Literaturgefluester

2009-08-30

Der elfte Mann

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:36

„Der elfte Mann“ von Erich Loest passt gut zu meinen Literaturerlebnissen dieser Woche, obwohl der 1969 erschienene Roman des ehemaligen DDR-Autors von einen Fußballspieler handelt und ich gedacht habe, Bücher über Fußball interessieren mich nicht.
Ich habe es von der St. Pöltner „Thalia“-Abverkaufskiste, bzw. dort umgetauscht, weil Alfred mir ein Buch doppelt besorgt hat.
Jürgen Hollstein hat ein schußstarkes linkes Bein und einen hellen Kopf, studiert Physik und muß sich entscheiden, ob er in die B-Liga, zum Fußballehrgang und in die bulgarische Sonne oder mittels des sozialistischen Begabtenförderungsprogramm, ja sowas gab es in der DDR, in zehn Jahren das Forschungsinstitut für Baustoffe und Bautechnologie in Kliethendorf übernehmen will, weil der Staat voraus denkt und in der Zukunftsvision vom Jahr 2000 viel gebaut werden wird …
Das ist die Grundhandlung der 295 Seiten, dazwischen baut Erich Loest, der 1926 in Sachsen geboren, 1957 verhaftet wurde und aus politischen Gründen sieben Jahre im Zuchthaus saß, ein wahres Panaroma eines kritischen und dennoch liebevoll gezeichneten DDR-Lebens der Sechzigerjahre auf.
So schwankt der Vorzeigestudent zwischen seiner Freundin Renate, einer Schuhverkäuferin, die sich vom Friseur Düskin für einen Frisierwettbewerb die Haare silbergrau färben und ein resedagrünes Kleid schenken läßt und dem Lilamädchen Kat Biber, der Geschichts-Studentin, mit der er immer im Bus zur Uni fährt.
Es gibt den Journalisten Göhke, der wegen einer Karriere bei der Fußballzeitung sein Germanistikstudium sausen ließ. Jetzt trifft er sich des Abends mit Hollsteins strengen Physikprofessor und einen Architekten, während an seiner Frau Christine ein Krebs diagnostiziert wird, die Ärzte ihr darüber keine Auskunft geben und man auch den DDR-Schwestern nach der Aufnahme am besten zwanzig Mark in die Hand drückte.
Aber auch der Musterprofessor Bernskohn, der einmal der drittjüngste Professor der DDR war, hat so seine Sorgen, entdeckt doch seine Gattin Gerda das Tagebuch der pubertierenden Tochter im Wäscheschrank und in dem steht nicht nur „Vati ist doof“, sondern auch, daß Karin mit ihrer Freundin Sigrid auf Diebstour geht, im Kaufhaus Aufbau schon für mindestens hundert Mark geklaut hat, darunter Strümpfe, die die Mutter zum Geburtstag bekam.
Und Hollstein leidet, weil er keinen Käse zum Abendbrot bekommt, weil es in den HOs nur Eckerlkäse gab und den mag der Student nicht.
Ein erstaunlich offenes, erstaunlich liebevoll und sprachlich exzellent geschriebenes Buch, vom dem im Nachwort steht, die dtv-Ausgabe, die „Thalia“ abverkaufte, ist 1992 erschienen, daß Loest, als er 1964 aus der Haft entlassen wurde, magenkrank war und, weil er sich immer schon für Fußball interessierte, beim Sportklub „Lokomotive“ Kontakt knüpfte. Ein Jahr lang war er dort beim Training und ebensolang in den Hörsälen des Physikalischen Instituts der Uni Leipzig.
1969 ist das Buch beim Mitteldeutschen Verlag Halle herausgekommen und hat die Zensur ohne Schwierigkeiten passiert. Den geplanten DEFA Film haben die Fußball-Funktionäre aber sabotiert. Das was in dem Buch steht ist wahr, nur eines steht nicht darin, daß nämlich einmal im Monat ein Onkel mit dem Geldköfferchen zu den Spielern kam.
Wenn er das geschrieben hätte, wär das Buch nicht erschienen, schreibt Loest im Februar 1992 in der dtv-Ausgabe, der 1981 die DDR verließ, nach der Wende aber wieder nach Leipzig zog.
Wenn das Buch heute geschrieben würde, würden sich in dem Köfferchen wahrscheinlich die neuesten Doping-Spritzen bzw. Ampullen befinden und mir hat das Buch sehr gut gefallen und noch ein Bonmot am Schluß.
In der Entscheidungsphase, Hollstein hat sich natürlich für die Physik entschieden, geht er mit Kat zu einem Literaturvortrag, dort fragt die schöne Studentin, welchen Satz man als erstes in jeder Fremdsprache lernt?
Ist es „Herr Ober, ein Bier?“ oder doch „Proletarier aller Länder…?“
Aber nein „Ich liebe dich!“ natürlich, schreibt Kat auf einen Zettel.
„Auch das noch!“, seufzt Hollstein.

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