Literaturgefluester

2010-09-22

Lehrjahre

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:25

Eigentlich wollte ich Dienstags zur Litera-Tour der Basis.Kultur.Wien in die Bücherei Margareten gehen, da dort das erste Wiener Lesetheater Helmut Korrherr, Judith Gruber-Rizy, Elisabeth Perchnig und Monika Giller präsentierte, aber dann gabs im Wochenend-Standard ein Interview mit Robert Schindel über das erste Jahr Literarisches Schreiben an der Angewandten mit dem Hinweis, daß zum Wintersemester-Auftakt die Werkstätte Kunstberufe eine Podiumsdiskussion zum Thema „Lehrjahre. Zwischen Marktchancen und künstlerischen Anspruch: Ausbildungsvarianten für Schreibende“, am Dienstag macht.
Die Werkstätte Kunstberufe habe ich vor zwei Jahren gefunden, als ich die Edition Gallitzin mit dem angeblichen Thomas Glavinic Buch suchte. Jetzt gabs ein Podium mit Gustav Ernst von der Leondinger Akademie, Petra Ganglbauer vom Lehrgang Wiener Schreibpädagogik, dem Bachmann-Juror Paul Jandl, Marlen Schachinger, die in der Werkstätte literarisches Schreiben lehrt und Robert Schindel vom Hochschullehrgang, moderiert von Christa Nebenführ.
Alles Bekannte, vor einem Jahr hats im Literaturhaus eine ähnliche Veranstaltung gegeben, aber vorerst kam von der GAV die Einladung zur Generalversammlung, zum kulturpolitischen Arbeitskreis und die Liste mit den Neuaufnahmen, da habe ich zwei Veti gegen zwei Vorschläge zur Nichtaufnahme eingelegt, eines davon betrifft eine Absolventin der Leondinger Akademie und als ich in die Gallitzinstraße aufbrechen wollte, kam ein Anruf der alten Dame, die meine Nummer aus dem Margaretner Kunst-und Kulturkatalog hat und zum dritten Mal wissen wollte, wo ich meine Bücher verlege und mir erzählte, daß sie Krimis schreibt.
Im Bockkeller traf ich auf Marietta Böning, dann stellte jeder der Lehrgangsleiter seine Schule für Dichtung vor und Paul Jandl sollte erzählen, ob er, seit man das Schreiben lernen kann, einen Unterschied in den Texten merkt?
„Ja!“, sagte er, „sie sind sorgfältiger erarbeitet und haben schon das, was früher die Lektoren machten!“
Es gibt aber natürlich keinen Geniebegriff und Peter Handke hätte diese Schule nicht gebraucht. Christa Nebenführ erzählte, daß sie die Aufnahmsprüfung ins Reinhardt Seminar nicht schaffte, in eine andere Schauspielschule ging und sich lange nicht vollwertig fühlte, bis ihr Reinhardt Seminar Absolventen erzählten, daß sie dort auch nichts anderes lernten. Dann kam sie mit den Zahlen, von achthundert Bewerbern nimmt das Reinhardt Seminar neun, der Hochschullehrgang von dreihundert immerhin zwanzig, dann schwenkte es zu der Forderung über, daß alle Schreiben lernen und die Deutschlehrer einen kreativen Writingkurs besuchen sollten. Das bietet, habe ich bei „Rund um die Burg“ gehört, die Schule für Dichtung an und die Studenten sollen einen Pflichtschreibkurs machen, damit es bessere Sachbücher gibt, das gibts beim Writingstudio und die feiern am Donnerstag ein großes Eröffnungsfest.
Ein junger Mann erkundigte sich, warum ausgerechnet jetzt soviel Schreiblehrgänge eröffnet werden, weil Nachfrage in diesem Dienstleistungsbereich herrscht und die Multiplikatoren des Lehrgangs für Schreibpädagogik können auch jeden abholen, wo er steht, während Robert Schindel schätzte, daß pro Jahrgang zwei Profischreiber hervorgehen, die anderen werden gute Journalisten oder Lektoren werden und ein Herr malte noch einmal das Horrorbild, daß Kafka, Roth und Hesse in einem Schreibkurs sitzen, beziehungsweise das Schreiben unterrichten würden.
Manche Vorurteile sitzen eben tief und natürlich muß man das Schreiben lernen. Kafka und Handke haben es sicher auch einmal getan. Da bin ich übrigens vor Jahren einmal im Rathaus bei einer Wiener Vorlesung gesessen, hinter mir zwei jüngere Männer, wobei sich der eine beim anderen beschwerte, daß sie ihm auf der Pädag oder sonstwo zu einem Schreibseminar verpflichteten, obwohl er schon ein paar Bücher geschrieben hat. Man kann es eben niemanden recht machen. Es war aber sehr voll und im Internet, meiner Schule des Schreibens habe ich eine interessante Diskussion über die Frage, wer sich Autor nennen darf, verfolgt. Es gibt eben viel Konkurrenz und Thomas Wollinger, dessen Blog ich für eine sehr gute Schreibschule halte, war auch ein Leondinger Absolvent.
Am 17. November wird in der Gallitzinstraße die Anthologie „schreibSPUREN 2010“ vorgestellt, wo die Literarischen Schreiber ihre Texte präsentieren. Ein vierwöchiges Praktikum in einem Verlag, einer Zeitschrift oder im Bereich Kulturjournalismus ist bei dem sechssemestrigen Lehrgang übigens Pflicht. Ob man dazu auch ausgewählt wird, weiß ich nicht. Im Vorjahr habe ich aber einen Prospekt zu einer Romanwerkstatt gesehen, wo man nur teilnehmen durfte, wenn man seine Bücher nicht selber macht und als ich beim Heimweg am Bücherschrank vorbeigegangen bin, hing dort nicht nur eine neuerliche Warnung vor dem weißhaarigen alten Mann, es lag auch eines der kleinen Büchlein aus dem Bundesverlag „Junge Literatur aus Österreich 85/86 darin, wo eine Jury, der u.a. Michael Köhlmeier, György Sebestyen und Helmut Zenker angehörten, aus achthundertneun Einsendungen jugendlicher Texte, zweihundert in die engere Wahl brachte und siebenunddreißig Beiträge für den Band auswählte. Klaus Ebner, Margret Kreidl, Gerhard Altmann, Andre M. Leidinger, ich glaube ein Cousin vom Alfred, Cornelia Vospernik und Daniela Strigl waren dabei. Eine bunte Mischung, welche Genies nicht darin zu finden sind, wissen wir dagegen nicht und mit Gustav Ernst, den ich ja die „Heimsuchung“ schickte, in der es auch um einen Hochschullehrgang geht, erkundigte sich, ob ich wieder über ihn geschrieben hätte? Das letzte Mal, als er im Kino unter Sternen einen Polizisten in einer Helmut Zenker Verfilmung spielte.
„War ich gut?“, hat er sich erkundigt. Ich glaube, er wars auch ohne Schauspielausbildung.

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