Literaturgefluester

2009-12-21

Fehlerkultur

Filed under: Uncategorized — jancak @ 19:53

Das Weihnachtswinterwetter mit Schnee und Kälte ist eingetroffen, das Wochenende in Harland vorüber und mein Bericht über die Literatur der Fünfzigerjahre wohl ein bißchen unverständlich ausgefallen, denn nicht nur Rudi Lasselsberger mailte launig, daß ich den Gerhard Fritsch zu einem Thomas machte und mich beim Konrad Bayer verschrieben habe, sondern auch meine kritische Leserin Maria Heidegger hat sich mit einem Rundumschlag gemeldet, zu dem ich, obwohl ich auf ihre Kommentare schon geantwortet habe, in einem eigenen Artikel Stellung nehmen will.
Denn das, wie gehen wir mit Fehlern oder auch mit Schwächen um, ist sicher interessiert. Beim KAV, dem Wiener Krankenanstaltenverbund, der die Wiener Gemeindespitäler verwaltet, verwendet man einen eigenen Begriff, den der „Fehlerkultur“, damit ist der Umgang mit Kunst- oder Beinahefehler, die nicht passieren sollen, aber immer wieder vorkommen, denn nobody is perfect, gemeint und wir leben auch in einer Gesellschaft, in der man immer stark und perfekt sein muß.
Wie ist das nun beim Schreiben? Denn da geht es eigentlich um nichts, so daß man keine Abteilung für Fehlerkultur bräuchte, wenn eine ein s zuviel oder zuwenig schreibt.
Sollte man meinen, denn dem ist nicht so, wurden wir ja wahrscheinlich alle in einer öffentlichen Schule sozialisiert, wo wir von klein auf das Konkurrenzdenken lernten und die Hand über das Heft zu legen, wenn der Nachbar abschreiben wollte.
„Frau Lehrer, ich bin besser!“ und wo das nicht so ist, braucht es Ritalin oder andere Psychopharmaka und dann gibt es die Kreativität und den weitverbreiteten Wunsch in uns zu singen, zu tanzen, zu malen und zu schreiben und unserem Leben dadurch einen besonderen Sinn zu geben.
Dann gibt es die literarischen Wettbewerbe, da schicken drei-, vierhundert Leute ihre Texte hin und einer bis zwei oder drei werden ausgewählt.
Was passiert mit der Kreativität der anderen, wo wird die endgelagert, bis sie vielleicht in den Seniorenheimen von einer engagierten Ergotherapeutin aufgeweckt werden wird? Die Behindertenvereine haben da schon zugelegt und bieten für ihre Klienten Kreativwerkstätten an, wo gemalt, getöpfert und geschrieben wird. Ein Beispiel ist der „Ohrenschmaus“ und vor Weihnachten druckt der Standard die Siegertexte und Ö1 sendet sie auch!
Was passiert aber mit den anderen, der sogenannten Normalbevölkerung, die nicht so gut, wie Peter Handke, Cornelia Travnicek oder Thomas Bernhard schreibt?
Dürfen die es nicht trotzdem probieren, wenn es Spaß macht und gefällt?
Doch, denke ich und schreibe so gut ich kann, mit und ohne Rechtschreibprüfung. Denn mir wäre die Rechtschreibung an sich egal, ich habe inzwischen aber gelernt, verständlich sollte es schon sein und möchte Mut und Beispiel geben, es selber zu probieren, auch wenn es vielleicht nicht so schön, wie die Texte von Robert Menasse, Elfriede Jelinek oder Gert Jonke wird.
Der eifrige Literaturzeitschriftenleser Otto Lambauer hat in seinem Blog von einem Text von Peter Landerl in der Zeitschrift Kolik berichtet, in dem der Literaturwissenschaftler klagt, daß die Texte, die heute eingereicht werden, einfallslos und beliebig sind. Gut gemachtes Handwerk, wie man es in Leipzig oder Hildesheim lernt. Vielleicht weil alle nach demselben Muster schreiben, um bei den Wettbewerben bei den ersten drei zu sein und das ist schade, finde ich und denke, daß wir uns selber sehr viel nehmen, wenn wir immer auf die sogenannten Fehler schauen, statt wertschätzend und offen auf die Arbeiten anderer zuzugehen und erst einmal zuhören. Ich versuche das jedenfalls und kann auch einmal über einen Fehler hinwegsehen, bzw. mich freuen, wenn ich selber besser bin!
Ich habe schon geschrieben, daß ich mir mit der Kritik, auf die ich vor dreißig Jahren, in Arbeitskreisen, wie zum Beispiel, den der schreibenden Frauen, gestoßen bin, schwer getan habe. Die war nicht sehr konstruktiv. Das hat sich inzwischen geändert. Die heutigen Autoren, die Schreibwerkstätten anbieten, sind da anders, zumindest die Schreibpädagogen. Da habe ich im November so ein Seminar mit Doris Nussbaumer mitgemacht und Anni Bürkl hat hier auch einmal ein Beispiel angeführt.
Das „Schauen wir, wie der Text bei uns wirkt, was er in uns auslöst, was habe ich verstanden und was nicht?“, ist sicherlich viel konstruktiver, als ein Rundumschlag, der zu Beschimpfungen und persönlichen Untergriffen führt. Denn irgendwie sind wir alle verletzbar, zumal wenn wir über Persönliches schreiben.
Ich habe einmal, als wir Besuch von einer Amerikanerin hatten, mich mit dieser in Englisch unterhalten, worauf ich von meiner Tochter unterbrochen wurde, die meinte, daß ich eine fürchterliche Aussprache hätte.
„Gut!“, habe ich gedacht, höre ich mir an, wie sie Englisch spricht. Und es kam nichts. Sie hat nicht gesprochen. Als ich nachfragte, sagte sie mir, daß sie sich das nicht trauen würde, um keine Fehler zu machen.
Und das ist es, denke ich, nicht! Nur durch Fehler lernt man und so gesehen, habe ich durch das Literaturgeflüster viel gelernt und durch Frau Heidegger, mit Kritik umzugehen. Auch wenn ein persönlicher Untergriff nicht sein muß! Ein Hinweis: „Das ist falsch geschrieben und bei dem Text bist du ein bißchen unverständlich!“, hilft aber, es besser zu machen!
Ich frage mich natürlich, was ist das, daß wir gelernt haben, auf vermeintliche Schwächen anderer herumzuhacken, warum tun wir das? Und wenn es zur Folge hat, daß wir selbst verstummen, um keine Fehler zu machen, kann es das doch auch nicht sein!
Also ich traue mich und schreibe das Literaturgeflüster als meine literarische Visitenkarte, als schreibende Frau, nicht als Dichterin, das sind für mich Friederike Mayröcker und Marie Therese Kerschbaumer, aber als meine persönliche Lebensform, die mir sehr wichtig ist und ich möchte alle ermuntern, das auch zu tun!
So gut, wie man es kann, denn der Literaturwissenschaftler Peter Landerl hat ja die Authentizität und Ehrlichkeit in den literarischen Texten vermißt. Schreiben wir so gut wir können, hören wir den anderen zu und wenn wir besser sind, freuen wir uns!
So sieht es die Psychologin und Psychotherapeutin, die ich hauptberuflich bin und damit möchte ich die Weihnachtswünsche, die ich gerade von Judith Wolfsberger vom Writersstudio bekommen habe, weitergeben.
„Ich wünsche euch“, hat sie geschrieben „daß ihr eure Schreibprozesse und eure Texte wertschätzt, ganz egal, ob sie frisch und ungehobelt, abgelegen und zerkaut oder abgeschlossen und glänzend sind!“
In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern und Kritikern ein schönes Weihnachtsfest mit viel Freiraum und Kreativität, Mut, Wertschätzung und Toleranz und das schöne japanese paper blank mit dem original Schreibwerkstatt Kugelschreiber und einigen Schreibwerkstatt.de Visitenkarten ist auch gekommen. Das ist auch ein Forum zum Mut holen und hat gleich den passenden Artikel nämlich, „Bestseller, Welterfolge – das schaffe ich nie!“
Nachzulesen auf www.schriftsteller-werden.de.

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5 Kommentare »

  1. ebenfalls ein schönes weihnachtsfest. und beim schreiben geht es nicht um nichts sondern immer um alles,was allerdings vielleicht auch wieder nichts ist, naja, was wissen wir denn schon, stimmts oder hab ich recht. und prosit neujahr! nur weiter so, liebe eva jancak! herzlichst rl

    Kommentar von rudolf lasselsberger — 2009-12-22 @ 00:02 | Antwort

  2. sch… auf den einen oder anderen fehler, hauptsache es kommt ehrlich rüber, ist ernst gemeint, nicht besserwisserisch, aufgesetzt oder geschrieben, weil man/frau halt so schreibt. darum eva: locker bleiben, wer beckmesserisch herumverbessert wirds halt auch brauchen für die psyche. mir gfällt dein blog und ich freu mich schon auf 2010.

    Kommentar von ofips — 2009-12-22 @ 00:23 | Antwort

  3. Also liebe Frau Jancak, jetzt bin ich ganz erschrocken. Ich habe keinen Rundumschlag geschrieben, sondern Sie darauf aufmerksam gemacht, dass Sie mitunter Sätze schreiben, die keinen Sinn ergeben, und dass man nur dann so gut wie Peter Handke schreiben kann, wenn man viel daran arbeitet, das habe zumindest ich so bei einem Schreibseminar gelernt. Außerdem würde den Lesern das Lesen leichter fallen, wenn Sie so schreiben, dass man auch versteht was gemeint ist. Jedenfalls wollte ich Sie keinesfalls kränken, liebe Frau Jancak!!!

    Kommentar von Maria Heidegger — 2009-12-22 @ 08:29 | Antwort

  4. Da bin ich zwar nicht ganz sicher, aber jetzt kränkt mich das nicht mehr. Obwohl ich meine, daß man sehr vorsichtig sein soll, denn die Seele hat Arthur Schnitzler einmal geschrieben, ist ein weites Land und sehr empfindlich, das setze ich als Psychotherapeutin hinzu.
    Wenn Sie das vor zwanzig, dreißig Jahren geschrieben hätten, hätte es mich sehr irritiert und getroffen!
    Nach eineinhalb Jahren Literaturgeflüster und einem Jahr Frau Heidegger, tut es das kaum mehr.
    Und wenn Sie das jetzt vielleicht auch wundert, möchte ich mich für Ihre Kommentare, die Sie mir im letzten Jahr so regelmäßig schickten, bedanken, denn durch sie habe ich formulieren gelernt!
    Ich denke mir manchmal, meine Leser glauben vielleicht, ich hätte Sie erfunden, um das Literaturgeflüster lebendiger zu machen, aber Sie sind echt, obwohl ich manchmal nicht ganz sicher bin, ob Sie das, was Sie schreiben, wirklich so meinen!

    Kommentar von Eva Jancak — 2009-12-22 @ 09:33 | Antwort

  5. Also bitte, liebe Frau Jancak. Ich will Sie niemals kränken oder verletzen und wenn ich dann und wann übers Ziel hinausgeschossen sein sollte, tut es mir natürlich leid. Ich finde nur, jeder Mensch der anderen etwas Geschriebenes zeigt, sollte es vorher wenigstens durchlesen, denn ich finde es respektlos anderen halbgares um die Ohren zu schlagen. Und der von mir zitierte Satz war so einer von dem ich sicher war, dass Sie ihn beim Durchlesen als Fehlerhaft erkannt hätten. Also bitte nicht persönlich nehmen!!! Schöne Weihnachten und viel Erfolg!

    Kommentar von Maria Heidegger — 2009-12-22 @ 14:19 | Antwort


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