Literaturgefluester

2010-02-10

Widerstand im Haiderland

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:09

Der 4. Febuar hat ein zweites historisches Datum. Wurde da ja im Jahr 2000 die schwarz blaue Regierung in Österreich angelobt, die heftige Proteste und Widerstand auslöste.
Zehn Jahre ist das her. Zu feiern gibt es nicht sehr viel, obwohl wir jetzt wieder eine große Koalition haben, ist es doch recht schwarz geworden und nine elefen hat es seither auch gegeben, den BAWAG Skandal, die Wirtschaftkrise, die Uni- Proteste u. u. u.
Es gibt aber einen Film von Frederick Baker, den haben wir gerade gesehen und das gibt Anlaß über die letzten zehn Jahre nachzudenken. Denn da ist nicht nur politisch sehr viel geschehen.
Als es klar war, daß es eine blau schwarze Regierung geben wird, hat es auf einmal überall Widerstand und Demonstrationen gegeben und ich bin mit meiner Freundin Elfi noch vor dem vierten Februar zur ÖVP Zentrale marschiert. Ab da war jeden Tag was los, dazwischen habe ich sehr viel geschrieben. So meinen Beitrag für den Luitpold Stern Preis, den es leider auch nicht mehr gibt.
2000 habe ich ihn das erste Mal gewonnen, zwar nur in den hinteren Rängen mit einem dreihundert Schilling Buchgutschein, wo ich mir das Buch der Judith Hermann eingetauscht habe.
Ende Jänner, die Sanktionen wurden gerade verkündet, habe ich das „Dichterfrühstück am Himmelsgrund“ geschrieben, wo sich der junge Dichter namens Jura und der alte Professor im Cafe Wolke treffen und über die blau schwarze Koalition resumieren. Das Thema hat „Wissen ist Macht“ gelautet, da ist die Einführung der Studiengebühren gerade richtig gekommen oder nicht natürlich, aber jetzt haben wir gerade keine und sehr viel besser ist das auch nicht ….
Ich habe jedenfalls das erste Mal einen Preis gewonnen, die Preisverleihung war im Juni, da gab es einen Blumenstrauß und eine Urkunde, damit bin ich mit dem Alfred ins Volkstheater, wo es damals Widerstandslesungen nach der Vorstellung gegeben hat. Die Gerstl hat an diesem Abend gelesen.
Am 4. Februar bin ich mit der Elfi auf den Ballhausplatz, wir sind weit hinten gestanden, haben nichts gesehen und nichts mitbekommen, nur daß die Eier und die Tomaten flogen und es sehr laut war. Dieter Schrage hat ja so einen Text geschrieben von einem Beamten mit der Aktentasche, der sie verstohlen öffnet, um mit heimlicher Freude, die Widerstandstomaten herauszunehmen…
Die neue Regierung ist unterirdisch zum Bundespräsidenten marschiert und dieser hat sehr bös geschaut und wir sind am nächsten Tag zum Schifahren nach Obergail gefahren, denn es waren Energieferien und ich habe alles durch das Radio mitbekommen. Die ganze Aufregung, der Staatssekretär Morak hat etwas der Kreativität der Künstler gesprochen, daß die ja in geistigen Widerstand gehen können und das, glaube ich, eher zynisch gemeint und die Bachmanngeschwister haben überlegt dem Land Kärnten den Namen ihrer Schwester für den Preis zu entziehen. Da hat der Schindel, glaube ich, vermittelt und ich habe in dieser Woche einige politische Geschichten geschrieben. Die vom „Widerstand beim Zwiebelschneiden“ erst später. Da war der Anlaß eine „Von Tag zu Tag Sendung“, wo der Herbert Scheibner aufgetreten ist und ein Anrufer sich über die Polizei beschwerte und er ihn zurechtgewiesen hat. Der Text ist in der Milena Widerstandsanthologie enthalten, die sehr bekannt geworden und den Kreisky Preis bekommen hat.
Es gab in der ersten Februarwoche jeden Tag Demonstrationen und am 19. Februar, die große auf dem Heldenplatz, wo sich im Anschluß die Donnerstagsdemonstrationen gebildet haben und ich sehr oft mitgegangen bin und dann gabs auch die Widerstandslesungen jeden Donnerstag, die die El Awadalla und die Traude Korosa organisiert haben. Da habe ich mehrmals gelesen. Im Volkstheater nie, denn als ich mich da angemeldet habe, kam der Sommer und dann waren keine mehr. Aber die Widerstandslesung am Ballhausplatz hat es sehr lang gegeben und es waren auch sehr starke Texte, die ich da gelesen haben. Ich bin in diesem Jahr auch in die Schreibwerkstatt der Gewerkschaft eingeladen worden und da sind einige politische Texte entstanden, die man zum Teil im „Best of – Lesebuch“ nachlesen kann. „Emmas Frauenleben“ z. B., das auch in dem „..bis sie gehen, 4 Jahre Widerstandslesungen Buch“ enthalten ist, das El Awadalla und Traude Korosa herausgegeben haben.
„Das Dichterfrühstück“ ist in der Volksstimmeanthologie 2000, enthalten. Dann gab es noch die Milena Anthologie „Viechereien“, die auch sehr politische Texte enthält.
Ich habe im Frühjahr 2000 auch einen Roman über die ersten hundert Tage der Regierung geschrieben. „Die Viertagebuchfrau“, da sind alle Aufregungen und Unsicherheiten enthalten. Es war ja eine sehr starke Zeit mit vielen Demonstrationen und Kulturaktivitäten. Leider hat sich der Dampf, wie Andreas Khol in dem Film vielleicht auch ein wenig zynisch erläuterte, totgelaufen. Aber damals gab es an jeder Ecke Widerstandskultur. Im Volksstheater, im Burgtheater, in der Gruppe 80 haben sie Jandls „Humanisten“ gezeigt. Elfriede Jelinek hat für die Donnerstagslesungen ihr Stück „Das Lebewohl“ geschrieben, es gab die Schlingensief Aktion vor der Oper und eine Zeitlang auch politische Filme im Filmcasino mit live Diskussionen.
Wo ist das alles hin?, könnte man fragen. Der ganze Aufwand ist verbufft, hat sich zu Tode gelaufen, was eigentlich sehr traurig ist.
Der Film war aber interessant und hat die Erinnerungen aufgeweckt. Es hat zwar viel gefehlt. Die Lesungen wurden nicht gezeigt, wohl aber die alte Dame, die ehemalige ÖVP Wählerin, die aus Protest wegen dem gebrochenen Schüssel Versprechen, zwei Jahre jeden Donnerstag mitgegangen ist, bis auf den Gründonnerstag, da ist sie, weil katholisch, zu Hause geblieben. Robert Menasse ist aufgetreten, Marlene Streeruwitz, Doron Rabinovici und Elfriede Jelinek hat man auch gesehen, damals ist sie noch auf die Straße, bzw. auf den Ballhausplatz gegangen und hat mit Zöpfen der Ur-Aufführung ihres Stückes applaudiert.
Damals war es igendwie sehr frei, man ist sehr nahe an das Geschehen herangekommen, als vor ein paar Jahren die rot schwarze Regierung unter Gusenbauer angelobt wurde, war gerade der Aktionstag für Kunst und Kultur und ich wollte ins Museumsquartier, die Polizei hatte aber sehr viel abgesperrt…

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2 Kommentare »

  1. es gibt eine schreibwerkstatt der gewerkschaft?
    das dichterfrühstück und viertagebuchfrau muß ich bei gelegenheit erwerben, bis bald einmal wieder also. lg rl
    ps gusenbauer hätte damals sofort neuwahlen oder zumindest minderheitsregierung machen sollen, stimmts? diese unglaubliche frechheit und präpotenz damals von schüssel, als er vom zu korrigierenden wahlirrtum sprach, und daß er und die övp die wahl auf keinen fall akzeptieren werde. schade um die vergebliche liebesmühe von alfred gusenbauer, der unbedingt schnell was für die arbeitende bev. also für uns tun wollte, aber kompromisse haben uns, auf länger gesehen, noch nie geholfen! und jetzt ein lautes pfeifkonzert, bitte und skandierend: widerstand, widerstand!
    (ein so ein langes ps, ts ts.)

    Kommentar von rudolf lasselsberger — 2010-02-12 @ 12:53 | Antwort

  2. Jetzt vermutlich nicht mehr, als der BAWAG-Skandal öffentlich wurde, hat die Gewerkschaft als erstens den Luitpold Stern Preis ausgesetzt, vermutlich nicht so sehr, um einzusparen, sondern aus Angst vor allzu kritischen Texten, wie ich mir vorstellen könnte.
    Zu der „Literaturschaukel“ wurde ich eingeladen, als ich 2000 das erste Mal einen Preis gewonnen habe, das war vierzehntägig in der Strudlhofgasse, unter Leitung von Eveline Haas, Petra Öllinger war auch dabei, ich bin ein zwei Jahre hingegangen und habe ein paar interessante Texte dort geschrieben.
    Die Volksstimmefestanthologie „Schubumkehr“, 2000, Globus Verlag, gibt es, glaube ich, noch zu einem Abverkaufspreis, unter http://www.linkes-wort.at, kannst du dich erkundigen. Sie ist nicht nur wegen meinem Text zu empfehlen, sondern, weil es leider auch eine in Memorian Ausgabe geworden ist und du im Anhang die schönsten Gedichte von Arthur West finden kannst.
    Die „Vierttagebuchfrau“ kannst du bei mir bekommen, vielleicht können wir es auch mit deinem „Willi“-Fortsetzungsband tauschen. Hast du da schon einen Verlag? Wie wäre es mit Ritter?
    Den Film „Widerstand im Haiderland“ kann ich dir empfehlen, er ist sehr interessant. Hast du ihn schon gesehen?

    Kommentar von Eva Jancak — 2010-02-12 @ 14:51 | Antwort


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