Literaturgefluester

2010-11-07

Schicksal

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:13

Tim Parks „Schicksal“ könnte man auch „Auslöschung“ nennen, ist es doch ein Endlosmonolog eines Mannes, der seinen Sohn verlor, ganz nach Vorbild des alten Meisters, die Sätze „Das ist die Wahrheit“ kommen mehrmals vor, das Wort „Auslöschung“ wird genannt, aber vielleicht ist nur die Übersetzerin ein Bernhard-Fan, ist der 1951 in Manchester geborene Tim Parks ja Engländer und lebt als Autor und Übersetzer, unter anderen hat er Italo Calvino und Alberto Moravia übersetzt, in Verona.
So geht es auch dem Ich-Erzähler Chris, der sich am Beginn des Romans in einem Hotel in London befindet, weil die Ärzte seines Sohnes ihn und seiner Frau geraten haben, Italien zu verlassen, damit sich dieser von seiner Schizophrenie erholen kann. In der Rezeption des Hotel Knighbridges kommt die Nachricht vom Selbstmord Marcos, worauf er mit seiner Frau nach Italien zurückfliegt.
Chris monologisiert dabei endlos vor sich hin, hört Stimmen, erzählt sein Leben und uns den Roman, während Mara mit einem roten Mantel, grünen Hut und rosa geschminkt, das Flughafenpersonal veranlaßt, sie ohne Ticket ins Flugzeug zu lassen, die Überstellung des Sarges nach Rom und das Begräbnis organisiert.
Chris, der ein Buch über den italienischen Nationalcharakter schreiben will und ein Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andriotti organisiert, beschließt seine Frau zu verlassen, während er mit ihr im Flugzeug sitzt. Er ist herzkrank, hat keine Tabletten bei sich und auf dem Flughafen Schwierigkeiten zu urinieren und Stuhl zu lassen, dafür entdeckt er ein Buch über den italienischen Nationalcharakter im Flughafenshop, das sein Nebenbuhler geschrieben hat. Er hat seine Frau aber auch betrogen, im Hotel in Neapel, als seine Frau nach Rom zurückfuhr, weil der zehnjährige Marco nicht mit seiner Schwester Paola bei der Großmutter schlafen wollte.
Vielleicht ist das der Anfang der Geschichte, denn Mara hat Marco, der, wie ihr Vater heißt, sehr verwöhnt, nachdem sie glaubte keine Kinder bekommen zu können und daher die kleine Paola, die die Tochter einer Prostituierten ist, aus einem ukrainischen Waisenhaus holte.
Danach hat es, wie bei vielen Paaren geklappt, Marco wurde zum Muttersöhnchen, Paola war auf den Bruder eifersüchtig und begann ihre Adoptivmutter zu hassen. Chris wurde zum Starjournalist und begann in der Welt herumzureisen.
Der Anfang der Geschichte, als Marco die Mutter zurückholen wollte, weil die Großmutter, in deren Bett er schlafen sollte, gestorben ist oder erst nachdem sich dieser, vielleicht zehn Jahre später, mit seiner Mutter weigerte Italienisch zu reden und der Vater ihr, die nicht Englisch kann, alles übersetzen mußte.
Man sieht Tim Parks hat sich mit der Entstehungsgeschichte der Schizophrenie gründlich auseinandergesetzt, obwohl er seinen Christ zu einem biologischen Psychiater und keinen Psychotherapeuten schickt, der ihm, wofür er viertausend Lire in der Stunde verlangt, genau die biologischen Ursachen der Schizophrenie erklärt.
Marco hat sich jedenfalls mit einem Schraubenzieher erstochen, bzw. die Pulsadern aufgeschlitzt, obwohl die Ärzte, die dem Ehepaar rieten nach England zu ziehen, von einer Besserung überzeugt waren. Davor hat das Muttersöhnchen, der Mutter Schlamm, Paola Butter in die Haare geschmiert und das Geisterhaus zertrümmert.
Das alles geht Chris durch den Kopf, als er in der Totenkammer vor der Leiche seines Sohnes sitzt, Mara zu verlassen beschließt, nicht urinieren kann und keine Herztabletten hat. Er macht aber pflichtgetreu sein Interview mit Andriotti, wird nach dem Begräbnis von der Urologie weggeschickt, weil die kein Bett für ihn hat, hört die Stimme seines Sohnes und fährt ins Geisterhaus zurück, obwohl er Mara ja verlassen will. Die hat Kerzen für ihn aufgestellt und von ihrem Sohn geträumt, gesteht ihm aber ihre Liebe, so daß der Roman „Schicksal“ doch nicht „Auslöschung“ heißen kann.
Einen großartigen letzten Satz, hat es aber allemal.
„Morgen können wir anfangen, um unseren Sohn zu trauern.“
Es ist das erste Buch, das ich von dem englischen Schriftsteller gelesen habe. „Mimis Vermächtnis“ wartet aber schon, denn das habe ich vor einiger Zeit im Bücherschrank gefunden.

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