Literaturgefluester

2010-05-13

Morgen ist alles besser

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:09

Chick Lit aus den Neunzehndreißigerjahren, nämlich Annemarie Selinkos „Morgen ist alles besser“, 1938 im Zeitbild Verlag erschienen, einer der Romane die, wie Evelyne Polt-Heinzl in ihrem Portraitband „Zeitlos“ schreibt, als Unterhaltungsliteratur für Frauen kategorisiert wurden, der 1914 in Wien geborenen und 1986 in Kopenhagen verstorbenen Autorin, deren 1951 erschienener Napoleon Roman „Desiree“ zum Weltbestseller wurde, während ihre anderen Romanen inzwischen vergessen sind.
Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es eine in den Fünfzigerjahren spielende Verfilmung mit Romy Schneider, die zumindest eine sehr ähnliche Handlung hat.
Annemarie Selinkos Unterhaltungsroman, den ich im offenen Bücherschrank fast übersehen hätte, beginnt, wie der Schüler Gerber, nämlich in einer Lateinstunde, wo sich die Frau Professor Mikula mit ihren unwilligen Schülerinnen plagt, mit der Übersetzung der Klassenstreberin nicht mehr zufrieden ist, sondern will, daß die Toni Huber weiterübersetzt, weil die sich so auffällig mit den rinnenden Maschen ihrer Seidenstrümpfe beschäftigt. Die Schülerinnen sagen bereitwillig ein, es ist aber aussichtslos, denn die Toni hat grammatikalische Lücken, braucht aber unbedingt die Matura, da die von den meisten Büros inzwischen verlangt wird und sie ja irgendwann Geld verdienen muß, während vom Unterrichtsministerium der Wink gekommen ist, bei den Reifeprüfungen streng vorzugehen, da die Hochschulen überfüllt und es auch unnütz ist, daß jährlich tausende Mädchen auf der Universität inskribieren, vor allem, die mit den negativen Schulerfolgen und da ist die Toni Huber mit ihren nicht genügend in Latein, Mathematik und Geografie betroffen und soll deshalb ihre Mutter in die nächste Sprechstunde schicken. Sie hat aber nur mehr ihren Vater Friedl, den ehemaligen k.k Rittmeister, der sich nach dem Verfall der Monarchie als Versicherungsagent verdingt und mit dem Fräulein Anna und dem ehemaligen Burschen Fekete, den bürgerlichen Wohlstand verzweifelt aufrechtzuerhalten versucht und seine Tochter aus Gewohnheit Anton nennt. Der kann aber auch nicht in die Sprechstunde kommen, weil er plötzlich durch einen kriegsbedingten Herzfehler von höherer Stelle abberufen wird.
Hier kommt eine sehr beeindruckende Schilderung des Sterbens in den Neunzehndreißigerjahren im alten AKH. Der Vater der protektionsbedingt ein Zweibettzimmer mit dem Radioangestellten Josef Egger hat, soll zum Sterben allein gelassen werden und Toni, die sich zuerst brav nach Hause schicken läßt und sogar versucht Latein zu lernen, geht in der Nacht wieder ins Spital, um den Vater beiszustehen, wobei sie von den Ärzten mit Kampfer und mit Kognac beruhigt wird. Danach wird sie großjährig gesprochen, besteht mit aller Nachsicht eines alten Hofrats, die Matura und mietet sich um achtzig Schilling in ein Junggesellenappartement des Hochhauses in der Herrengasse ein, läßt sich privat in Stenografie, Maschinschreiben und Buchhaltung unterichten, bevor sie in die Rundfunkgesellschaft marschiert, weil ihr der Egger Josef einen Job versprochen hat, den sie auch, als Tippfräulein bei einem der Direktoren bekommt und muß dann in das Aufnahmestudio, wo der Nachrichtensprecher gerade von einer Eisenbahnkatastrophe berichtet soll, von der seine Frau betroffen ist. Dem Sprecher versagt die Stimme und das Tippfräulein rettet die Situation, in dem sie den Menschen an den Geräten etwas von den Sorgen, die sie haben und, daß morgen alles besser ist, erzählt, worauf sie vom obersten Rundfunkdirektor fristlos entlassen wird.
Verstört geht sie nach Hause und stößt im Aufzug mit einem Engländer namens Leslie zusammen, in dem sie sich prompt verliebt und entjungfern läßt. Während sie leicht betrunken einer schlechten Zukunft entgegenschläft, laufen im Rundfunk die Telefone heiß, waren alle doch von der sympathischen Stimme begeistert, so daß der Direktor sie wieder holen läßt und der neue Star geboren ist.
Bis dahin war es spannend und dicht erzählt und gibt einen sehr realistischen Einblick in die Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts, ab dann wird es chick lit und unübersichtlich. Die Toni schwankt nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen Naivität und Gerissenheit hin- und her. So verlangt sie, obwohl sie sich doch entlassen glajubt, bei ihrem Sprecherinnenvertrag tausend Schilling, obwohl sie vorher nur hundertfünzig verdiente. Läßt sich von den Rundfunkdirektoren ihre Termine vorschreiben, kauft sich aber ein silbernes Auto mit roten Sitzen, sowie einen Silberfuchsmantel und versäumt die Ansage, nachdem sie herausbekommen hat, daß ihr Leslie verheiratet ist und um 23. 30, zu seiner Frau nach Paris fährt. Der Rundfunk hilft sich mit einer Schallplatte, während Toni in einem Vorstadtwirtshaus Bratwurst ißt und Glühwein trinkt und sich von der geschäftstüchtigen Tochter, die Rechte auf ihre Tonaufnahmen erklären läßt.
Ab da nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und beginnt mit dem Direktor der literarischen Abteilung, dem Dichter Krapp, der ihr ihre Reden schreibt und sie „Huber Mädchen“ nennt, in der Welt herumzureisen und macht ihm, nachdem sie sich gegen Leslie, der ihr seinen Hund hinterlassen hat, entschieden hat, sogar einen Heiratsantrag.
Dafür wird sie zur Fünfzigjahrfeier in ihr Mädchengymnasium eingeladen, bekommt vom Direktor einen Strauß Rosen und klärt die begeisterten Schülerinnen auf, daß ihr Erfolg nur Zufall war, weil jede Aussicht auf eine schöne Zukunft hat, da das Leben weitergeht und morgen alles besser ist….
Danach ist, wie wir inzwischen wissen, zuerst das tausendjährige Reich gekommen, das Annemarie Selinko nach Schweden bzw. Dänemark brachte und uns siebzig Jahre später wieder überfüllte Hörsäle und Selektion der nicht geeigneten Studenten und Studentinnen, während man nur noch mit lauter sehr gut aufs Gymnasium kommt und einen Starkult mittels Castingshows gibt es auch, wo einige ausgesucht werden, die die großen Karrieren machen, während die anderen begabten überbleiben.
Ein sehr interessantes Buch, mich hat das Kapitel im Spital und auch noch einige andere Schilderungen, z. B., wo Toni Huber mit Direktor Krapp in ein italienisches Restaurant essen geht und nicht weiß, wie sie die Spaghetti, um die Gabel wickeln soll, sehr beeindruckt. Anderes wieder, wie, daß die jungen Mädchen bei ihren ersten Lieben prompt in die Hände verheirateter Männer fallen, wie es auch Erika Pluhar in ihrem „späten Tagebuch“ beschreibt und erst geläutert werden müßen, hat mir weniger gefallen, wenn man aber weiß, was später alles folgte, wird das „Morgen ist alles besser, gute Nacht!“, besonders spannend und es gab ja einen amerikanischen Film bzw. eine Fernsehsendung, die auch mit ähnlichen Worten schloß.

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