Literaturgefluester

2010-05-08

wir schlafen nicht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:01

„Wir schlafen nicht“ ist der zweite oder dritte Roman, der 1971 in Salzburg geborenen Kathrin Röggla. Zumindestens habe ich „Irres Wetter“, das mir Alfred einmal bei einem Thalia Abverkauf kaufte, gelesen und kenne die Autorin ebenfalls schon lang und ein bißchen persönlich.
Als ich in der Nachwuchsstipendiumsjury war, habe ich mich zum ersten Mal mit ihren Texten beschäftigt, sie wurde auch von Barbara Neuwirth vorgeschlagen.
1993 haben wir gemeinsam bei dem von Christine Haidegger organisierten Symposium „Sichten und Vernichten“ im Salzburger Literaturhaus gelesen.
Es gab, glaube ich auch, ein Lesen beim Bachmannwettbewerb, Thomas Rothschild, der ebenfalls bei diesem Symposium war, hat sie, glaub ich wieder, dazu eingeladen.
Sie ist dann nach Berlin gegangen, Preise folgten, 2000 ist „Irres Wetter“ erschienen und 2004 „wir schlafen nicht“, da war ich auf der Leipziger Buchmesse und habe die Lesung im Wiener Cafe gehört. Es gab auch eine „Tag für Tag“-Sendung, an die ich mich erinnern kann. Das Buch, habe ich 2008, bei dem Stattersdorfer Flohmarkt gekauft und nach „Business Class“ zu lesen begonnen und das passt sehr gut, denn 2010 ist ein neuer Roman „Die Alarmbereiten“ erschienen, der in Leipzig an mir vorübergegangen ist, aber wieder in „Von Tag zu Tag“ vorgestellt wurde und da habe ich mir gedacht, das passt, denn wir sind ja eine Welt der „Alarmbereiten“ und werden täglich, stündlich oder was auch immer durch die Medien und auch sonst, von Ängsten und Kathasthropenphantasien niedergebüggelt.
Aber jetzt zu dem Roman aus der Businesswelt. Roman?, hab ich gedacht, als ich beim Lesen etwa auf Seite fünfzig war. Das ist doch kein Roman, obwohl es in dem s.fischer Buch so geschrieben steht, das ist ein Endlosmonolog im Businesspeech und das Ergebnis von Interviews mit consultants, coaches, key accaunt managerinnen, praktikannten usw., wie im Klappentext steht und habe mich geirrt.
Es ist doch ein Roman, auch wenn man es nicht gleich merkt. Zumindest mir ist es so gegangen. Denn da wird in dreiunddreißig Kapiteln im besten Businesspeech sehr viel vor sich hingesprochen. Die Key Accaunt Managerin, die Praktikantin, der It-Supporter ect monologisieren über sämtliche Bereiche des Businesslebens über den Mc Kinseyismus, den Life-style, das Nichtschlafenkönnen, Konkurrenz, Erfolg usw. und so fort.
Das was man sich erwartet, wenn man auf einer Lesung war, eine Rezension gehört hat, das Umschlagbild angesehen hat.
Später kommt man darauf, es gibt doch eine Handlung, bzw. bestimmte Personen, die immer wieder vorkommen und offensichtlich erfunden wurden.
Silke Mertens 37, Key Accaunt Managerin, Nicole Damaschke, Praktikantin, 24, Andrea Bülow, ehemalige Tv-Redakteurin, 42, Sven, It-Supporter, 34, Oliver Hannes Bender, Senior Associate, 32 und Herr Gehringer, Partner, 48, die sich offensichtlich auf einer Messe befinden und in den dreiunddreißig Kapiteln mit den Themen Positionierung, Betrieb, Standard, Privatleben, Pleiten, Sicherheitscheck ect. vor sich hin reden.
Das Ganze ein Endlosmonolog mit verteilten Rollen, kleingeschrieben, mit sehr viel Business Vokabular. Es wird darüber gesprochen, wie man sich wachhält ohne zu schlafen, wie man ein Familienleben besitzt ohne diese zu sehen, wie man die Schwachen von den Starken aussortiert und wie die das möglichst selbst erkennen. Business as usal, zum Entsetzen der Leser sozusagen.
Die Praktikantin, die auch vorher nie anzutreffen war, steigt zwischenduch aus dem Szenarium aus, eine der Frauen gerät von den vielen Sektchen zwischendurch, in einen betrunkenen Zustand und eine Paranoia. Am Ende eskaliert der fiktive Kosmos und wird zu einem Jelinekschen Szenarium a la Kinder der Toten.
Die Business Typen werden zu Gespenstern, sehen ihrem eigenen Sterben zu, geraten ins Koma, verlieren das Gedächtnis und werden am Ende natürlich wiederbelebt, denn der Kosmos dreht sich weiter und es ist ja eine Realität, die wie im Klappentext steht, zugleich erschreckend fremd als auch vertraut erscheint.
Deshalb hat die sprachgewandte Autorin, die auch über nine eleven geschieben hat, 2005 den Bruno Kreisky Preis für das politische Buch bekommen und ich hab beim Lesen wieder einmal viel gelernt.

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