Literaturgefluester

2010-11-09

Wilde Landschaften

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:02

Wieder eine Textvorstellung mit Angelika Reitzer. Die unterscheidet sich ja von den anderen Moderatoren, weil hier die jungen Talente, die mit der Sprache spielen, deren Namen man sich merken sollte, vorgestellt werden. Drei Abende gab es schon, im Dezember, Februar und Mai. Alle hatten die Welt im Text, diesmal ging es um Landschaften und das Roadmovie, das die Schriftsteller brauchen, um von ihren Schreiben zu erzählen und so viel Unbekanntes war nicht dabei.
Denn Michael Stavaric habe ich schon gekannt und Constantin Göttfert, den Wiener, der in Leipzig studierte. Die 1959 geborene Judith Pouget war mir aber unbekannt und die ist auch ein bißchen älter, als die anderen Eingeladenen. Sie hat mit ihrer im Mitter-Verlag erschienenen Erzählung „Abgehoben“ begonnen und diese Reise eines Paares durch Amerika bzw. Mexiko, war für mich ein Deja vu, obwohl das erst bei Michael Stavarics Lesung vorkommen sollte.
Aber dort war ich schon, nicht als Lektorin eines Sommerkurses an einer Uni, aber 1989 das erste Mal mit Alfred und der Anna und in Mexiko sind wir in den Neunzigerjahren gewesen. Bei Judith Pouget begleitet eine Schriftstellerin, einen solchen namens Adam, wobei sie sich ihm offenbar entfremdet, aber soweit ist Judith Pouget nicht gekommen. Sie begnügte sich mit dem Frühstück in der Mensa, Obst, Brot und Kaffee, das man durch die Gegend trägt. Mit den Partys, wo die Protagonistin gefragt wird, wer ihr Lieblingsautor ist und in welchen Genre sie schreibt und sie weiß die Antwort nicht. Henry James wird erwähnt, der für uns eher unbekannt, in den amerikanischen Schreibkursen wahrscheinlich sehr gefragt ist und anschließend der Aufenthalt in einem Haus bei einem kranken Dichter, der das Paar aus diesem wirft, bevor es sich noch für den Campingurlaub eingedeckt hat.
Angelika Reitzer fragte anschließend, wie der Text entstanden ist? Während des sechswöchigen Aufenthalt, jeden Morgen ein paar Seiten in das Notizbuch über das Erlebte des vergangenen Tags. Dann wurde es verdichtet.
Da war Michael Stavaric bei seinem „Deja-vu mit Pocahontas“ anspruchsvoller, obwohl es in dem Text um die Zugfahrt eines Schriftstellers von Nürnberg nach Freudenstadt geht, hat er doch Arno Schmidts Stil verwendet. Das hat Angelika Reitzer in der Einleitung erklärt und auch, daß Michael Stavaric dadurch zu einer neuen Sprache gekommen ist und ich habe diese Sprache als sehr frisch und ungewöhnlich empfunden. Und da ich Arno Schmidt, ich gebe es zu, nicht gelesen habe, habe ich, wahrscheinlich unter dem Einfluß der letzten drei Tage, daran gedacht, daß Deutsch ja nicht Michael Stavarics Muttersprache ist und, schau, wie der frech und locker die Sprache umfunktioniert.
Der traut sich was, daß er „Miß- statt Unbehagen“ schreibt, „Sonnenstrahlen in den Zöpfen“ sieht und alles ganz anders benennt, was neugierig macht.
„Mit ihren zerbrechlichen Knieköpfchen, Kniescheibe ist doch viel zu profan…“
Die Idee jemanden mit oder ohne Netzkarte durch Deutschland fahren zu lassen, ist ja nicht so neu, daß Pocahontas dabei auftritt und zu ihren Klempner fährt, wahrscheinlich schon. Zu dem steigt sie dann auch aus und „mit ihr die Liebe – Scheiße“ endete Michael Stavaric und setzte noch ein „Vielen Dank!“, hinzu, was mich zum Lachen brachte, ähnlich wie damals in der Station Hütteldorf, als ich mit meinem Kind auf den Zug nach St. Pölten wartete und den letzten Satz der „Alten Meister“ gelesen habe und da bin ich schon bei der Überleitung zum nächsten Autor, dem 1979 geborenen Constantin Göttfert, auf dessen Namen ich über das Literaturinstitut in Leipzig gestoßen bin, beim zwölften Klagenfurter Literaturkurs hat er teilgenommen und ich habe ihn im Oktober 2008 bei einer Lesung der „Hausdurchsuchung“ in der Hauptbücherei gehört.
So hatte ich also meine Erwartungen bei „In der Wildnis“, die Angelika Reitzer auch mit der Westernanspielung einführte bzw. einen Namen erwähnte, den ich mir nicht gemerkt habe. Dann begann es aber bei der Erzählung „Versper“ mit dem Satz „Ich hätte es nicht schreiben dürfen, dachte ich wieder“ und handelte von einem, der an der Innbrücke steht und überlegt hineinzuspringen.
„Man schreibt es in der Meinung das Schönste zu schreiben und schreibt dabei nur das Schrecklichste!“
Na ja, habe ich gedacht, das habe ich doch schon gelesen. Vorgestern in Tim Parks „Schicksal“ und vor vielen Jahren „In der Auslöschung“, in den „Alten Meistern“, in „Holzfällen“ und in einigen Büchern, die andere Verfasser haben. Daß das große Vorbild auch nach Leipzig dringt, hat mich erstaunt. So habe ich diese Geschichte ein wenig antiquiert empfunden, obwohl eine Wendung drinnen war, die mich sehr beeindruckte. Der junge oder auch ältere Mann, der in den Inn springen will, reflektiert sein Leben und liest dabei Briefe seines Vaters „Mein lieber Sohn, wie geht es dir?“
„Man muß den Menschen die Liebe sauer machen, damit sie Lust aufs Sterben bekommen!“, sagte dieser Vater, aber die Mutter ist nicht gestorben,“ sie konnte es noch nicht, wollte sie doch dem Vater nicht die halbwüchsigen Töchter und die halbwüchsigen Nachbarkinder überlassen….“
Die Geschichte schließt damit, daß der junge Mann, die Mutter beim Versuch die jungen Kätzchen zu töten beobachtete, was sie nicht schaffte, so daß sie halbtot liegenblieben. Diese Brutalität habe ich vor kurzem auch in zwei Büchern gefunden und ist wohl das, was man als junger Mann am Land immer noch erlebt.
In der Diskussion stellte ich die Frage nach Thomas Bernhard und ließ mich belehren, daß der frische Stavaric Ton von Arno Schmidt kommt, den ich bisher, auch das gebe ich zu, für unlesbar gehalten habe. Zum Glück gibts den Bücherschrank und da lag vor kurzem „Kaff auch Mare Crisium“, so daß ich meine Bildungslücke aufholen und wieder sagen kann, bei den Textvorstellungen von Angelika Reitzer lernt man sehr viel.

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