Literaturgefluester

2010-09-11

rund um meine eltern eine burg

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:08

Den 2009 in der edition exil erschienenen zweisprachigen Gedichtband von Mircea Lacatus habe ich vor einem Jahr nach der Präsentation von Seher Cakirs „Zitronenkuchen für die sechsundfünfzigste Frau“ von Christa Stippinger geschenkt bekommen.
Ein bisserl lang hat es gedauert, bis ich ihn bespreche, das Lesen hat sich aber gelohnt.
Gesehen habe ich den 1962 in Transsylvanien geborenen Dichter und Bildhauer 2007, das erste Mal, als er im Amerlinghaus den Lyrik Exil-Literaturpreis bekommen hat.
Mircea Lacatus lebt seit 1990 als freischaffender Künstler in Wien und schreibt in seinen Poemen, die von Aranca Munteanu aus dem Rumänischen übersetzt wurden, in einer sehr frischen Art von seinen Eltern, der Geliebten, der Kreuzigung, dem Konzentrationslager und vom U-Bahnfahren.
Gisela von Wysocky meint in ihrem Nachwort „Mircea Lacatus nimmt uns in seinen Gedichten mit auf eine Reise. Sie dokumentieren eine Gangart, die man als poetisches Überfliegertum bezeichnen könnte. Die zentralen Metaphern dieser hochpoetischen Fortbewegungsmittel: Flügel, Pferde Begschuhe…
Hier ein paar Beispiele:

ich bin sicher
Vater verließ und nach und nach wir wussten es nicht
sein herz packte jeden tag einen koffer
und brachte ihn zu den verwandten zu seinen eltern
zu seinen brüdern die auch schon lange von uns gegagen waren
als er sein letztes bündel nahm war ich nicht zu hause
er warf es über die schulter ging und sagte es sei besser so
besser ich sehe ihn nicht denn ich würde sicher versuchen ihm zu folgen

verwünschung
sohn hast du ein liebchen
hab ich vater warum
um deine seele an dich zu binden
deshalb

meine mutter die zigeunerin
meine mutter liebte meinen vater
sie wußte wie man einen webstuhl baut
sie webte flickenteppiche für das ganze haus
meine mutter wusste wie man eingelegte tomaten gurken paprika ansetzt
sie konnte nicht lesen und nicht schreiben
sie schrieb aber auf herzen und las in den augen
handlesen tat sie ungern denn
dort gab es einen ort an dem sie dem tod begegnete

pieta
will ich an vater denken
wie er im hof auf einem stuhl sitzt
und mein hölzernes schwert repariert
das ich vor langer zeit
in einer schlacht zerbrochen hab

brief aus dem Konzentrationslager
was würdest du sagen
wenn du siehst dass ich fast zum skelett geworden bin
nur die sehnsucht nach dir hat mich verwüstet
aber ich bin wieder auf den beiden
wenn ich deinen warmen körper spüre
der mich jeden abend umarmt
und deine sanfte stimme singt mir leise ins ohr
poeme von rilke

noch ein gedicht für mutter
siehst du mutter
der frühling kommt auch ohne dich
du hast uns reicher an zeit und
um einen gott ärmer
hinterlassen

rückkehr
lies mir aus der hand mutter
sieh doch meine immer noch schönen handflächen
betrachte meine lebenslinie

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