Literaturgefluester

2010-09-06

Evelyns Fall

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:38

Im zwölften Mira-Valensky-Krimi „Evelyns Fall“ greift Eva Rossmann im europäischen Jahr zur Bekämpfung der Armut und sozialen Ausgrenzung“ und in Zeiten der Wirschaftskrise ein aktuelles Thema auf.
Evelyn Maier, zweiundvierzig, Sozialhilfeempfängerin, über hundert Kilo schwer, Diabetikerin mit kaputten Gelenken, die, seit sie aus ihrer Sozialwohnung delogiert wurde, in dem Häuschen der verstorbenen Tante, das noch ein Plumpsklo hat, in Lissenberg wohnt, wofür sie bei der Cousine, die es ihr vermietete, putzen muß, ist gegen den Ofen gefallen und daran verstorben.
Für die Polizei und das „Magazin“ zu unwichtig, um sich extra damit zu beschäftigen, für Evelyns Tochter Celine, die Gesang und Psychologie studiert und mit Vesna Krainers Tochter Jana befreundet ist, ist es das nicht.
Sie ist fest davon überzeugt, daß ihre Mutter ermordet wurde, ist doch auch ihr Handy verschwunden und so bittet sie Mira Valensky und Vesna Krainer, sich mit dem Fall zu beschäftigen.
Mira Valensky läßt sich von der Polizei die Handyspeicherkarten geben und erfährt, das Evelyn Maier, die einmal jung und schön, sowie ein aufstrebendes Gesangstalent war, das sich bei den „three friends“ die ersten Loorbeeren ersungen hat, am Schluß so einsam wurde, daß sie mit ihren Handy kommunizierte, es „Liebling“ nannte und sich selbst beim Essen von Reis und Ketschup filmte.
So weit so trist, aber vielleicht nicht ungewöhnlich, die Caritas wird mehrere solcher Geschichten erzählen können, aber als Mira das kleine Häuschen nach Spuren untersucht, wird sie niedergeschlagen und zu einer toten Ratte gesperrt.
Sie läßt sich davon nicht abschrecken, spricht mit einer Nachbarin, die von vermehrten Alkoholkonsum und Männerbesuchen mit großen schicken Autos spricht. Das erstere ist erlogen, war Evelyn seit ihre Karriere durch den Tod von Hubert Osthof, einer der drei Freunde und damaliger Liebling, so geschockt, daß sie nie mehr Alkohol anrührte, ein Maybach, das ist ein Rollce Royce ähnlicher Luxus Mercedes, wie ich mir sagen ließ, ist aber mehrmals vor dem schäbigen alten Häuschen, das man eigentlich in einer Romasiedlung oder im Kosovo vermuten würde, gestanden.
Mira und Vesna finden heraus, das er dem dritten Liebling und inzwischen erfolgreichen Autohändler Hans Tobler gehört, der Evelyn zufällig in einen Supermarkt wiedertraf und ihr helfen wollte, was sie sich aber nicht ließ.
Trotzdem bekommt Mira bei einem Treffen mit einem Gerichtsvollzieher heraus, daß Evelyn in ihren letzten Tagen sehr zuversichtlich war, von plötzlichen Reichtum und einer Änderung in ihrem Leben gesprochen hat.
So weit die Handlung, die uns ein wenig in das arme Österreich führen soll, von dem die Caritas und Armutsforscher Schenk schon lange sprechen.
Das „Magazin“ beschäftigt sich in Zeiten, wie diesen mit der Wirtschaftskrise und will eine Serie über „Krisengewinner“ herausbringen. So besucht Mira schicke Secondhandboutiquen in denen Ministerinnen und andere Promis ihre fast ungebrauchten Markenkleider verkaufen und macht Interviews mit Ministern, die mit dem Fahrrad, statt mit dem Dienstwagen zur Arbeit fahren oder mindestens so tun. Währenddessen veranstaltet der Maybachfahrer Hans Tobler eine superschicke Party in seinem Autohaus, bei der man sowohl Hotdogs, als auch Hummer, Garnelen und Champagner genießen kann und Mira Valensky, die ja auch der Mittelschicht angehört, verwöhnt ihren Luxuskater Gismo mit schwarzen Oliven und kocht zum Abendessen warmen Ziegenkäse auf Fladenbrot, Trüffelnudeln und rosarot gebratenes Lamm mit Kirschparadeisern, gehört das ja zu den Markenzeichen der Valensky-Krimis.
Trotzdem ist das Buch hervorragend recherchiert, man erfährt einiges über das Leben in Österarm, obwohl das Ganze vielleicht in eine nicht sehr glaubwürdige Klischeegeschichte gepackt ist, denn die Töchter der Sozialhilfeempfängerinnen studieren üblicherweise nicht Psychologie und gewinnen auch keine Gesangswettbewerbe, Luxusautos stehen selten vor ihren Türen, Lottogewinne sind eher eine unerfüllte Illusion und das Übergewicht, meistens die Begleiterscheinung von Psychopharmaka gegen Depression und Angststörungen.
Trotzdem ist es wichtig darüber Bescheid zu wissen, der Krimi ist, auch wenn er am Klischee vorbeimarschiert, spannend zu lesen und Eva Rossmann eine sehr engagierte Autorin, die wichtige Themen in ihre Geschichten packt, dabei nur sanft andeutet und nie wirklich gewalttätig wird, was mir sehr sympathisch ist. So habe ich auch alle zwölf Mira-Valensky-Bücher gelesen und greife immer wieder gern danach, auch wenn das Schema, nachdem sie geschrieben werden, zu erkennen ist.
„Wahlkampf“ und „Freudsche Verbrechen“ haben mir am besten gefallen. „Kaltes Fleisch“ und „Leben lassen“ weniger. Bei diesen weiß ich nicht so genau. Denn die neue oder alte Armut ist ein Thema, das mich sehr interessiert, die Geschichte spannend, die Handlung ein bißchen trivial, die Figur der Evelyn sehr realistisch beschrieben.
Daß die eigentlichen Hauptpersonen dann wieder die Autohändler mit ihren Bodyguards und die Wirtschaftsforscher, die ihre Frauen schlagen und die mächtigen Ex-Minister werden, enttäuscht vielleicht und ein bißchen hat die Wirklichkeit, die Realität durch die bedarfsorientierte Grundsicherung, die es seit 1. 9. bei uns gibt, überholt. Zumindest werden jetzt alle eine E-Card haben und sich vor den Sprechstundenhilfen nicht mehr genieren müßen und das Buch wird am Mittwoch im Caritslager Carla am Mittersteig und nicht in einem superschicken Autosalon vorgestellt.
Und in Zeiten, wo nicht mehr alle studieren oder aufs Gymnasium dürfen, Unternehmensberater Betriebe durch Entlassungen gesundschrumpfen und man ab Fünfzig, sowieso keine Arbeit mehr findet, gehören übergewichtige Frauen mit kaputten Gelenken wahrscheinlich mehr zur Norm, als schicke Maybach fahrende Autohändler, zumindestens kenne ich von den ersteren mehr.

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2 Kommentare »

  1. […] Literaturgeflüster ORF Wien Interview mit Eva Rossmann und Martin Walker Risotto mit Rosenblüten (Rezept aus dem Buch) […]

    Pingback von Eva Rossmann: Evelyns Fall « LeseLustFrust — 2010-09-08 @ 20:38 | Antwort

  2. […] Informationen: Literaturgeflüster – LeseLust – […]

    Pingback von Eva Rossmann – Evelyns Fall « Books in the Fridge — 2011-02-01 @ 21:38 | Antwort


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