Literaturgefluester

2010-02-13

Textmontieren, Abschreiben, Schreibwettcamp

Filed under: Uncategorized — jancak @ 13:11

Auch von mir ein Beitrag zu „Helene Hegemann“, denn mit den Themen plagiatieren, Jungstars, gehypte und übersehene Literatur habe ich mich schon lang beschäftigt und meine Erfahrungen damit gemacht.
So kann ich mich an drei Plagiate erinnern. In diesen Fällen waren es direkte Abschreibungen, das erste ist bei einem Limes-Literaturwettbewerb 1988 passiert. Ich habe auch einen Text hingeschickt, bin nicht in die engere Auswahl gekommen, einen der Anerkennungspreise hat Manfred Wieninger bekommen, der damals in aller Munde war. Von der NÖN hochgelobt, mehrere Stipendien gleichzeitig, daß das Schreibblockaden auslösen kann, ist vorstellbar.
Internet, wo man das Plagiat auf einen Blick erkennen kann, hat es damals noch nicht so gegeben, trotzdem ist man draufgekommen. Das Heft mit den Siegertexten war schon gedruckt, Alois Eder hat sehr gut reagiert, eine Stellungnahme, sowie einen Brief an Norbert Tefelski geschrieben und einen seiner Texte im Limes Nummer zwölf abgedruckt.
Manfred Wieningers Reaktion war sehr heftig, er hat alles hinschmeißen wollen und auch eine Lesung, die ich mit ihm in St. Pölten haben sollte, abgesagt. Da habe ich dann allein vor sehr wenigen Zuhörern gelesen. Inzwischen ist das berühmte Gras über die Geschichte gewachsen. Manfred Wieninger schreibt wieder, es gibt die Harland Krimis mit Marek Miert, die eigentlich in St. Pölten spielen, ein Lexikon der St. Pöltner Straßennamen, er hat auch das Nazi Lager bei den Viehofener Seen aufgedeckt und eine große Aktion geplant, wo demnächst alle St. Pöltner Haushalte eine Postkarte mit der Nachricht „Ich bin gesund, es geht mir gut!“, das, was die Häftlinge schreiben durften, bekommen werden.
Die zweite Plagiatsgeschichte habe ich selbst entdeckt und zwar in der Schreibwerkstatt der Gewerkschaft, die ich einige Jahre besucht habe. Da gab es ein Ehepaar, deren Texte mir eigentlich positiv aufgefallen sind, das sehr bewundert wurde, weil es im „Augustin“ publizierte. Jetzt habe ich die Schreibwerkstatttexte des Augustins gar nicht so oft gelesen. Den Text der Frau H. aber schon, aus Interesse, wie sie schreibt und bin auf Bekanntes gestoßen. Beim zweiten, dritten Satz hatte ich gewußt, woher das ist. Wie weit es Wort für Wort von Christa Stippingers „Kress“ abgeschrieben war, wußte ich nicht, war aber doch so sicher, daß ich dem Augustin eine Karte schrieb, danach sind wir nach Frankfurt zur Messe gefahren und auf dem Rückweg habe ich in Harland, in dem Wespennest, in dem der Text abgeduckt war, nachgeschaut. Er war fast Wort für Wort abgeschrieben, der Anfang fehlte und das Wort Schnitzel wurde einmal durch Fleischleibchen oder so ersetzt. Es gab auch einen anderen Titel. Die Helden der Geschichte waren bei Frau H. ein türkisches Ehepaar und das ist lustig, denn der Kress ist ein österreichischer Arbeiter und seine Frau eine Serbin, so hat er Dialekt geredet, sie gebrochenes serbisches Gastarbeiterdeutsch. Frau H.s Türken taten das auch. Ich habe sie bei der nächsten Schreibwerkstatt darauf angesprochen, ihre Reaktion war sehr verwundert und ich habe mich gewundert, daß die Texte Wort für Wort übernommen und daher sehr leicht nachweisbar waren.
Dann gibt es noch den vorigen Ohrenschmaus, wo das Siegergedicht, zum Glück, noch bevor es auf die Zotter-Schokolade-Schleife kam, als von Astrid Lindgren erkannt wurde.
Bei „Axolotl Roadkill“ ist das anders. Das ist ja, wenn ich es richtig verstanden habe, kein echtes Plagiat, sondern die sehr junge Autorin hat, wie sie auch angab, im Stil der Nullerjahre, in denen sie aufgewachsen ist, kopiert und übernommen, „weil es ja keine wirkliche Originalität, nur Echtheit gibt…“
Dabei hat sie, wie sie angab, eine Seite Zitate aus dem Buch „Strobo“ des Bloggers Airen verwendet. Deef Pirmasens von Gefühlskonserve.de, der das Ganze vor einer Woche aufgedeckt hat, hat inzwischen mit dem Autor, noch viel mehr Zitate gefunden, es wurde auch von anderen übernommen, was die Autorin ebenfalls nicht bestritten, sondern in das Buch geschrieben hat, daß alles Lüge sei oder so.
Da stellt sich natürlich die Frage, wieso das Lektorat, das nicht vorher mit der Autorin Satz für Satz durchgegangen ist, um alle Rechte einzuholen. In der Erstauflage fehlt der Hinweis auf den Blogger Airen, in der zweiten, die noch vor der Aufdeckung erschienen ist, wird er erwähnt, inzwischen häufen sich die Entdeckungen. Ein jeder will einen bekannten Satz erkennen und auch ein Filmemacher hat sich inzwischen gemeldet und behauptet, daß der Film, der vorher erschienen ist, von ihm ist.
Vor der Entdeckung haben die älteren Männer, wie Maxim Biller, die Aussagekraft und das Talent der jungen Frau gelobt und waren begeistert und der Blogger Deef Pirmasens ist auf das Ganze gekommen, weil er sich sagte, daß eine Sechzehnjährige gar nicht an den Türstehern des Szenelokals Berghain, das in dem Buch geschildert wird, vorbeigekommen wäre. Es geht um Gewalt, Drogen und Sexerfahrungen einer Minderjährigen. Ein umgekehrter Kindesmißbrauch also, denn eigentlich sollte eine Sechzehnjährige keine solchen Erfahrungen haben. Hat sie auch nicht, denn sie hat montiert. Wer den Vertrag unterschrieben hat, scheint auch nicht so klar zu sein, denn es gibt ja einen berümten Vater, der die junge Frau in die Szene hineingebracht hat und eine schwere Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter, die bei anderen der Grundstein einer Persönlichkeitsstörung ist…
Die interessanteste und eigentlich unerträglichste Frage ist auch, wieso wollen wir das lesen?
Wenn eine Sechzehn, siebzehn oder jetzt schon fast achtzehnjährige Sätze schreibt oder übernimmt, bei denen es von Gewalt, Blut, Orgien, ect. nur so wimmelt, daß die FAZ, die beide Textstellen gegenüberreiht, die Warnung gibt: „Achtung, die Sätze sind teilweise sexuell sehr explizit und können Gefühle der Leser verletzten!“, müßte sich doch eigentlich das Jugendamt einschalten, statt, daß es zu einem sogenannten Kultroman hochgepusht wird, der die Auflagenzahl ins Unermessliche springen läßt und Frau Hegemann so und so mißbraucht überbleibt und sowohl durch den Negativ- als auch den Positiv-Hype überfordert ist. Da müßten wir uns eigentlich selber an der Nase nehmen und uns fragen, was ist los, daß wir nur noch sowas lesen wollen?
Der andere interessante Aspekt ist, daß das Buch „Strobo“, in dem der Blogger Airen, der 1981 geboren wurde und anonym bleiben will, seine eigenen Erfahrungen beschreibt, im Sommer bei einem kleinen Untergrundverlag erschienen ist und damit längst nicht so berühmt geworden ist, sondern nur seine kleine Fangemeinde hatte. Der profitiert sicherlich davon. Helene Hegemann bleibt für Leipzig nominiert, ob sie den Preis gewinnt, wird spannend sein.
Und im literaturcafe ist inzwischen eine Fälschung des Sternaufmachers von 1971, „374 Schriftsteller erklären öffentlich, wir haben abgeschrieben“, wo die Portraits von Günther Grass ect zu sehen sind, erschienen. Literaturcafe.de hat dazu geschrieben, daß das die Leute für echt gehalten und sich nur empört haben, daß Goethe darauf zu sehen ist.
Noch etwas ist interessant, es gibt inzwischen einen neuen Artikel bei literaturcafe und da geht es, um ein anderes Buch und zwar um „Möchtegern“ von Milena Moser. Da wird ein Thema aufgegriffen, mit dem ich mich auch schon lang beschäftige und zwar auf eine sehr explosive Art, nämlich mit einer Casting Show für Möchtegernautoren, wo eine ältere Autorin, die zufällig ein Buch namens „Road Kill,“ die Zufälle häufen sich, wie man sieht, geschrieben hat, in eine solche Show gehen und das beste Talent unter den hoffnungsvollen Kanditaten herausfiltern soll. In dem Roman scheint sich die Heldin Mimosa Mein, wie ich der Leseprobe entnommen habe, anders zu entscheiden, der Verlag und das Literaturcafe haben aber eine eigene Schreibshow daraus gemacht. Man bekommt eine Aufgabe, kann seinen Text dazu hinschicken und einer gewinnt ein Seminar bei Milena Moser in der Schweiz und bekommt die Reise dazu bezahlt. Bei Face book und bei Twitter kann man das Ganze auch verfolgen. Die Aufgabe dieser Woche ist: „Beschreiben Sie eine schlaflose Nacht!“
Ich machs vielleicht für meinen nächsten Text, hinschicken werde ichs, gaube ich, nicht, denn da habe ich sicher keine Chance und über das erfolglose Schreiben und über Verwechslungen habe ich schon viel geschrieben. Da das jetzt schon lang ist, nur zwei Beispiele. In der Volksstimmeanthologie 1998, gibt es die Erzählung „Die Verwechslung“, die ich geschrieben habe, nachdem es damals so ein Marktgeheimnis, um einen Peter Handke Roman gab. Da geht die erfolglose Autorin in eine Buchhandlung und findet dort ihr Manuskript in dem Buch eines berühmten Autors. In „Wilden Rosenwuchs“ kommt das in längerer Form nochmals vor.
Das Thema Schreiben hat viele Aspekte und ist sehr interessant. Der Urheberschutz ist einer davon, ein anderer, wie muß man heißen, aussehen, alt sein, schreiben, um Erfolg zu haben, der Dritte natürlich, wie geht es der jungen Frau und für mich sehr interessant, warum ist nur das (gute) Literatur, das sehr gewalttätig ist???

1 Kommentar »

  1. Danke für die Erwähnung von Milena Mosers Aktion. Das hat mich gleich mal zu einem kleinen Artikel inspiriert 🙂

    Kommentar von Lilly — 2010-02-22 @ 23:51 | Antworten


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