Literaturgefluester

2010-10-18

Witwe für ein Jahr

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Es geschieht sehr viel in diesem 1999 erschienenen Roman von John Irving, mit Witwen hat es auch, mehr aber mit Sex zu tun. Die siebenhundertzweiundsechzig Seiten sind in drei Teile gegliedert. Der Erste spielt im Sommer 1958 und beginnt damit, daß die vierjährige Ruth von einem Geräusch aufwacht und im Schlafzimmer ihre Mutter im Bett mit dem sechzehnjährigen Eddie findet. Der ist von der Phillips Exeter Academy hierhergekommen, weil er den Sommer als Schriftstellerassistent verbringen will. So zieht er in das Gästezimmer von Ted Cole ein, der ein schlechter Schriftsteller ist, durch seine Kinderbücher und dessen Zeichnungen, aber berühmt wurde, so daß er alle jungen Mütter der Umgebung in den verwegensten Aktposen darstellt. Von seiner Frau Marion lebt er in Trennung, der kleinen Ruth wegen wechseln sie sich ab und Ted Cole, der in diesem Sommer keinen Führerschein hat, hat Eddie auch deshalb hergeholt, weil er ihn von seiner Gattin entjungfern lassen will. Denn Jahre vorher ist dem Ehepaar etwas Schreckliches passiert. Sie haben sich in dem Auto, in dem ihre Söhne saßen gestritten, so daß die durch den dadurch entstandenden Unfall ums Leben kamen. So ist das ganze Haus voller Fotos von Thomas und Timothy, deren Geschichten sich die kleine Ruth von allen erzählen läßt. Ruth wurde von Ted sozusagen als Ersatz ervögelt, aber Marion lebt so in der Trauer, daß sie sich weigert sie zu lieben und sie verläßt sie auch in diesem Sommer mit all den Bildern, nachdem sie vorher sechzig Mal Eddie gevögelt hat.
Teil zwei spielt im Herbst 1990, Marion ist immer noch verschwunden, Ted hat zu trinken aufgehört, Ruth das Autofahren beigebracht, vögelt noch immer junge Frauen, schreibt und zeichnet Kinderbücher, Eddie ist an die älteren geprägt und hat schon sechs Romane geschrieben, in denen ein junger Mann, eine alte Frau verführt und immer „Es wird alles gut!“, zu ihr sagt. Er ist aber kein guter Schriftsteller, denn ihm fehlt die Phantasie, er beschreibt immer nur das Erlebte, während Ruth die ohne jeden Zweifel hat und berühmter als Eddie ist. Sie sehen sich in New York bei der Präsentation von einem ihrer Bücher wieder, in dem es um eine Witwe geht. Ruth ist hier mit ihrer Freundin Hannah, die viel besser im Bett als Ruth ist und sie drängt mit ihrem Lektor Allan zu schlafen, aber Ruth weiß nicht, ob sie das will. Eddie soll die Lesung einleiten, macht keine gute Figur dabei und Ruth bricht auf eine Europa Promotion auf, vorher fährt sie aber nach Hause zu ihrem Vater und trifft diesen im Bett mit Hannah an, was sie so wütend macht, daß sie die beiden hinauswirft und sich selbst einen Squashpartner ins Bett holt, in der Hoffnung, daß ihr Vater sie dabei erwischt, sie wird dabei aber nur vergewaltigt, so daß sie sich grün und blau mit ihren Liebhaber schlägt und Ruth, die noch immer nicht weiß, ob sie Allan heiraten will, bekommt in Amsterdam die Idee über eine Frau und deren jüngeren Liebhaber zu schreiben, die einer Prostituierten beim Sex zusehen. Dafür macht sie Studien im Rotlichtmilieu und beobachtet einen Mord an einer Prostiuierten.
Es passiert auch sonst so einiges, so taucht eine Leserin auf, die sich als Witwe für immer ausgibt, empört über Ruths Erfindungen ist und ihr wünscht, daß sie Witwe wird, um zu erfahren, daß sie deren Gefühle schlecht beschrieben hat und sie bekommt auch noch heraus, daß Marion in Canada lebt und sich dort als Krimiautorin ihr Trauma von der Seele schreibt.
Außerdem hat sich noch Ruths Vater, den sie vor ihrer Abreise gedemütigt hat, umgebracht, trotzdem weiß Ruth inzwischen, daß sie Allan heiraten will und bekommt ein Kind von ihm.
Der dritte Teil spielt fünf Jahre später. Ruth ist inzwischen zur Witwe für ein Jahr geworden und lernt, als sie noch einmal nach Amsterdam kommt, dort den Polizisten kennen, der sie als Zeugin des Prostituiertenmords sucht. Er ist auch ein eifriger Leser und hat sowohl Ruths, als auch Eddies und Marions Romane gelesen. Sie verlieben sich auf den ersten Blick und heiraten, während Marion nun sechsundsiebzigjährig mit einem Koffer aus Canada in Eddies Wohnung kommt und mit ihm beschließt, das Haus in Sagaponack zu kaufen, in dem die Geschichte begonnen hat, so daß sie mit ihm hingeht, ihren Enkel sieht und der weinenden Ruth das Gleiche wie, am Anfang des Romans, nämlich „Weine nicht Schätzchen. Wir sind es nur, Eddie und ich!“, sagt.
Der 1942 in Exeter New Hampshire geborene John Irving schreibt, steht in Wikipedia, die unwahrscheinlichsten skurillsten Geschichten, die Tabus brechen und deren Themen sich wiederholen. Das stimmt, denn Sex ist in dem 1999 in einem sehr prüden Amerika erschienen Buch, ein nicht zu übersehendes, sehr offen behandeltes Thema. Bezüge zum Autor scheint es auch zu geben, so hat John Irving, wie Ted Cole ein Kinderbuch geschrieben, daß den Titel „Ein Geräusch, wie wenn einer versucht kein Geräusch zu machen“ trägt und ich habe auch gelesen, daß Irving vorgeworfen wird, sich ständig zu wiederholen.
Das wird in dem Buch, in dem man viel über das Schreiben von Erfolgsromanen erfahren kann, thematisiert. Eddie ist ein schlechter Schreiber, weil er keine Phantasie hat, sich etwas vorzustellen, während Ruth das viel besser kann und mir fiel auf, daß sich in dem siebenhundert Seiten Buch, die spannendsten Passagen mit denen, wo nur beschrieben und angedeutet wird, abwechseln. So ist der erste Teil sehr beklemmend geschildert, während mir die Passage mit dem Prostituiertenmord aufgesetzt erschien. Im dritten Teil gibt der Polizist Harry Hoekstra eine sehr realistische Schilderung des Rotlichmilieu und vor allem ist der Roman mit vielen Geschichten aufgeladen und überfrachtet. Das was da in den siebenhundert Seiten angedeutet wird und passiert, kann wahrscheinlich einige Romane füllen und ich bin, obwohl mir das Buch gefallen hat, für das weniger Skurrile, weniger Komische und Leisere.
Das Buch hat, glaube ich, als es 1999 auf Deutsch erschien, die Bestsellerlisten bewegt und ich kann mich an eine Germanistik studierende Klientin erinnern, die mir erzählte, daß sie es gerade liest. Sie hat sich, glaube ich, ein wenig entschuldigt dabei. Für mich ist es der dritte John Irving Roman. Es ist wieder ein Fund aus dem offenen Bücherschrank. Der erste war die 2002 erschienene „Vierte Hand“. Da kann ich mich an das „Was ist wenn.. „, erinnern, das im Nachwort steht. Dese Frage, die John Irving zu dem Roman veranlaßt hat und ich hab ihn mir gekauft, weil ich gerade an der „Globalisierungsnovelle“ geschrieben habe, in dem es um eine Nierentransplantation geht.
Dann habe ich die Eine Stadt- ein Buch-Aktion von 2005 „Laßt die Bären los“ gelesen und mich sehr über die Übersetzung geärgert, die so schlecht war, daß ich das Buch nicht verstanden habe und schon dachte, daß jemand dem Bürgermeister eine Computerübersetzung unterschoben hat.
Ein neuen, 2010 auf Deutsch erschienen John Irving Roman „Die letzte Nacht in Twisted River“ gibt es auch und Lillyberry, die derzeit ihren Blog ein wenig vernachläßigt, den ich aber gerne lese, ist ein bekennender John Irving Fan und noch etwas gibt es zu berichten.
John Iriving hat zwei Semester in Wien gelebt, deshalb spielt „Laßt die Bären los“ dort und dann gibt es noch „Die Pension Grillparzer“ und die hat in einer der Wühlkisten am 11. 9. 2001 in einer der Buchhandlungen auf der Wiedner Hauptstraße gelegen, als ich einen meiner Studientage bezüglich der „Dora Faust“ machte, mich in die Rolle der Amerikanerin Suzie Holland versetzte und mir vorstellte, was die sich als Wien Touristin ansehen würde. Ich habe das Buch nicht gekauft und am Nachmittag von den Flugzeugen im World Trade Center erfahren.

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