Literaturgefluester

2010-05-16

Am Ende des Gartens

Filed under: Uncategorized — jancak @ 02:04

„Am Ende des Gartes“ – Erinnerungen an eine Jugend von Erika Pluhar beginnt mit einer Gartenszene und endet mit einer solchen.
Das 1997 veröffentlichte Buch, in der distanzierten „Sie-Form“ geschrieben, die von einer Erika berichtet, die Schauspielerin werden will und bald nach der Geburt der Tochter Anna und der nicht so glücklichen Eheschließung mit Udo Proksch ziemlich abrupt endet, beginnt mit der Schilderung des Gartens im polnischen Lemberg und von der ersten Erinnerung des kleinen Mädchen, das mit seinem Spielgefährten Dudusch in diesen einen Stahlhelm findet.
Erika Pluhar wurde ja 1939, allerdings in Wien geboren, der Vater war Nationalsozialist, die Mutter ist schwanger mit ihr und der älteren Schwester nach Wien zurückgekehrt. Es folgen Schilderungen von Bombenalarmen und einem schreienden Kind, das in den Luftschutzkeller geschleppt wird und sich dort die ersten Traumatisierungen holt.
Die Döblinger Wohnung wird zur Hälfte zerstört, die Mutter mit den Kindern nach Oberösterreich evakuiert, der Vater ist in Kriegsgefangenschaft, später kehrt die Familie nach Wien zurück und lebt länger bei den Großeltern, bevor sie in Floridsdorf eine Gemeindewohnung bekommt.
Es folgen Schilderungen der ersten Mädchenfreundschaften. Sie lernt leicht und begeistert, ist aber nicht sehr sprachbegabt und auch nicht gut in Mathematik, spielt und singt frühzeitig allen etwas vor, gerät in schlechte Schauspielschulen, bevor sie nach der Matura, die Aufnahmeprüfung ins Reinhardt Seminar besteht.
Da passierten schon einige Vergewaltigungen und eine Magersucht von der sie sich selbst befreit und noch vor der Matura wieder zu essen beginnt.
Ihre Reinhardt Seminar Klasse ist ein guter Jahrgang, Heidelinde Weis, Marisa Mell, Senta Berger, Achim Benning und noch andere befinden sich darunter. Sie wird Elevin im Burgtheater und schildert einige boshafte Bemerkungen Adrienne Gessners, die sie als verbitterte Frau erlebte, aber auch die Freundschaft zu ihrer Lehrerin Susi Nicoletti.
Freundschaften spielen in der traumatisierten Nachkriegsjugend überhaupt eine große Rolle. Nach dem ersten Mann von dem sie sich entjungfern läßt und zu dem sie ziemlich bald nach Aufnahme in die Schauspielschule die Beziehung abbricht, spielt der Dominikanerpater Diego, der am Reinhardt Seminar unterrichtet, eine große Rolle. Ausführlich werden Briefe an ihm zitiert, wie auch die frühen Texte Erika Pluhars, mit der sie das Theaterleben, aber auch ihre Beziehung zu Udo Proksch beschreibt, eine große Rolle spielen.
Die ist ihr sehr jung passiert, ebenfalls die Schwangerschaft, die die gerade angefangene Karrierre vorübergehend beendet, sie sitzt mit dem Kind und der Wirtschafterin, die ihr Udo Proksch engagiert, in der Wohnung ihrer Schwester und schreibt Briefe, in dem sie ihn mit „Herr Udo!“ anspricht und von seiner Sekretärin schreibt, mit der er eine Liebesbeziehung unterhält. Die Hochzeit wird überstürzt auf dem Standesamt vollzogen, Trauzeuge ist der Portier und die Mutter sehr böse, nichts davon erfahren zu haben und Erika Pluhar, die sich als sehr intuitiv und selbstbewußt erlebt, beschreibt sehr deutlich, wie dumm und untertan sich die jungen Frauen in den Sechzigerjahren den Männern gegenüber benommen haben.
Es gibt auch eine traumatische Nachblutung in einem Ordensspital, wo es keine Ärzte gibt, so daß Herr Udo die Blutende nach Hause holt und auch ein Haus mit einem großen Garten für sie mietet, in dem sie am Ende des Buches an einem hohen Fenster steht und ins Tullner Feld hineinschaut.
„Solange wir uns erinnern, herrscht Leben. Vergessen ist Sterben. Ist Tod vor der Zeit“, sind die Worte mit denen die Erinnerungen an eine Jugend enden, aber nachher ist noch sehr viel passiert. Hat Erika Pluhar ja an die achtzehn Bücher geschrieben, 1999 ihre Burgtheaterkarriere beendet, weil Peymann sie nicht mehr besetzte, eine zweite Ehe mit Andre Heller erlebt, die 1984 geschieden wurde, obwohl sie sich schon 1973 von ihm trennte, bis zu seinem Selbstmord mit dem Schauspieler Peter Vogel gelebt, 1999 ist die Tochter Anna gestorben, deren Sohn Ignaz sie adoptierte und vielleicht auch noch den zweiten Teil ihrer Biografie schreiben wird.
Der erste erzählt von einer bewegten Nachkriegsjugend, der Gewalt und den Traumatisierungen denen man in dieser Zeit ausgesetzt war, auch wenn man scheinbar sehr behütet und priveligiert aufgewachsen ist.

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