Literaturgefluester

2010-01-04

Lektionen des Verborgenen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

„Lektionen des Verborgenen“, dtv, 2001, ist eine Mutter-Tochter-Geschichte, die Identitätssuche, der 1964 in München geborenen, seit 1983 in Italien lebenden Helena Janeczek und beginnt ähnlich, wie bei Lily Brett, mit dem Essen oder dem Hungern, dem Stückchen Brot, das vom Boden aufgehoben wurde und der disziplinierten Siebzigjährigen, die ihrer Tochter vorwirft, zu fett zu sein und sich selbst die größten Vorwürfe macht, weil sie mit zwanzig das Ghetto von Zawiercie, die Eltern und den Bruder Jerzy mit zwei Groschen in der Tasche verließ, weil sie nicht in den Öfen verbrennen wollte, wie das die Familie später tat.
Fünfzig Jahre später reist Jelena mit ihrer Mutter nach Warschau, Krakau, Auschwitz, Zawiercie, um all diese Orte kennenzulernen und ein Buch darüber zu schreiben.
Sie denkt auch über ihr Leben nach, das in Deutschland begann, weil es ihre Eltern, der Vater lungenkrank mit einem falschen Paß, der ihm die Lager ersparte, die Mutter Auschwitz überlebend, zufällig dorthin verschlug. Die der Tochter nicht viel von ihrer Jugend erzählten, so daß diese, wieder ähnlich, wie bei Lily Brett, die Traumatisierungen der Mutter und ihre eigenen Ängste schildert.
Da der kranke Vater nicht als Arzt arbeiten kann, steigt die Mutter in den italienischen Schuhhandel ein, die Tochter wird von einem deutschen Kindermädchen aufgezogen, lernt in der Schule Jesus lieben, bevor sie in die jüdische Gemeinde München kommt und sich dort als schlechte Jüdin fühlt.
Es gibt aber auch eine starke Gemeinsamkeit zu der Mutter mit der sie Holocaustbücher liest. Das der Ruth Klüger gefällt der Mutter nicht, während sich Mutter und Tochter über den Film vom Hitlerjungen Salomon so empören, daß sie schimpfend das Kino verlassen und vermuten, nun für antisemitisch gehalten zu werden.
Die Tochter geht nach dem Tod des Vaters nach Italien, studiert und heiratet, das Studium bringt sie lange nicht zu Ende, was der Mutter große Sorgen macht. Hat Schwierigkeiten mit den Ämtern und der Aufenthaltsgenehmigung, obwohl ihr die als EU-Bürgerin zusteht. Identitätsverwirrungen auch mit den jüdischen Tanten und Onkeln und Großeltern, die Helena nie gesehen hat, aber trotzdem in ihr Gebet einbezieht, wie sie auch ihre drei Vornamen von ihnen hat und es drei Sprachen in ihrem Leben gibt. Das Polnisch der Eltern, das sie nicht kann und doch versteht, das Deutsch in dem sie sozialisiert wurde und das, wie ihr Paß, doch nicht das ihre ist, so daß sie Italienisch lernte und inzwischen akzentfrei spricht.
Langsam und zögernd tastet sich Helena Janeczek an die Vergangenheit der Mutter heran. Der Erzählton bleibt immer dokumentierend sachlich, während Lily Brett, als sie mit ihrem Vater Auschwitz und Krakau bereiste, von Gespenstern verfolgt wurde.
Zum Schluß findet Helena zu ihrem deutschen Kindermädchen zurück und schreibt das Buch über die Vergangenheit der Mutter auf Italienisch, von Moshe Kahn ins Deutsche übersetzt.
Gefunden habe ich es vor fast einem Jahr, als ich mich zu den „Haus“-Recherchen auf die Baumgartner Höhe machte und dabei über die Ein-Euro-Buchlandungskiste auf der Mariahilferstraße stolperte.
Jetzt habe ich es gelesen und es war, wie im Klappentext steht, ein beeindruckendes Zeugnis im Umgang von Erinnern und Vergessen.

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