Literaturgefluester

2010-07-19

Und ich schüttelte einen Liebling

Filed under: Uncategorized — jancak @ 19:05

„Und ich schüttelte einen Liebling“, ist, glaube ich, das erste Friederike Mayröcker Buch, das ich gelesen habe, obwohl ich die Dichterin schon lange kenne und bei einigen ihrer Lesungen war, war mein Weg zu ihrer Literatur eher lang und weit. Denn am Anfang meines Schreibens habe ich ja nicht viel von der experimentellen Literatur gehalten. Ich kann mich erinnern, daß ich so Mitte der Siebzigerjahre, als ich nicht recht gewußt habe, wie ich schreiben soll, in eine Buchhandlung gegangen bin, da ein Buch von Gert Jonke gefunden und durchblättert habe und mir irgendwie dachte, so will ichs eigentlich nicht. Dann habe ich mit den Bindestrichen angefangen, die ja nicht begeistert aufgenommen wurden. Das nur als Detail am Rande.
Denn natürlich habe ich Mayröcker Bücher in meinem Besitz. „Die Abschiede“, „Ein Lesebuch“, „In langsamen Blitzen“ steht in meinen Katalog, aber ich scheine ziemlich lang gedacht zu haben, daß ich Mayröcker nicht lesen kann.
Aber wenn man in Wien lebt, seit dreißig Jahren in die Alte Schmiede geht und seit 1987 GAV-Mitglied ist, kommt man, um diesen Namen nicht herum und soll es auch nicht. Denn das ist ja die große alte Dichterin, zuerst als Paar mit Ernst Jandl wahrgenommen, obwohl ich bei den GAV-GVs von Marie Therese Kerschbaumer und Gerhard Kofler hörte, daß es die Fritzi auch nicht leicht mit ihrem Ernstl hat und der sie, wie alle Stars beim Schreiben in den Schatten stellt, so daß es gut ist, daß sie nicht mit ihm zusammenwohnt, wenn ich mich da recht erinnere.
2000 ist Ernst Jandl gestorben und das Buch ist ein Requiem darauf, obwohl mir einige Elemente daraus durch die Lesungen aus „dieses Jäckchen(nämlich) des Vogel Greif“ bekannt erschienen. Das Bild der alten Ärztin z.B. und dann die Passage der Russlandreise mit Wendelin Schmidt-Dengler, der dort mit Wörterbüchern spazierengeht und Straßennamen entziffert, was ich bei der Schmidt-Dengler Vorlesung in der Gesellschaft für Literatur hörte.
Und es hat mein Mayröcker Bild auch verändert und mich ein bißchen verwirrt, denn diese, wie in der Beschreibung steht „Erinnerungen und Träume, Gespräche und Zitate, Eindrücke und Beobachtungen auf Notizblättern gesamelt, sind eigentlich ein einziger Endlosmonolog aus dem Alltag, die ich mir zumindest sehr ehrlich und realistisch interpretiert habe und da habe ich auch an das Portrait gedacht, das beim Bachmannpreis gezeigt wurde, wo sich die Mayröcker sehr gegen das Erzählen stellt und meint, sie würde sowas nicht lesen.
Hier finde ich erzählt sie sehr viel, auch vermeintlich Banales, in einer wunderschönen Sprache und es ist vielleicht das, was ich mir bei Andrea Winkler wünschen würde und so habe ich mir gedacht, es geht also schon die Poesie mit dem Realismus zu verbinden, natürlich geht es, auch wenn Friederike Mayröcker einen Sonderstatus hat, sich wiederholen und dasselbe schreiben darf, das Wort klein Abkürzen und sz verwenden.
Es geht so interpretiert es sich die Psychologin, um den Alltag einer alten Frau, der das Schreiben sehr sehr wichtig ist, die immer noch, um die Form und den Ausdruck ringt, Angst vor dem Sterben hat, auch das hat sie, glaube ich, schon in dem Portrait geäußert, sich, was ich auch schon wußte, aber eigentlich erstaulich finde, auch bei den jüngeren Literaten auszukennen scheint, so wird Peter Pessl zweimal erwähnt und Bettina Galvagni. Bodo Hell natürlich und sehr oft Gertrude Stein, da taucht das Bild der kleinen Gerti mit der Ziege mehrmals auf und sie schreibt sehr oft vom Tod der Mutter und ihren Schuldgefühlen, die sie sich macht, dabei nicht geschickt gewesen zu sein. Was ich nicht immer verstanden habe, war, wenn sie E. J. zitierte, ob sie jetzt von dem Toten oder noch Lebenden spricht, aber die Literaturwissenschaft interpretiert das Buch ohnehin als Traumdeutung und die Übergänge von Traum und Wirklichkeit scheinen sehr fließend zu sein. Und dann immer wieder schöne Wendungen, zum Beispiel, die von „der geriatrischen Sicht der Dinge“, hat mir gut gefallen und auch, daß Ernst Jandl und Friederike Mayröcker gerne Coca Cola tranken, soviel Alltag hätte ich den beiden Großen gar nicht zugetraut.
Eine sehr interessante Lektüre also, die mir den Zugang zu der großen alte Dame wieder etwas mehr geöffnet hat, obwohl ich den ja inzwischen auch gefunden habe. So gehe ich ja ziemlich regelmäßig zu den Lesungen in die Alte Schmiede, war beim „Scardanelli“ und beim „Vogel Greif“ und wahrscheinlich auch bei der Präsentation von diesem Buch. Aus „Brütt oder die hängenden Gärten“, habe ich sie 1998 in Mürzzuschlag beim Fest für Friederike Mayröcker lesen gehört und wenn man auf Wikipedia geht, kann man über das lange Werkverzeichnis nur staunen und in der Alten Schmiede über die Mayröcker Fangemeinde. Angelika Kaumann, Bodo Hell gehören dazu und mit einer älteren Dame, die sie zu Lesungen begleitet und ihre Texte abtippt und archiviert, bin ich im Literaturhaus und in der Alten Schmiede auch ins Gespräch gekommen.
Ein sehr interessantes Buch, das ich jeden nur empfehlen kann, der so, wie ich glaubte, daß Friederike Mayröcker zu schwer, zu experimentell, zu unverständlich zu lesen ist, die Psychologin in mir hat viel gelernt dabei und die besessen Schreibende auch, denn da war ich einmal bei einer Lesung aus den „Magischen Blättern“ in der Alten Schmiede und habe mir einen Satz aufgeschrieben, der ungefähr so lautete „Da hat man sich sein ganzes Leben für Literatur eingesetzt und es ist noch immer nichts dabei herausgekommen“, was ja auch für mich zutreffen könnte.
Bei einem der Feste in Mürzzuschlag, als ich mit dem Sammeltaxi von Neuberg nach Mürzzuschlag gefahren bin, in dem Jahr, in dem Elfriede Jelinek den Büchner Preis bekommen hat, habe ich von der Mayröcker Fangemeinde, die mit mir im Taxi saß, gehört, daß der ja der Fritzi zugestanden wäre und 2004 war sie, glaube ich, ja für den Nobelpreis nominiert und da auf die Reporterfragen, auch sehr ehrlich geantwortet und die Jüngere, hat es sich sehr leicht gemacht, als sie erstaut „Also ich hätte gratuliert!“, den Reportern antwortete.

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