Literaturgefluester

2010-02-04

Einleben

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:53

In Ludwig Lahers „Einleben“ passiert zu Beginn sehr viel im Leben der beiden young urban citizen Johanna und Mario.
Vor allem bei Johanna, der vierunddreißigjährigen Architektin und Frau Diplomingenieur, mit dem Doppelstudium, hat sie doch zuerst das Lehramt, wie ihre Mutter, die Mathematik und Geographielehrerin, studiert, die mit dem Vater nicht zurechtkam, „denn wenn man sich auf die Männer verläßt, ist man schon verlassen!“, so verläßt Johanna ihre Heimatstadt, macht Reisen, lernt Mario kennen und wird schwanger, noch bevor sie sich für den Kinderwunsch entschieden hat.
Sie geht zu einem erfahrenen sechzigjährigen spröden Mediziner, der einen verläßlichen Fahrplan für sie entwickelt und sie zu Nackentransparenzmessung und Ersttrimesterscreening schickt. Zur Fruchtwasseruntersuchung geht sie nicht mehr, denn sie hat Angst vor dem Stich in den Bauch und so erfährt sie in der Geburtsklinik, daß die kleine Steffi schräge Augen hat. Aber die hat sie von ihrem Vater und der ist ein Meister des Verdrängens, die Kübler Ross`schen Bewältigungsphasen werden auch hier vortrefflich angewandt und sucht nach verläßlichen Fehldiagnosen, der Herzschaden fehlt, das Nasenbein ist nicht mangelhaft ausgeprägt ect…
So beginnt der Roman von Ludwig Laher, der eigentlich ein Sachbuch ist, mit einer konstruierten fiktiven Handlung in der man schrittweise in die moderne Wissenschaft der Trisomie 21 oder des Down Syndroms eingeführt wird und sowohl liebevoll, als auch sachlich sehr genau beschrieben, alles um dieses Thema und das Drumherum erfährt.
Von dem britischen Neurologen John Langdon Down beispielsweise, der in den Achtzehnachtzigern über zweihundert photographische Studioportraits von solchen Personen angefertigt und ihnen auch noch seinen Namen gegeben hat.
Es folgt die Diskussion der Namensgebung, heißt das jetzt Mongo, Downie, Trisomie 21 oder das politisch nicht mehr korrekte Mongoloidismus? Trisomiker oder Down-Syndromisten?
Johanna entscheidet sich für Nichtstandardmenschen.
Soviel ich aus der Diskussion mit Franz Josef Huainigg und Albert Brandstätter weiß, ist die aktuelle Definition der Lebenshilfe: Menschen mit intellektueller Behinderung, bzw. mit Lernschwierigkeiten, wie sie sich selber nennen. Das kommt im Buch nicht vor, wohl aber die Bezeichnung Mensch mit besonderen Bedürfnissen, was Johanna auch nicht gefällt.
Daran schließt sich das Kapitel mit der Sprachentwicklung, die dreieinhalbjährige Steffi redet von sich konsequent in der dritten Person und steckt lange im Einwortstadium, (S)teffi, Papa Papa(s)teffi, was seltsamerweise Mama bedeutet und das Wort „da“.
Liebevoll erklärt Ludwig Laher den eingeschränkten Wortschatz den Menschen mit Downsyndrom haben können und kommt zu dem Kapitel derjenigen, die es geschafft haben, den Führerschein zu machen und mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, der Japanerin Aya Iwamoto, die den Universitätsabschluß schaffte, eine Ausbildung zur Bibliothekarin machte und Kinderbücher aus dem Japanischen ins Englische übersetzt und dem spanischen Pädagogen Pablo Pineda, dem ein ähnliches Kunststück gelang.
Es wird aber auch von Steffis Pseudokruppanfällen berichtet und davon wie Johanna allmählich zur Alleinerzieherin wird und mit Steffi zur Selbsthilfegruppe geht, während der sportliche Mario, der mit drei Freunden eine Werbeagentur gegründet hat, sich, obwohl er ein liebevoller Vater ist, viel selbstverständlicher seine Freiheiten holt, übers verlängerte Wochenende noch schnell mit den Freunden durch die oberitalienischen Weinberge biken oder am Vormittag auf einen Berg steigen will, während sich Johanna am liebsten mit einem Buch auf dem Sofa erholt.
So kommt es schließlich zur Trennung der beiden, auch das wird sachlich klar durchdiskutiert und ist wahrscheinlich das Egebnis von Ludwig Lahers Recherche, daß dreiviertel der Partnerschaften mit Kindern mit Downsyndrom noch vor deren Schuleintritt auseinanderbrechen, während neunzehntel dieser Kinder dank unserer Hochleistungsmedizin gar nicht mehr auf die Welt kommen.
Auch von den Prozessen wird in diesem Sachroman berichtet, in denen betroffene Eltern die Ärzte auf Unterhalt klagten, weil sie der behandelte Gynäkologe nicht eindringlich genug aufgeklärt hat, „Denn entscheidend ist in solchen Fällen“, erklärt die darauf spezialisierte Anwältin, „der Empfängerhorizont!“
Kapitel für Kapitel geht Ludwig Laher alle Schwierigkeiten durch, zitiert auch ein Stück aus dem Buch von Waltraud Häupl über den „Organisierten Massenmord an Kindern und Jugendlichen in der Ostmark 1940-1945“ und aus Arno Geigers „Lotta kann fast alles“.
So daß wir die Chance haben nachher ein bißchen mehr über diese Kinder zu wissen, obwohl das Buch, wie ich befürchten würde, bevorzugt in den besagten Selbsthilfegruppen gekauft und gelesen werden wird.
Es ist aber interessant und sehr zu empfehlen und wenn man wissen möchte, was und wie die betroffene Menschen schreiben, verweise ich auf www.ohrenschmaus.net.

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1 Kommentar »

  1. […] von Einleben « Literaturgefluester — 2010-02-04 @ 01:01 | […]

    Pingback von Ludwig Laher in der Gesellschaft für Literatur « Literaturgefluester — 2010-02-04 @ 01:06 | Antwort


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