Literaturgefluester

2010-03-28

Erinnerung an Helmut Eisendle

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

Der am 12. Jänner 1939 in Graz geborene und am 20. September 2003 an Speiseröhrenkrebs in Wien verstorbene Helmut Eisendle hat in seinen letzten Lebensjahren in der Schäffergasse 13/8, im Haus des ehemaligen Antiquariats und literarischen Veranstaltungsortes „Buch und Wein“ gelebt. Wenn ich von meiner Praxiswohnung durch einen Hausdurchgang in die alte Schmiede gehe, komme ich daran vorbei und werde an den steirischen Dichter erinnert, der wie ich, nur ein paar Jahre früher, Psychologie studierte und anfangs in einer freien Gruppenpraxis in Graz für Erziehungsberatung und Verhaltensmodifikation tätig war, bevor er zu einem Vertreter der sprachskeptischen und sprachkritischen Strömung der neuen österreichischen Literatur wurde, der sich in seinen Prosawerken, Essays und Hörspielen mit der Psychologie und der Kritik an ihr, immer sehr beschäftigte.
In meinen Bücherregalen gibt es mehrere Eisendle Bücher: „Exil oder der braune Salon“, „Anrufe, der Doppelgänger, die Verfolgung“, Dschungel der Liebe“, „Triest, die Stadt zwischen drei Welten“, das er herausgegeben hat und den bei Zsolnay erschienenen Roman „O Hannah“.
Den habe ich vermutlich noch vor meiner Bekanntschaft mit dem Autor gelesen, da ich mich nicht mehr genau erinnern kann, wann ich Helmut Eisendle persönlich kennengelernt habe. Hat er doch in Amsterdam und Berlin gelebt, bevor er endgültig nach Wien gezogen ist. Erinnern kann ich mich an die Verleihung des österreichischen Würdigungspreises für Literatur 1993 im Literaturhaus, an den „Tag der Freiheit des Wortes“ in Villach, bei dem wir beide gelesen habe. Da habe ich den Dichter, angejammert, daß es mir nicht und nicht gelingen will, vom Literaturbetrieb wahrgenommen zu werden und ihm auch mein 1994-1995 geschriebenes, nur in Auszügen veröffentlichtes Manuskript „Schizoprenie oder Reden wir miteinander“, ohne zu beachten, daß ein sprachkritischer Dichter mit einer realistischen Erzählung wahrscheinlich nicht viel anfangen kann, übergeben.
Helmut Eisendle war trotzdem sehr freundlich, hat sich mein Jammern, das manch andere so widerlich finden, geduldig angehört und wir haben auch ein Buch getauscht.
So daß ich sehr viel später beim Googlen die Erfahrung machte, daß ich mit einem Buch in der Wienbibliothek vertreten bin. Hat diese den Eisendle Nachlaß doch übernommen und alles getreulich Stück für Stück vermerkt. Da gibt es auch den Katalog zur 243. Wechselausstellung, die vom 19. September 2003 bis zum 27. Februar 2004 im Ausstellungskabinett des Wiener Rathauses stattgefunden hat „Die Orte des Helmut Eisendle“, den ich mir bei der letzten Buchwoche am 18. 11. 2007 bei einem Flohmarkt, um einen Euro kaufte. In fast Kafkaesker Manier, steht das am Kassa Eingangszettel Nr 359 vermerkt, als Käufername ist „Müller“ eingetragen, da ich mich verwundert zeigte, daß ich meinen Namen nennen muß, wenn ich Bücher um zwei Euro kaufen will. Der Katalog ist aber sehr interessant und reich bebildert. Bleibende Erinnerung an den Dichter, den ich ja ganz gut gekannt habe.
An die Preisverleihung 1993 im Literaturhaus, an den gerade von Berlin Zurückgekommenen habe ich ebenfalls eine besondere Erinnerung. Hat Rudolf Scholten bei seiner Würdigung doch darauf hingewiesen, daß er sich besonders kurz halten wolle, da er in seiner Funktion als Unterrichtsminister nicht verantworten könne, wenn sich der kleine Eisendle, später nicht für Literatur interessiert. Den kleinen Valentin hat das, glaube ich, nicht besonders beeindruckt, bei mir hat sich der so intensiv mit einem Puppenwagen spielende Bub, aber so eingeprägt, daß er in der Erzählung „Tod eines Jurymitglieds“ seinen Eingang fand und dort den ermittelnden Kriminalinspektor Thomas Vranek sehr verblüfft.
Valentin Eisendle ist auch, wie meine Tochter Anna, in das Kinderhaus in der Hofmühlgasse in die Kindergruppe oder zur Schule gegangen und ich erinnere mich noch an einen Abend in der alten Schmiede, wo Helmut Eisendle gemeinsam mit Gustav Ernst sein neues Buch vorstellte, in dem es um das Älterwerden ging.
Helmut Eisendle ist dann selbst sehr krank geworden, so daß ich mich mit Schrecken an seine Lesung bei der Jubiläumsfeier dreißig Jahre GAV im Literaturhaus erinnere, wo ihn der Krebs schon sehr gezeichnet hatte. Bei der darauffolgenden Poet Night im September hätte er wahrscheinlich nicht lesen sollen. Trotzdem war diese Veranstaltung sehr von ihm geprägt, kann ich mich doch an Manfred Chobots Mitteilung erinnern, daß Helmut Eisendle heute gestorben ist.
Er ist in einem Ehrengrab im Urnenhain der Feuerhalle Simmering bestattet. Bei seinem Begräbnis war ich nicht dabei, komme aber immer wieder regelmäßig, zum Beispiel wenn ich in die alte Schmiede gehe, an dem Haus in der Schäffergasse 13 vorbei, wo es leider keine Gedenktafel gibt…

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4 Kommentare »

  1. Der vorliegende Text wurde für den Osterspaziergang des ersten Wiener Lesetheaters geschrieben, der am Ostermontag, 5. April, 2010 durch den Bezirk Wieden führen wird. Ich werde ihn bei der Station 6 ca 16.30 in der Erika Mitterer Gesellschaft, Rainergasse 3, bzw. im Cafe Frey, Favoritenstraße 44 lesen. Außerdem werde ich meinen „Erika Mitterer-Text“ -„Was hatten wir denn an Literatur zu Haus?“ sowie Gedichte aus dem Mitterer-Rilke Briefwechsel lesen.
    Hinkommen über Besucher und Besucherinnen freue ich mich!

    Kommentar von jancak — 2010-03-28 @ 00:12 | Antworten

  2. ich würde gerne etwas über seine letzte freundin wissen- die kurz nach seinem tod suizid beging…(nicht die mutter von valentin)

    Kommentar von mimi — 2010-04-09 @ 20:49 | Antworten

  3. Da weiß ich leider nichts

    Kommentar von jancak — 2010-04-09 @ 22:34 | Antworten

  4. Die Erinnerungen sind inzwischen auch im Freibord 149/150 erschienen und nachzulesen, wenn man es in der Heftform haben will. Ein paar andere schöne Texte und Comics unter anderen von Ilse Kilic, Urs Allemann, Marlen Schachinger, Bodo Hell, Doron Rabinovice, Gerhard Jaschke ect. gibt es darin auch

    Kommentar von jancak — 2010-11-26 @ 10:51 | Antworten


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