Literaturgefluester

2010-02-01

Alle Farben der Sonne und der Nacht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:02

„Alle Farben der Sonne und der Nacht“, hat die 1916, in Prag geborene Lenka Reinerova, ihren 2003 bei Aufbau erschienen Erinnerungsband, der zwei wichtige Kapitel ihres Lebens schildert, genannt, obwohl ein Freund ihr davon abriet, da man meinen könnte, ein Buch über van Gogh in die Hand zu bekommen.
Dabei geht es in dem Band der letzten deutsch schreibenden Literatin Prags, die 2008 dort gestorbenen ist, um etwas ganz anderes. Beschreibt sie doch, wie sie, an einem Frühlingstag im Jahre 1952, sie war gerade aus dem Rundfunk entlassen worden, beteiligte sich an einer Arbeitsbrigade für ein noch schöneres Prag und wollte am Abend mit ihrem Mann ins Kino gehen, plötzlich verhaftet wurde und fünfzehn Monate in Untersuchungsgefängnis verbrachte, obwohl sie eine gläubige Kommunistin war, die sich, seit dem sie in ihrer Jugend aus Geldmangel das Gymnasium verlassen und in das Büro einer Papiergroßhandlung eintreten mußte, für eine bessere und schönere Zukunft eingesetzt hat.
Das Buch schildert in einer sehr poetischen Sprache, die Verhöre in dem berüchtigten Ruzyne Gefängnis, wo sie mit verbundenen Augen zu den Herren Referenten geholt wurde und Vergehen gestehen sollte, von denen sie keine Ahnung hatte, war sie doch nach Jahren des Exils und der Ermordung ihrer Familie, nach Prag zurückgekommen, um ihre Ideen von einer besseren Welt zu verwirklichen, während die Stalins Säuberungsaktionen zum Opfer fiel…
So beschreibt Lenka Reinerova, die kleinen Bilder dieser fünfzehn Monate Haft, erzählt von einer blonden Schreibkraft im rosa Sommerkleidchen, die verspätet ins Vernehmungszimmer kommt, weil sie an dem heißen Sommertag noch einen Sprung ins Schwimmbad machen mußte und dafür dem Untersuchungsbeamten himbeerrote Limonade mitbringt, die sie mit ihm trinkt, während die Gefangene durstig überbleibt.
Der dicke Vernehmungbeamte, der sich seinen Revolver nachbringen läßt und während der Vernehmung seine Sternchen auf der Uniform poliert, während er seine Gefangene zur Vernunft bringen und von ihr Geständnisse haben will, wird der „chinesischer Gutsbesitzer“ genannt, weil er so aussieht, wie der Verfolger des „Mädchen mit den weißen Haaren“, dem Propagandafilm, den sie sich am Freitag ihrer Verhaftung ansehen wollte.
Dann gibt es noch das „Prachtexemplar“, einen jüngeren Beamten, der aus ihr Geständnisse herauspressen möchte und so denkt sie über ihr Leben nach und erzählt von ihrer Jugend, in der sie, nachdem sie aus der Papiergroßhandlung entlassen wurde, Journalistin bei der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung wurde und dort, die aus Deutschland emigrierten Intellektuellen und Dichter, unter ihnen Bert Brecht und Helene Weigl zu betreuen hatte.
Sie denkt auch an die jungen Kommunisten, die gleich ihr für den Frieden arbeiteten und große Ideale hatten, aber in Auschwitz oder Birkenau, wie ihre Mutter und ihre Schwestern umgekommen sind, während sie schon einmal in Paris, in das sie 1939 emigirierte, verhaftet wurde und einige Zeit in einem Frauenlager in Südfrankreich verbrachte, bevor sie ins Exil nach Mexiko entkommen konnte. Dann ist sie nach Prag zurückgekommen und verbringt fünfzehn schreckliche Monate in einer Einzelzelle oder mit der Antikommunistin Dana, darf weder lesen, noch Pakete empfangen und sehnt sich verzweifelt nach ihrer kleinen Tochter Anna, bis sie nach Stalins Tod, ihre Kleider, ein Bündel fremdes Geld, weil es inzwischen eine Währungsreform gegeben hat und ein Weihnachtsgeschenk ihres Mannes in die Hand gedrückt bekommt und in die Freiheit entlassen wird.
Mit fast bizarren Bildern, in denen immer wieder, sowohl die Farben der Nacht, als auch die der Sonne, ihre symbolträchtige Bedeutung finden, hat die alte Dame fünfzig Jahre später diese unverständlichen Monate ihres Lebens beschrieben und an alle ihre Freunde gedacht, die dieses Schreckensregime nicht überlebten.
Auf ihre plötzliche Entlassung folgte eine Verbannung in die Provinz und eine Rehabilitierung 1964. 1968 wurde sie aber aus der KP ausgeschlossen und mit Schreibverbot belegt, so daß ihre Erinnerungsbücher erst ab 1989 erschienen sind und Lenka Rainerova als letzte Autorin mit dem berühmten Prager Deutsch, die viele Dichter und Intellektuelle, wie Egon Erwin Kisch oder John Heartfield kannte, in die Literaturgeschichte einging.

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