Literaturgefluester

2010-10-02

Dein Zimmer für mich allein

Filed under: Uncategorized — jancak @ 08:25

Ich habe die 1997 erschienene Erzählung „Dein Zimmer für mich allein“ von Michael Köhlmeier, nicht wie Leselustfrust geraten hat, im Cafe Eiles bei einer Tasse Kakao, sondern in der Badewanne gelesen, verdanke aber ihrer Besprechung, daß ich das dünne Bändchen mit der nackten Frau in dem roten Stuhl auf dem auch sonst sehr roten Umschlag, aus der zweiten Reihe meines grüne Erde Regals, hervorgezogen habe. Der Titel erinnert an Virgina Woolf, es gibt auch ein Zitat von ihr auf den ersten Seiten. Ansonsten hat es nicht sehr viel mit dem berühmten Buch zu tun, geht es doch um einen Mann, der in der Nacht im überfüllten Zug aus einem fremden Land, nach Österreich gekommen, beziehungsweise aus dem Fenster des Zug gehoben wurde, um für ein durstiges Kind Wasser zu besorgen. Der Zug mit Mantel und Koffer fährt weiter, der Mann tappt in ein halbfertiges Haus, übernachtet am Dachboden in einer Styroporhöhle und schleicht in die Wohnung einer Frau, die ihn an seine erste Geliebte Ulla erinnert.
Diese Geschichte erzählt er im Cafe Eiles einem Schriftsteller, der ihn dafür auf zwei Tassen Kakao, Wein und eine Gulaschsuppe einlädt und ihn auf seinen inneren Spaßmacher bringt, der ihn zu Dingen veranlaßt, die man nicht tun soll, wenn man ohne Geld und Papiere ein fremdes Land betritt oder doch, hat man dann ja nichts zu verlieren, denn die Polizei kann einen nur wieder in den Zug oder in eine warme Zelle setzen und einem Menschen in Not steht, wie im Buch steht, alles zu.
So schlüpft der namenlose, mir nicht besonders sympathische Ich-Erzähler nicht nur in die Wohnung der Frau, die, wie auf dem Türschild steht, Marianne heißt, er beginnt sich auch an ihren Aspirintabletten zu bedienen, trinkt ihren Kaffee, schläft in ihrem Bett, fotografiert die Wohnung mit ihrer Sofortbildkamera, um sie um fünf, wenn Marianne von der Arbeit kommt, wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen und sich auf das Dach zu begeben.
Eine Woche tut er das und wird immer dreister dabei, verliebt sich viermal in die fremde Frau, vergißt sein Unterhemd in ihrer Wohnung, das er am nächsten Tag gebügelt vorfindet, geht mit ihrer Jacke und ihrem Geld in das Kaufhaus, in dem er glaubt, daß sie als Verkäuferin arbeitet und macht sich seine Vorstellungen über sie, daß er dann noch den Tisch gedeckt vorfindet, ist ein besonderer Luxus und irgendwann erscheint Marianne mit einem Mann in ihrem Schlafzimmer, er ist inzwischen unters Bett verschwunden, dem sie erzählt, daß sie ihn verlassen wird, weil sie einen anderen liebt.
Der innere Spaßmacher mit dem der Mann, während er seine Geschichte erzählt, Monologe hält, bleibt weiter unterm Bett, während der Ich-Erzähler irgendwie nach Wien und an die Telefonnummer des Schriftstellers gerät und nach dem Erzählen, mit dem Vorwand telefonieren zu müssen, wie vorher angekündigt, prompt verschwindet.
Eine kleine, leise Geschichte, die Fragen stellt, vermutet, alles offen läßt und damit, wie im Klappentext steht, mit großer sprachlicher Finesse und psychologischen Raffinement, die abgründigen Spielarten menschlicher Beziehungen auslotet.
Leselustfrust nannte es substanzlos und unbefriedigend, daran ist schon etwas. Ich habe auch etwas von einem Entwurf des Erzählens, einer Fingerübung dazu, gelesen.
Als das Buch erschienen ist, wurde es sehr gefeiert, ich habe Teile daraus im Radio gehört und denke nach dem leichten, vergnüglichen Lesen, daß es sehr viel sein kann. Alles was man hineindenkt, denn der Erzähler läßt ja sehr viel offen.
Die große Liebesgeschichte habe ich nicht so empfunden, denn die war das Wunschdenken des Mannes ohne Pass und Geld, eine Machophantasie, wenn man so will. Es könnte auch eine fein erzählte Geschichte eines Asylwerbers sein, betont Köhlmeier ja den Akzent des Fremden und der Schriftsteller blättert, bevor der Erzähler erscheint, in einen Artikel über Litauen.
Es ist sicher eine Geschichte über das Geschichtenerzählen. Den Bezug zu Viginia Woolf kann ich nicht finden und denke, daß das der Magnet sein könnte, um den Leser in das Buch zu locken und, daß Michael Köhlmeier ein Kaffeehauserzähler ist, könnte stimmen. Habe ich ja die im Kurier erschienenen und im Sammelband „Bevor Max kam“ herausgegebenen Geschichten, in denen es auch um eine Kaffeehausrunde geht, gelesen.
Aber der 1949 in Hard am Bodensee geborene Michael Köhlmeier ist überhaupt ein vielseitiger Autor, der nicht nur die „Sagen des klassischen Altertums“ mit seiner interessanten Stimme neu erzählt. Hörspiele, Filmdrehbücher mit den Romanen „Abendland“ und „Madalyn“ auf die Listen des deutschen Buchpreises gekommen. Ich kenne den Namen seit Ende der Achtzigerjahre. Ich weiß nicht mehr, wie das Buch hieß, mit dem Köhlmeier damals in aller Munde war, kann mich aber an eine General- oder Vollversammlung der GAV erinnern, die Thomas Rothschild mit dem Hinweis, daß er ein Buch des Mitgliedes Michael Köhlmeier lesen würde, frühzeitig verließ. Die Kriminalgeschichte „Calling“ habe ich noch zu lesen und das Hörbuch „Sunrise“ ist auch noch nicht gehört.

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