Literaturgefluester

2009-12-11

Und Nietzsche weinte

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:28

Es ist ein interessantes Buch, die heurige „Eine Stadt – ein Buch“ – Aktion, der 1992 geschriebene Bestseller „Und Nietzsche weinte“, des 1931 in Washington geborenen Psychoanalytikers, Irvin D. Yalom und ganz anders, als erwartet.
Bürgermeister Häupl hat, als er die Aktion, vor der Buch Wien im November eröffnete, von einer „Schweren Kost für seine Wiener“, gesprochen und davon, daß man dadurch das Wien des Jahres 1882 kennenlernen kann und Robert Eglhofer, der es vorige Woche gelesen hat, hat gesagt es würde ihm gefallen und mir hat es das eigentlich auch.
Das Buch schildert die fiktive Begegnung zwischen Friedrich Nietzsche und Josef Breuer im Wien des Jahre 1882. Freud ist ein junger Assistenzarzt und der Roman beginnt im Oktober in Venedig, wo Breuer im Cafehaus sitzt und auf Lou Salome wartet, die ihn dort hinbestellt, weil, wie sie schreibt „Die Zukunft der deutschen Philosophie auf dem Spiele steht!“ und erzählt von einer menage a trois, die sie mit Nietzsche und Paul Ree führen wollte, die aber schiefgelaufen ist, so daß sich Nietzsche abwandte, an Kopfschmerzen leidet und selbstmordgefährdet ist, weshalb ihn Breuer heilen soll.
Nietzsche will aber nicht behandelt werden und Breuer hängt noch an der fehlgeschlagenen Behandlung mit Anna O., respektive Bertha Pappenheim, bzw. an Lou Salomes Busen und weiblichen Selbstbewußtsein. Verspricht aber Nietzsche in Wien zu behandeln, wenn er in seine Praxis kommt. Der kommt dann aber nur wegen seines organischen Leiden und darf von der Abmachung zwischen Breuer und Lou Salome nichts wissen. Breuer liest heimlich Nietzsches Bücher „Die fröhliche Wissenschaft“ und „Menschliches Allzumenschliches“, die man damals noch nicht in Wien bekommt. Nietzsche will die Behandlung abbrechen, bekommt in seinem Pensionszimmer aber einen so starken Migräneanfall, daß Breuer geholt wird, er vernimmt den unbewußten Hilfeschrei des Patienten und grübelt darüber nach, wie er den Philosophen doch zu einer Therapie verlanlassen kann.
Das, was ihm einfällt ist, ist eigentlich ein mieser Deal, nämlich, daß er Nietzsche anbietet, ihn von seinen eigenen Schwächen, der unglücklichen Ehe, der Besessenheit zu Bertha Pappenheim und der Angst vor dem Alter zu heilen, wenn Breuer ihn dafür in eine Privatklinik einweisen und seine Kopfschmerzen behandeln darf.
Nietzsche geht schließlich darauf ein. Die Rollen werden getauscht. Das Kopfweh verschwindet und Breuer geht es vorerst schlechter, er will zwar Nietzsche eigentlich dazu verführen von sich und seinen Schwächen zu erzählen, aber vorerst ist Breuer der Patient und leidet an Bertha, besucht mit Nietzsche den jüdischen Friedhof, wo dieser darauf kommt, daß Breuers Mutter ebenfalls Bertha hieß, worauf Nietzsche seinem Patienten nahelegt, sein Leben zu verändern.
Zuerst glaubt man nun, Breuer schmeißt alles hin, läßt seine Tauben in die Freiheit, verläßt Mathilde und seine fünf oder sechs Kinder, um in das Sanatorium zu Bertha Pappenheim zu fahren, die dort aber mit dem sie betreuenden Arzt das gleiche Spiel betreibt, so fährt er nach Venedig, läßt sich den Bart abschneiden und beschließt Koch zu werden, bis man erkennt, das war nur ein Hypnoseversuch, zu dem Breuer den jungen Sigmund aufgefordert hat.
Dadurch wird Breuer geheilt, was er seinem Patienten am nächsten Morgen im Sanatorium, nachdem er sich wieder zu Mathilde hingezogen fühlt und sich auch mit seinem Schwager Max plötzlich versteht, berichtet.
Er zeigt ihm auch den Brief von Lou Salome und berichtet von dem Ränkespiel, was Nietzsche schließlich zum Weinen und zum Loslassen von Lou Salome bringt, der er, während er den Therapeuten spielte, wütende Briefe geschrieben hat.
Es wird also auch Nietzsche geheilt, durch die gegenseitige Redekur, die später in die Geschichte als Psychoanalyse eingehen wird, Freud wird berühmt damit, bevor er Wien 1938 verlassen muß, aber das ist nicht Gegenstand des Romans, der am 18. Dezember 1882 endet, in dem Josef Breuer in seine Praxis zurückkehrt, noch dreißig Jahre zufrieden praktizieren aber nie mehr die Redekur anwenden wird, während Friedrich Nietzsche am selben Nachmittag einen Fiaker besteigt und nun doch in den Süden reist, um sich statt mit Lou mit einem ehrbaren Propheten namens Zarathustra zu treffen.
Mir hat die fiktive Begegnung einer nie gemachten Therapie, die die Welt verändert, schließlich doch gefallen, während ich am Anfang an dem Ärztedünkel und dem Pfusch, der scheinbar da passierte, leicht verzweifelt bin. Aber Yalom löst alles auf und spielt ein spannendes Spiel mit seinen Lesern, in dem er Nietzsche und Breuer die Psychoanalyse erfinden läßt, während Freud nur assistiert, bzw. sich von Mathilde bekochen und in die Badewanne legen läßt.
Man erfährt wirklich viel über das Wien 1882 und das Wesen der Psychoanalyse, obwohl ich schon vorher etwas darüber wußte, einiges überlesen habe und es fast zuviel an Happyend gibt, denn Nietzsche ist ja später in geistiger Umnachtung gestorben und Freud ist es in seinen letzten Lebensjahren auch nicht sehr gut gegangen. Wir haben inzwischen aber eine Psychotherapie, die sich in vielen Formen und Schulen weiterentwickelt hat. Und Herr Bürgermeister, die Gesprächstherapie wurde natürlich von Carl R. Rogers „entdeckt!“.

3 Kommentare »

  1. Liebe Eva!

    Danke für die beiden Rezensionen, Yalom und Wondratsch. Robert und ich haben sie mit Interesse gelesen und sehr informativ befunden.
    St. Pölten in der System- und Nazizeit wird sehr einprägsam dargestellt, was deine Rezi ja klar herausstreicht. Da mein Verlag noch über mehrere Exemplare verfügt, hoffe ich auf weitere Anteil- und Abnahme.
    Nietzsches Leiden ist ein glaubhafter Stoff für eine Psychoanalyse, seinem philosophischen und dichterischen Werk kann der Roman natürlich nicht gerecht werden.
    Über einen weiteren Kommentar zum etcetera würden sich Robert und seine Litges St. Pölten freuen. Dein literarischer Kennerblick prädestiniert dich dazu.
    LG
    Ruth und Robert

    Kommentar von Ruth — 2009-12-13 @ 19:25 | Antworten

  2. Zu Wondratsch noch dieser Nachschlag, der auch meine Homepage bekannt gibt.
    Ruth

    Kommentar von Ruth — 2009-12-13 @ 19:29 | Antworten

  3. Ja, das ist ein wirklich schönes Heft, weil man alles drinnen findet, die jungen Autoren Magda Woitzuk, Anna Weidenholzer, Robert Prosser, Cornelia Travnicek und und und…
    Mit für mich unbekannten Siegertexten, wie zum Beispiel „Die Urne“ von Paula Fürstenberg, von der ich bisher noch nichts gehört habe und dann die ersten Texte, der schon bekannten österreichischen Autoren, wie Doron Rabinovici, Ferdinand Schmatz, Bettina Balaka, Patricia Brooks, Nils Jensen, Petra Ganglbauer und und und…
    Die Jury zur Litarena bestand aus dem bewährten Sprachkunst- und Literaturakademieteam Gustav Ernst und Robert Schindel, sowie vielleicht ein bißchen weniger bekannt Thomas Havlic. Das beste also, was Österreich an Literaturkennern anbieten kann und das, was mich daran besonders faszinierte, war der Bogen zum fröhlichen Wohnzimmer und den wirklich schönen Illustrationen von Ilse Kilic und Fritz Widhalm, die dann noch so köstliche Anmerkungen übers Schreiben gaben, was das Heft zu einem ganz besonderen literarischen Gustostückerl macht.
    Alles in einem also, ein Kurzkurs der österreichischen Gegenwartsliteratur in 69 Seiten, ja richtig, Rezensionen zu den österreichischen Neuerscheinungen, wie z.B. von Cornelia Travniceks „Fütter mich“ und Judith Gruber-Rizys „Drift“ gibts auch finden.
    Jetzt müßte nur noch ein klitzekleiner Text von mir drinnen sein…
    Es ist aber auch so sehr zu empfehlen und für den Deutschunterricht ideal.

    Kommentar von Eva Jancak — 2009-12-13 @ 20:09 | Antworten


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