Literaturgefluester

2010-11-25

Die ganze Wahrheit

Filed under: Uncategorized — jancak @ 12:24

„Die ganze Wahrheit“ von Norbert Gstrein ist, wie ich den Rezensionen entnehme, ein mit Spannung erwarteter skandalumwitteter Schlüßelroman, dessen Hauptfigur Dagmar auffällige Ähnlichkeiten mit der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz hat.
In dem Video, das ich im Netz gefunden habe, spricht Norbert Gstrein von einem Roman, der im österreichischen Verlagswesen spielt und erzählt vom langjährigen Lektor, der die Geschichte seiner ein wenig esoterisch angehauchten Chefin schreibt.
Es beginnt mit dem Satz „Man hat mir abgeraten, darüber zu schreiben, und natürlich kenne ich Dagmar lange genug, um zu wissen, was mich erwartet, wenn nur etwas von dem, was ich über sie in die Welt setze, anfechtbar ist.“
Dann geht sie los die Geschichte von dem Lektor Wilfried des Verlegers Heinrich Glück, der einen kleineren Verlag in der Schönlaterngasse, das ist dort, wo sich die Alte Schmiede befindet, betreibt. Es gibt die gute Seele Frau Hausner, die Kollegin Bella und den Kollegen Broser.
Das Buch ist in drei Teilen „Das Judenmädel“ „Die ganze Wahrheit“ und „Der Jenseitsrabe“ gegliedert.
Der erste Teil beginnt nach dem Begräbnis Heinrich Glücks, der mit seiner Gattin Dagmar in einer Hietzinger Villa lebte und dessen alte Freunde, mit denen er sich immer im Hotel Imperial traf, am Friedhof den Lektor wissen lassen, Dagmar hätte ihn umgebracht.
Heinrich Glück hat mit seiner Gattin Edith, die ihn verlassen hat, den Verlag aufgebaut, immer Beziehungen zu jungen Frauen gehabt, eine davon war die begabte Dichterin Anabel Falkner, die sich umbrachte.
Dann tauchte das Kärntner Dirndl auf, nimmt alle in Beschlag und als sie Wilfried nach dem Begräbnis das Fotoalbum zeigt, war das von allen früheren Frauenbekanntschaften gereinigt. Dagmar ist auch sonst sehr dominant, hat den Verlag und seine Führung bald an sich gerissen und scheint zu ihrem Mann ein seltsames Verhältnis zu haben. Jedenfalls beauftragt der den Lektor mit Dagmar die Nächte zu verbringen, Dagmar ist oft betrunken, gibt aber Anabel Falkners Werke aus dem Nachlaß heraus und beginnt selbst zu schreiben.
Da gibt es ein Stück im Burgtheater, das zu einem Skandal wird. Es handelt von der Waldheim-Affaire, Präsident Waldheim hat seine dritte Amtsperiode durchgesetzt und Österreich ist ein autoritärer Staat geworden. Das Stück ist außerdem noch sehr esoterisch angehaucht. Die „Kinder des Lichts“ und der geheime Taufbund kommen vor und wahrscheinlich auch einige Ufo-Geschichten.
Dagmar, die aus einem Kärntner Dorf stammt, entdeckt ihre jüdische Vergangenheit, obwohl sie doch die Enkeltochter eines slowenischen Bischofs ist. Jetzt kommt noch die jüdische Großmutter hinzu, obwohl ihr Vater das bestreitet und meint die katholischen Großmütter würden sich für diese Nachrede sehr bedanken. Trotzdem übt Dagmar sich im Kaddisch anstimmen und singt auf schlafende Säuglinge solange ein, bis die schreiend erwachen.
Dagmar weiß aber über alle und jeden die ganze Wahrheit und beginnt sie mit Hilfe des Rechtsanwalts Dr. Mrak mit Klagen einzudecken und so muß auch das bosnische Dienstmädchen Jagoda, Erdbeerchen genannt, bald aus der Hietzinger Villa verschwinden, als sie Dagmar nicht mehr passt.
Im dritten Teil geht es an das Sterben Heinrich Glücks, der in dem Buch eine seltsam passive Rolle spielt, wie sie einem Groß-oder auch nur Kleinverleger nicht zuzutrauen ist.
Dagmar sieht jedenfalls ihren Heinrich, den sie Enrique nennt, sterben und beginnt das stilvoll zu inszenieren, um später ein Buch darüber zu verfassen, das Wilfried lektoren soll, was er verweigert, so daß er mit Schimpf und Schande entlassen und von Dagmar bedroht,“daß er in der österreichischen Verlagslandschaft, keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt“, wird.
Der Lektor, der von Dagmar mit der ganzen Wahrheit konfrontiert wird, daß er betrunken war und schlecht über sie geredet hat, hat manchmal einen pathetischen Thomas Bernhard Ton, wie ich ihn schon von anderen Gstrein Büchern kenne. Auf Seite dreihunderteins wird das auf die Spitze gestrieben, in dem ein Satz dasteht, der sich wahrscheinlich im Berndhardschen Ouvre finden ließe und dazugeschrieben: „Es war genau die Art von Text, die ich in nüchternen Zustand selbst schon nicht mehr hören konnte, geschweige denn lesen, dieses selbstläufige Granteln in bewährter Auslöschmanier…“
Dann geht es auf die letzten Seite, wo dem Lektor seine einzige Begegnung mit Siegfried Unseld durch den Kopf geht. Es war vor Jahren auf der Buchmesse, wo er sich ihm zudrehte, ihm in die Augen sah und „so“ sagte, so daß Wilfredo schließlich auch „so“ wiederholte „Und dann standen wir eine ganze Weile schweigend nebeneinander“.
Punktum aus. Wir bleiben über und können rätseln, was daran biographisch und was erfunden ist. Soviel ich weiß, hat das Haus Suhrkamp nicht geklagt. Norbert Gstrein wird also gut überlegt haben, ob es möglich ist, damit von einem Dr. Mrak oder anderen Advokaten belangt zu werden.
Das Buch ist bei Hanser erschienen, der 1961 geborene Norbert Gstrein war einmal Suhrkamp Autor und ist Ende Achtzig mit den eher experimentellen Romanen „Einer“ und „Anderntags“ bekannt geworden. Mit einem davon hat er 1989 beim Bachmannlesen gewonnen. Dann folgten realistischere Romane, wie 1999 „Die englischen Jahre“, da habe ich den Autor bei einer Lesung im Literaturhaus gehört. Daniel Kehlmann war auch anwesend und „Selbstportrait einer Toten“, 2000, was man vielleicht schon als den typischen Gstrein Ton bzw., als Litanei eines beleidigten Autors auf den Literaturbetrieb, während seine Freundin als Ärztin mit den wirklichen Notfällen des Lebens konfrontriert ist, interpretieren könnte.
2003 folgte das „Das Handwerk des Töten“ und als Reaktion darauf die Erzählung „Wem gehört eine Geschichte“, weil der Roman angegriffen wurde. Der Autor scheint auch sonst sehr streitbar zu sein, so erinnere ich mich an das Jahr 2000, als alle sehr in Aufregung über schwarz blau waren, da hat es im Standard einen Artikel gegeben, wo er eine ganz andere Ansicht vertrat.
Und bezüglich Suhrkamp und dem Haus Unseld. Ulla Unseld-Berkewitz wurde 1948 geboren, ist Schauspielerin und Schriftstellerin, hat 1990 Siegfried Unseld geheiratet, der 2002 verstorben ist. 2003 hat sie den Verlag übernommen und eine Reihe Bücher geschrieben. Ich habe die Michalzik Biografie „Unseld“ gelesen. In den Bücher Abverkaufskisten findet sich öfter was von Ulla Berkewicz. „Engel sind schwarz und weiß“ habe ich gelesen. „Josef stirbt“ wartet in Harland auf mich. Eine gute Gelegenheit. Ansonsten, gilt der sogenannte Schlüßelroman als etwas anrüchiges Genre, mit dem ich es aber auch probiere.

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