Literaturgefluester

2010-07-09

Der verpasste Mann

Filed under: Uncategorized — jancak @ 19:26

„Der verpasste Mann“ von Elfriede Hammerl ist wahrscheinlich chick lit einer Feministin bzw. das dritte Buch, der 1945 geborenen Journalistin, die sehr erfolgreiche Frauenkolumnen in Profil und Stern hat, das Frauenvolksbegehren mitinitiierte, für das liberale Forum kanditierte und gesellschaftskritische Frauenromane und Theaterstücke schreibt.
Marie ist Physiotherapeutin und über fünfzig, hat einen Sohn, der ein begabter Künstler werden kann und einen Ehemann, der, obwohl er als Journalist oder Wissenschaftler freiberuflich tätig ist, ihr den Haushalt überläßt und so hetzt sie am frühen Morgen aus dem Haus, um in ihr Gesundheitszentrum zurecht zu kommen und wirft dabei die Schuhschachtel mit alten nicht eingeordneten Fotos auf den Boden. Zwei fallen heraus, das von Paul, dem verpassten Mann, Maries einstiger großer Liebe, der sie heiraten wollte und deshalb seine damalige Verlobte verließ, was Marie, als nicht charaktervoll erschien, so daß sie sich aus Angst, ihr würde das auch einmal passieren, für Hans entschied, der lange nicht so erfolgreich ist.
Denn Paul ist inzwischen ein berühmter Kardiologe, zum dritten Mal verheiratet und dann gibt es noch Frau Dr. Gärtner im Bett, wenn er sich auf einem Kongreß befindet. Das zweite Foto ist von Onkel Gregor, dem Bruder der Großmutter, der 1930 wegen seines unseriösen Lebenswandels von der Familie nach Mexiko geschickt wurde. Mehr weiß man von ihm nicht. Es gibt zwei Freundinnen, die Jugendfreundin Christiane und die jüngere Sandra, die studierte Betriebswirtin und auf der Suche nach dem Traummann ist.
Mit ihnen geht Marie gelegentlich essen und lebt das Leben einer nicht ganz zufriedenen, emanzipierten Frau der Mittelschicht. Außerdem soll der Job in ihrem Gesundheitszentrum wegrationalisiert werden, ihr Chef Andreas schlägt ihr aber sowieso vor, sich selbstständig zu machen, was sie sich also überlegt.
So weit so gut und nicht gerade außergewöhnlich, im Leben der Generation fünfzig plus. Doch dann taucht Onkel Gregor auf und bietet Marie an, herauszufinden, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie sich für Paul entschieden hätte und plötzlich befindet sie sich in Berlin in der Praxis des praktischen Arztes, in der sie Physiotherapeutin ist, wenn sie nicht gerade die Sprechstundenhilfe vertritt, denn Paul verrät Onkel Gregor, ist nur durch Maries Abweisung so erfolgreich geworden, mit ihr wäre er praktischer Arzt mit einem Swimmingpool im Keller, die gleichen Mittelschichtfreunde gibt es aber und einen Sohn, der statt Sebastian, Martin heißt.
Mit dieser Erkenntnis soll sich entscheiden, die verpasste Chance zu korrigieren und am nächsten Donnerstag nach Berlin in ihr neues Leben als Frau Wegener zu fliegen, sie tut es fast, kommt aber trotz Ticket und neuen Pass zu Hans zurück, um ihm mitzuteilen, daß sie sich von ihm trennen wird, um irgendwann ein bißchen später zu einer Fortbildung nach Berlin zu fliegen und ein neues Leben beginnt…
Ein flott geschriebenes Buch, das ein bißchen ratlos macht, Widerspruch erregt, denn es sind natürlich viele Vorurteile drinnen, die emanzipierte Frauen gegen Machos haben und die Schicki Micki Mittelschicht ist mir zu einseitig beschrieben. Marie und ihre Freundinnen sind etwas unduldsam, haben es nicht leicht und viele Fehler gemacht und ob Marie mit ihrem Kardiologen und seinen vielen Frauenbekanntschaften glücklicher, als mit ihrem erfolglosen, boshaften Macholoser wird, glaube ich nicht ganz.
Ein Buch mit dem man über das Mittelschichtleben nachdenken kann und vieles wiederfindet, was man so kennt. So geht Christiane, als Ärztin ohne Grenzen nach Afrika und die frustrierten Freundinnen buchen einen alternativen Brotbackkurs, während sich die erfolgreichen Ehemänner für die moderne Kunst vielversprechender junger Künstler interessieren.
Elfriede Hammerl zeigt auf, was nicht so läuft in unserer moderen Schicki Mick Welt, so hat die von ihr beschriebene Fünfzigplus Generation ihre Kinder ziemlich verantwortungslos und egoistisch erzogen.
Lösungen bietet sie keine an und das Gedankenexeriment mit dem plötzlich auftauchenden Onkel Gregor bleibt ziemlich blaß bzw. löst es sich sehr bald wieder auf oder auch nicht, denn als Marie ihren Paul in Berlin trifft, ist er wieder da, hebt die Hand, kneift ein Auge zu, streckt den Daumen hoch und verläßt mit seiner Begleiterin das Lokal und Marie bleibt zurück, um es mit Paul trotz seiner Ehefrau vielleicht noch einmal zu probieren…
Das Bilanzziehen in der Nachmidlifekrise also und die berühmte „Was wäre wenn Frage?“, die nicht beantwortet wird, da es ja keine Geister gibt, obwohl wir sie uns manchmal stellen.

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