Literaturgefluester

2010-02-19

Silberbote und offener Bücherschrank

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:25

Ein Abend im Literaturhaus in Memorian Ernst Schönwiese, dem Begründer der berühmten Literaturzeitschrift, die von 1936-1936 und dann noch einmal von 1946-1952 existierte.
Vorher wollte ich mir den offenen Bücherschrank ansehen, den es seit 5. Februar in der Zieglergasse, Ecke Westbahnstraße gibt.
Da steht ein schräger Kasten voller Bücher auf der Straße und man kann sich nehmen oder hinbringen was man will. Leselustfrust hat vorige Woche davon berichtet. Die Meinungen zu dieser Aktion sind eher skeptisch. Man befürchtet Vandalismus und Flohmarktverkäufer, dagegen gibts eine weiße Schleife auf den Büchern. Ich finde es toll, denn ich stehe ja auf Gratisbücher und kenne auch genügend Leute, die ihre Bücher loswerden wollen.
Also wäre es gut, wenn die Leute den Kasten mit den zweihundert Bücher einfach stehen und die, die das wollen, sich daraus bedienen lassen, denn man muß ja nicht unbedingt hineinkotzen oder den Inhalt zerstören, denke ich und es war auch alles sehr geordnet, als ich um halb sieben eingetroffen bin.
Allerdings ist es bezeichnend, daß der Begründer dieser Aktion, Frank Gassner, 1700 Euro für die Material- und Behördenkosten brauchte und das Projekt des Vereins Werkimpuls nur bis Juni bewilligt ist. Sollte man doch meinen, daß es relativ einfach ist, seine alten Bücher irgendwohin zu stellen, so daß sich die, die sie lesen möchten, sie nehmen können.
Ruth Aspöck war vor mir da und hat ein paar Restexemplare ihrer Donau Edition hinterlassen. Wer daran interessiert ist, hingehen.
Rudolf Brunngrabers „Zucker aus Cuba“ habe ich gesehen und noch einiges anderes. Ich habe auch etwas gefunden und ein doppeltes Morgenschtean Exemplar hinterlassen. Martin Suters „Business Class“ und Schalom Asch „Die Zauberin von Kastilien“ aus dem Jahr 1929, z.B. Da stört der weiße Aufkleber allerdings ein bißchen auf dem schönen alten Buch.
Im Literaturhaus war es sehr voll. Viele ältere Leute, die ich noch nie gesehen habe. Norbert Leser und einige Stammbesucher natürlich schon. Hubert Christian Ehalt hat eingeleitet und davon erzählt, daß die Wiener Vorlesungen, die den Abend mitgestaltet haben, für das Querdenken und das Sperrige stehen und man sich das auch von diesen Abend erwarten dürfe. Nun habe ich Ernst Schönwiese bisher nicht als Querdenker gesehen, sondern für eher konservativ gehalten.
Von Joseph P. Strelka, der den Schönwiese Band „Kunstprosa“, herausgegeben hat, die anderen bei Beerenkamp erschienenen Bände, wurden noch von Paul Wimmer herausgegeben, habe ich, hab ich gerade in meinem Katalog gesehen, die Anthologie „Das zeitlose Wort“ aus dem Jahr 1964 und ein noch älteres Abverkaufbändchen über „Kafka, Musil, Broch“.
Das scheinen auch die Vorlieben des 1905 geborenen und 1991 verstorbenen Ernst Schönwiese gewesen sein. In einem Arbeiterhaushalt wurde er geboren und war in der berühmten Volkshochschule in der Zirkusgasse tätig und in einem Intellektuellen Stammtisch im Kaffee Herrenhof. Die erste Auflage des Silberbootes, in dem Kafka, Broch und Musil veröffentlicht wurden, ist 1935 bis 1936 erschienen und wurde, wie Joseph P.Strelka genüßlich referierte, von der deutschen Reichsbank unterstützt.
Dann kam das Exil in Budapest und die Rückkehr nach dem Krieg, da wurde Schönwiese Programmdirektor des Senders Rotweißrot, hat noch einmal das Silberboot herausgebracht, selbst geschrieben und sich der Mystik zugewandt.
Alexandra Millner hat den Abend moderiert und die Vortragenden vorgestellt. Ursula Seeber vom Literaturhaus, die über Schönwiese dissertierte. Dann kam eine junge Frau und erzählte, daß sie, als sie Germanistik studierte, kein Wort von Schönwiese gehört hat und ihn erst kennenlernte, als sie über Mela Hartwig forschte und referierte, was Schönwiese der Jugend bringen könne.
Aber viele jugendliche Besucher habe ich nicht gesehen. Dafür waren Eleonore Zuzak und ihr Bruder da, so daß ich jemand hatte mit dem ich mich unterhalten konnte. Mit Alexandra Millner und Nahid Bagheri-Goldschmied habe ich auch gesprochen.

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3 Kommentare »

  1. Zu den Gratisbüchern: In Wien gibt’s auch von BookCrossing „fixe“ Plätze, zB im Einstein, in Bobby’s Foodstore oder im Haydn-Kino. Bei den dreien weiß ich sicher, dass sie von Bookcrossern betreut werden und auch Bücher dort sind, es gibt aber noch mehr. Näheres hier: http://bcat.a-z.in/forum/index.php?board=8.0

    Kommentar von leselustfrust — 2010-02-20 @ 08:26 | Antwort

  2. Vielen Dank für den Hinweis!
    Ich denke ohnehin, daß es nicht so schwer sein sollte, an verschiedenen öffentlichen Orten, wie Volkshochschulen, Literaturhäusern, Kinos, Büchereien ect. eine Schachtel hinzustellen, in die man seine überzähligen Bücher legen und sich was nehmen kann.
    Unbürokratisch und selbstverständlich, ohne Bedingungen, Kontrolle, Auflagen…
    Das wäre gelebte Nachbarschaftshilfe, die nichts kostet und keinen Aufwand fordert.
    Ich glaube auch nicht, daß das zu Hamsterverkäufen und Vandalismen führen muß und man einen Aufpasser braucht, damit es funktioniert.
    Und manchmal gibt das schon.

    Kommentar von jancak — 2010-02-20 @ 12:17 | Antwort

  3. Ja, viele Büchereien haben eine Schachtel oder ein Regal mit ausgemusterten Büchern.
    Die CrossingZones werden allerdings betreut – manchmal legen Menschen einfach unregistrierte Bücher dort ab, oder man schaut darauf, dass auch wirklich Bücher zur Verfügung stehen. Aber dass es Probleme mit Vandalismus gegeben hätte, hab ich noch nie gehört.

    Kommentar von leselustfrust — 2010-02-21 @ 17:57 | Antwort


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