kapiteln mit schön klingenden Titeln vorantreiben.
So ist „Nelly Senff fährt über eine Brücke“ das erste. Nelly Senff ist auch die Hauptperson. Eine schöne junge Frau, die mit ihren zwei Kindern und einem Mann namens Gerd die DDR verläßt und im Aufnahmelager landet.
Vorher wird sie verhört, untersucht und ausgezogen und nach dem Passieren der Grenze wiederum von den Geheimdiensten empfangen. Sie lebt im Lager mit wenig Geld, muß zur Arbeitsvermittlungsstelle und ihren Kindern erklären, daß sie ihnen nicht immerfort neue Schuhe und Barbiepuppen kaufen kann.
Es gibt sehr realistische Schilderungen des Lagerlebens und der Schwierigkeiten, die die Leute haben, die in diesem Fall vom Osten kommen, am eindrucksvollsten wird das in dem Kapitel beschrieben, in dem Nellys Sohn Aleksej von seinen Mitschülern als Ostpocke beschimpft und zusammengeschlagen wird, ins Krankenhaus muß und sie vom Arzt belehrt wird, daß Aleksej Untergewicht und Läuse hat, er ihr den Hergang der Geschichte nicht glauben und zur Anzeige bringen will, weil Dr. Bender, wie Nelly es nennt, in einer anderen Welt lebt, dann erscheint eine elegante Dame im Reitanzug mit ihrem Sohn Olivier, der sich bei Aleksej entschuldigen soll, obwohl er bei der Sache gar nicht angefangen hat und legt ein Päckchen mit Schleife auf das Krankenbett, in der eine Pipi Langstrumpf Kassette ist, aber leider gibt es im ganzen Lager kein Abspielgerät.
Die anderen Ich-Erzähler sind die dicke Pelz tragende Polin Krystyna Jablonowska, die ihr Cello verkaufte und mit ihrem Vater und Bruder Jerzy nach Marienfelde kam, weil man nur im Westen seinen Krebs behandeln kann. Jerzy stirbt trotzdem, Krystyna wird Aushilfe in einem Schnellrestaurant und verläßt den alten Vater, der den ganzen Tag im Etagenbett liegt und von seiner Vergangenheit als Eintänzer träumt.
Dann gibt es den geheimnisvollen Hans Pischke im Glück, der nie das Lager verläßt und nur selten pinkeln geht, weil er sich von seinen Nachbarn, einem Ehepaar mit Kind, gestört fühlt. Hans ist mißtrauisch und stellt dem Geheimdienst Fallen, wird von Grit Mehring vernadert, der Stasi angehört zu haben, bekommt plötzlich eine vierzehnjährige Tochter, für die er sorgen soll, fängt aber auch im Waschhaus ein neues Glück mit Nelly an und als vierte Ich-Figur gibt es den CIA-Agenten, John Bird, der mit seiner Frau Eunice nicht viel anfangen kann, von Nelly Senffs fruchtigen Geruch benebelt wird und von einer großen Karriere im Geheimdienst träumt.
Wie schon erwähnt, es gibt sehr realistische Szenen, in denen man sich das Lagerleben gut vorstellen kann. Dann wird es aber immer wieder unübersichtlich, so daß es manchmal mühsam ist, der Handlung zu folgen.
Die Verfolgungsphantasien der Bewohner spielen eine große Rolle, so taucht plötzlich ein geheimnisvoller Dr. Rothe vom Bärenclub auf, der Nelly Senff helfen will, aber mit spitzen Gegenständen hantiert, Hans Pischke hilft der Nachbarin beim Sterben und Nelly Senff verschwindet mit John Bird in einem Hotel, obwohl der ja mit Lagerbewohnern keinen Kontakt haben darf und am Ende wird es ganz grotesk, da wird in Marienfelde nämlich Weihnachten gefeiert.
Es gibt Gans für alle mit Rotkraut und Klößen soviel man mag, die Lagerbewohner strömen in die Kantine, am Eingang steht die Leiterin und reicht jeden die Hand und auf der Bühne steht Dr. Rothe mit seiner Frau, die zufälligerweise Oliviers Mutter ist und verkündet stolz, wem allen der Bärenclub schon mit wieviel geholfen hat.
Es gibt einen Sack Geschenke für die Kinder, die sie bekommen, wenn sie vorher ein Gedicht aufsagen. Katja Senff singt von Hänsel und Gretel und der bösen Hexe, Aleksey das „Lied von der Freude“ und Hans Pischkes Tochter Dooren muß am Ende gar nichts mehr sagen, stolpert mit ihrem Geschenk über den Weihnachtsbaum, so daß dieser zu brennen beginnt und man erfährt, warum der Roman „Lagerfeuer“ heißt.

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