Literaturgefluester

2010-10-08

Mein Frankfurt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:32

Martin Mosebachs Insel Taschenbuch „Mein Frankfurt“ mit einem Nachwort von Rainer Weiss und Fotos von Barbara Klemm, habe ich einer Ein-Euro-Kiste der Buchlandung gefunden und es als ich den „Nebelfürst“ gelesen habe, nach Leipzig mitnehmen wollen, dann aber wieder in das Regal zurückgelegt. Jetzt erscheint es mir aber passend, ist Martin Mosebach ja ein typischer Frankfurter, der wie er schreibt, Frankfurt nie verlassen hat und von dem 1951 geborenen Dichter ist durch seinen Longlistenroman „Was davor geschah“ derzeit oft die Rede. So habe ich das Buch zwischen meinen Frankfurt-Ausflügen gelesen, denn ich kenne die Stadt, in der ich 2000 und 2002 auf der Buchmesse war und dann noch zweimal Rudolf Blazejewski besuchte, als wir von unseren Skandinavienreisen zurückgefahren sind, nicht wirklich. Als die Anna ganz klein war, haben wir bei ihm auf der Wolfsweide übernachtet und war fasziniert von der tollen Wohnung.
2000 habe ich ihn nicht mehr gefunden, so daß wir bei einer Lesung im Römer waren und dann noch einen Schoppen in einer Wirtschaft tranken. 2001 waren wir mit den Hundertmarks in Dänemark, auf der Rückreise sind wir mit ihm durch einen Wald gegangen und haben in einer Schenke den berühmten Apfelwein getrunken und das Haus, in dem die Stipendiaten wohnen, haben wir auch fotografiert.
2002 wollten wir einen Nachmittag die Stadt besichtigen und haben das Zentrum nicht wirklich gefunden. So kann ich mich nur an das Kaufhaus erinnern, in deren Tiefgarage wir das Auto parkten, dann habe ich die Schirnhalle, eine Buchhandlung, eine Brücke übern Main und einen Platz mit Springbrunnen mit ein paar Dönerbuden gefunden. Die Skyline mit den Hochhäusern habe ich natürlich auch bewundert. Das wars dann schon und jetzt bin ich ein bißchen mit Martin Mosebach durch Frankfurt geschlendert, der bestätigte, daß es kein altes Frankfurt gibt und, daß er, als in den Fünfzigerjahren
in die Schule gekommen ist, eine komplett neue Stadt erlebte.
Das Buch besteht aus vier Frankfurt Essays und drei Ausschnitten aus dem 1992 Roman „Westend“, wo der eingesessene Frankfurter Bürger Alfred Labonte mit einem Ruderboot den Main hinuntertreibt und dabei eine Kinderleiche findet. In der zweiten Stelle stellt er das Leben mit Tante Tildchen und Tante Mi im Westend vor und in der dritten, wird der alte Friedhof vorgestellt und Tante Tildchen zu Grabe getragen. Bei dem Begräbnis sind außer Tante Mi, Alfred und Fräulein Emig nur drei alte Damen der Jugendbewegung anwesend, der sich Tante Tildchen in den zwanziger Jahren angeschlossen hatte. Trotzdem sind sie es, die dem Pfarrer Informationen über die Verstorbene geben, der dann behauptet, daß Tante Tildchen für Rosen schwärmte, obwohl es doch Wicken waren und aus Alfred einen Albrecht macht.
Martin Mosebach ist, entnehme ich Wikipedia, in Frankfurt-Sachsenhausen geboren und verbrachte die ersten Lebensjahre in Königsstein im Taunus, wo der Vater als Arzt praktizierte. Als er fünf Jahre war, kehrte die Familie nach Frankfurt ins Westend zurück, wo Martin Mosebach Rechtswissenschaft studierte.
In den vier Frankfurt Geschichten gibt er in der ersten ein Portrait der Stadt, wo die Schule beschrieben wird, aber auch der Dom und der Römerberg. Dann geht es um den Struwwelpeter und die Amerikaner. Heinrich Hoffmann, der das berühmte Buch geschrieben hat, war einer der ersten Psychiater Deutschlands, der von den wohlhabenden Kaufleuten Frankfurts Geld für eine fortschrittliche Anstalt für Irre und Epileptische sammelte, so daß er auf dem Affenstein eine prächtige Krankenhausanlage, das sogenannte „Irrenschloß“ bauen ließ, das er bis zu seinem Tod leitete und sogar dort wohnte.
Der dritte Essay beschreibt den Ursprung der Vaterlandsliebe, der vierte ist dem phantasierten, beziehungsweise dem wirklichen Frankfurt gewidmet, wo Martin Mosebach erklärt, daß er Frankfurt als eine der verdorbensten und häßlichsten Städte Deutschlands erlebt, in seiner Phantasie aber an die schönste Stadt denkt, die er kennt.
Das kann ich nach meinen Kurzbesuchen natürlich nicht beurteilen, trotzdem hat mich die schnelle Lektüre der mir unbekannten Stadt nähergebracht.
Die Frankfurter Buchmesse hat den Ruf, daß sie viel unpersönlicher und weniger für die Leser, als die von Leipzig ist. Hier werden die Geschäfte gemacht und hinter verschlossenen Türen Lizenzen geschlossen und ich habe das erste Mal die Messe als sehr toll erlebt. Das zweite Mal habe ich sie nur teuer empfunden und in Erinnerung, daß ich, als ich zu einer Lesung gehen wollte, weggetrieben wurde, weil es ein Buffet gegeben hat und als ich am Fischerstand nach einem Glas Wasser fragte, wurde mir das mit der Frage, ob ich Hausautorin sei, verweigert, obwohl „Laß dir Zeit, Stottern will verlernt sein“, bei Fischer TB erschienen ist.
Auf der Messe bekommt man vom Flair der Stadt wohl nicht viel mit, egal, ob man sie vom Wohnzimmer besucht oder dort ist, so habe ich die schnelle Lektüre sehr genossen. Um mehr von Frankfurt zu erfahren, müßte man wohl außerhalb der Messe länger hinfahren. Es ist aber sicher eine gute Idee sich während eines Wohnzimmermessebesuches Martin Mosebachs „Mein Frankfurt“ zu studieren.

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