Literaturgefluester

2010-12-07

Holidays on Ice

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:56

Ein pinkelnder Weihnachtsmann in rot weiß schwarzer Samtmontur ist in den neuen Geschichten vom Autor des Bestsellers „Nackt“ David Sedaris vor einem Pissoir abgebildet und zu dem Bestseller „Nackt“ habe ich auch meine eigene Geschichte, obwohl ich ihn nicht gelesen habe. Stand der doch vor Jahren bei dem alten Libro auf der Bestsellerliste, als es diese Bestsellergarantie gegeben hat, ich bin getreulich in die Filiale Neubaugasse gegangen, habe das Buch in den Regalen nicht gefunden, die Verkäuferin hat es aber aus dem Lager geholt.
„Holidays on ice“ lag noch im Herbst oder Sommer im offenen Bücherschrank und einen Sedaris auf Englisch konnte man vor kurzem auch bei Klaudia Zotzmanns Adventkalender gewinnen, den ich wieder nur empfehlen kann.
Jetzt zu den Weihnachtsgeschichten des 1956 in Johnson City, New York, geborenen und in North Carolina aufgewachsenen David Sedaris, das von Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt wurde. Sie kommen gerade richtig zur stressigen Weihnachtszeit, wo am Samstag in Ö1 diskutiert wurde, ob es das Christkind oder der Weihnachtsmann sein soll. Aber der heißt in Zeiten der amerikanischen Filmkultur längst schon Santa Claus, fährt mit Renntieren über den Nordpol, neun an der Zahl, auch das konnte man bei Klaudia Zotzmann lernen und springt durch den Kamin, wo die Kinder Milch und Kekse für ihn hinlegen.
Seit man das im Fernsehen sieht, sind die Häuser und Gärten mit kletternden Santa Claus Figuren übersäht und das Christkind mit der Lametta und dem weißen Kleid gibt es nur noch bei Hedwig Courths-Mahler oder am Christkindlmarkt am Rathausplatz. Dort gibt es glaube ich Jahr für Jahr ein Casting welch schöne Studentin, diesmal das Christkind geben darf und das gibt es auch in David Sedaris erster Geschichte „Die WeihnachtsLand-Tagebücher“.
Da sucht ein Student einen Job, bekommt ihn nicht als Fahrer für die UPS-Zentrale und heuert darum beim berühmten Kaufhaus Macy am Herald Square als Weihnachtszwerg an. Der Student heißt übrigens David Sedaris und erzählt in Folge von seinen Erlebnissen im Weihnachtswunderland als Eingangszwerg, Trinkwasserspenderzwerg, Brückenzwerg, Eisenbahnzwerg, Irrgartenzwerg, Inselzwerg, Zauberfensterzwerg, Notausgangzwerg, Ladentischzwerg, Zauberbaumzwerg, Zeigezwerg, Fotozwerg, Platzanweiserzwerg, Kassenzwerg, Rennzwerg, Ausgangszwerg u.s.w. u. s. f., obwohl er, wie er schreibt, den Drogentest höchst wahrscheinlich nicht bestanden hat. So führt er die Menschenmassen mit allen ihren Gebrechen und Behinderungen zum Weihnachtsmann, der die Kinder ohne Nasen streichelt, die Mütter auf den Schoß nimmt, sich von ihnen beschimpfen oder Trinkgeld zustecken läßt.
Ironisch locker plaudert Sedaris über das, was ich in den Weihnachtsfilmen gesehen habe, als die Anna kleiner war und wir noch einen Fernseher in Harland hatten. Da gibt es ja einige schaurig schöne Geschichten über die „Wunder von Manhattan“. Weihnachten scheint in New York City oder überhaupt im schönen Amerika ein großes Geschäft zu sein.
In „Frohe Weihnachten allen Bekannten und Verwandten!!!“ schreibt Jacki Dunbar von den Schicksalschlägen, die sie dieses Jahr getroffen hat, ist doch plötzlich Que Sanh aus Vietnam mit einem Dolmetscher zu Halloween vor der Haustür aufgetaucht und behauptet die Tochter ihres Gatten Clifford zu sein, die der bei seinem Vietnameinsatz hinterlassen hat und so macht sich Que Sanh leicht bekleidet im Haus der Dunbars breit, lernt nur das Wort „Shopping“ und beginnt die männlichen Bewohner des Hauses zu verführen, bis sie während sich die erschöpfte Jacki zum Weihnachtsshopping für alle ihre Lieben macht, das drogenabhängige Baby der Tochter des Hauses in die Waschmaschine steckt.
Es geht noch besser. Vielleicht bei „Erste Reihe Mitte oder Der Kleinstadt-Großkritiker“ wo über die Weihnachtsaufführungen in den amerikanischen Schulen hergezogen wird oder in „Nach einer wahren Begebenheit“, da hat vielleicht Dürrenmatts alte Dame Pate gestanden, jedenfalls kommt ein Fernsehproduzent in eine Kleinstadtkirche und hält, während der Pfarrer im Auto wartet, seine Predigt, in dem er der armen Gemeinde Geld, Kirche, Autos, Schmuck anbietet, damit sie sich und ihren Kindern den Külschrank füllen und eine Krankenversicherung leisten kann. Sie muß nichts dafür tun, als ihm die tapfere Mutter ausliefern, die vor einem Jahr in einem Stall ihr krankes Kind mit der Bibel betäubte, sich selbst eine Niere amputierte und ihm einsetzte, sich aber weigerte der Presse davon zu erzählen, bzw. eine Fernsehshow aus ihrem Fall machen zu lassen.
„Weihnachten heißt schenken“ treibt die Farce des amerikanischen Way of life noch ein bißchen mehr auf die Spitze. Bekriegen sich zwei Familien doch bis aufs Blut, wer die besseren Schenker sind. Geben zuerst dem armen Bettler einen Dollar, dann die eigenen Kinder, bevor Augen und Nieren folgen, um am Schluß ganz selig und erblindet auf den Müllhalden zu landen um sich dort „Mit etwas Glück in die Erinnerung an die Liebe und die Großzügikkeit in einen schweren tiefen Schlaf bis zum nächsten Morgen zu versenken.“
Zum Glück ist es bei uns nicht ganz so chaotisch, da gibt es nur die Festbeleuchtung, den Weihnachtsstreß und die Weihnachtsfeiern, die an einer Freiberuflerin ziemlich vorbei gehen. Nur heute wäre die der „Auge“, da kann ich aber nicht hin, gibts doch den Kassenjourfixe bei Brigitte Gras. Dafür beteilige ich mich leidenschaftlich an Klaudia Zotzmanns Adventaufgaben und habe heute und am Sonntag ein bißchen was gedichtet, was man beim jeweiligen Tagesfenster nachlesen kann.

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