Literaturgefluester

2010-12-12

Schöne neue Welt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:44

„Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley ist ein utopischer Horrorroman, den man wie „1984“ gelesen haben sollte. Hat man es nicht, schwirren einem höchstwahrscheinlich ein paar diesbezügliche Klischees und Vorstellungsbilder im Kopf herum und so ist es gut, das Buch im offenen Bücherschrank zu finden, daß man seine Bildungslücken schließen kann.
Die Originalausgabe erschien 1932 und wurde 1948 mit einem Vorwort des Verfassers wiederaufgelegt. Und das Buch spielt in Berlin in einer konsequent verwirklichten Wohlstandsgesellschaft im Jahre 632 nach Ford, wo alle Menschen am Luxus teilhaben, Unruhe, Elend und Krankheiten überwunden sind, aber auch Freiheit, Kunst und Religion auf der Strecke blieben.
Die Menschen werden in Brutlaboratorien nach einem Kastensystem streng in Alphas, Betas, Gammas, Deltas, Epsilons genormt und aufgezogen. Die Schlafschulen lullen sie mit schönen Sprüchen ein, um sie so in Abneigung zu dem zu bringen, was nicht für sie bestimmt ist und sie das ihnen Zugedachte, lieben zu lassen. Die Worte Vater und Mutter sind streng verpönt, der freie Sex für alle ist erlaubt. Man wird dazu angehalten niemals allein zu sein und es auch nicht zu lange bei einem Menschen auszuhalten, denn jedermann ist des nächstens Eigentum und wenn es mit der Glückseligkeit nicht klappt, schluckt man etwas Soma und alles ist wieder gut.
Im ersten Kapitel werden wir in dieses Weltbild eingeführt in dem der Direktor der Brut-und Normzentrale Berlin-Dahlem, den Studenten, die Knospung, das Bokanowskyverfahren, die Konditionierung und die Schlafschulen erklärt.
Dabei lernen wir den rotbäckigen blonden Assistenten Henry Päppler, die Pflegerin Lenina Brown, die die Embryos gegen Typhus und Schlafkrankheit impfen soll und den Psychologen Sigmund Marx kennen, zwar ein Alpha plus, aber aus irgendeinen Grund, wahrscheinlich wurde er in der Prägungsphase für einen Gamma gehalten, so daß seinem Blutsurrogat Alkohol zugesetzt wurde, zu klein geraten ist, was diesen in Zweifel und Minderwertigkeitsgefühlen versetzte. Trotzdem hat er die Erlaubnis die Wildreservate zu besuchen, wo echte Indianer leben, die sogar noch Kinder bekommen und lädt Lenina ein, ihn dazu zu begleiten.
Denn am Wochenende reisen die schönen neuen Weltbewohner mit ihren Helikoptern zum Nordpol oder sonstwohin, ansonsten besuchen sie die Fühlkinos und bekommen Parfums aus Düsen gespritzt.
Sigmund Marx zeigt dem Direktor also seinen Erlaubnisschein für die neumexikanischen Reservate, worauf ihn der erzählt, obwohl das eigentlich verboten ist, daß er auch einmal mit einem Mädchen dort war, das er aber leider bei den Wilden verloren hat.
Lenina und Sigmund fliegen nach Neumexiko und lernen dort o Wunder, den Wilden Michel kennen, der der Sohn von jener Filine ist, die der Herr Direktor verloren hat. Filine ist nichts übergeblieben, als sein Kind in der Wildnis auszutragen und trotz ihres Beta Status dort zu leben, sie zog ihren Sohn auch mit Shakespeare auf und lehrte ihn das Lesen. Der komplexbehaftete Sigmund wittert die Chance seines Lebens und ruft den großen Aufsichtsrat Mustafa Mannesmann an, um von ihm die Erlaubnis zu erhalten, Michel und Filine zu Forschungszwecken in die schöne neue Welt zurückzubringen.
Dort verliebt sich Lenina in den schönen Wilden und er in sie. Nur leider haben sie sehr verschiedene Kommunikationsstrukturen, kennt man in der schönen neuen Welt ja Shakespeare nicht und auch keine Gefühle, dafür lebt man die Sexualität ungeniert aus, während Michel auf etwas anderes geprägt ist und Filine, die alt, dick und aufgedunsen in eine Welt zurückehrt, in der es kein Altern und keine Krankheit gibt, flüchtet sich solange in Somaräusche, bis sie in der Moribundenklinik landet. Die wird, wie ein Mittelding zwischen Luxushotel und Fühlfilmpalast geführt, vor jedem Bett ein großer Fernseher und alle Viertelstunden ändert sich automatisch das im Saal vorherrschende Parfum.Trotzdem wird ein Strom identischer Simultankinder auf die Station geführt, damit sie sich an das Sterben gewöhnen und stören Michel dabei, von seiner Mutter Abschied zu nehmen. Der dreht daraufhin durch und stört die Somaausteilung an das Wirtschaftspersonal, in dem er die bunten Pillen aus dem Fenster wirft. Die Polizei bringt ihn, Sigmund Marx und dessen Freund Holmes-Watson, einem der hervorragendsten Gefühlsingenieure, das sind die, die die Sprüchlein für die Schlafschulen, oh wie bin ich froh, daß ich ein Beta bin, beispielsweise, schreiben, zum Weltaufsichtsrat Mustafa Mannesmann, der Marx und Holmes-Watson auf eine der einsamen Inseln verbannt, das ist die Strafe für Dissidenten, während er Michel erklärt, daß er selbst Shakespeare liest, als Aufsichtsrat hat er einen Geheimschrank mit der Bibel und anderen Büchern, während dem Volk alles Alte aus Angst vor Unruhe vorenthalten wird.
Michel darf, um weiter als Forschungsgegenstand zu fungieren, nicht mit auf die Insel, so zieht er sich in die Einsamkeit eines Leuchtturmes zurück und beginnt sich dort zu geißeln, wenn er an Lenina denkt, er wird aber von den Paparrazis der schönen neuen Welt entdeckt, so daß ihm nichts anderes überbleibt, als sich aufzuhängen.
So weit der große utopische Roman, der 2010 gelesen, seltsam harmlos wirkt, die Wissenschaft hat das Beschriebene längst schon überholt, wenn die Manipulierungen und Konditionierungen im Handy und im Facebookzeitalter auch ganz anders und scheinbar harmloser verlaufen. Kleinfamilien gibt es immer noch, aber auch die künstliche Befruchtung und die Zahl der funktionalen Analpheten nimmt, wie Pisa uns gerade wieder lehrte, von selber zu, auch wenn es Shakespeare in jeder Bibliothek zu lesen gibt und die Schere zwischen den Eliteschulen und denen, in denen man das Lesen nicht erlernt, geht auch immer stärker auseinander.
Also trotzdem ein interessantes Buch, das ich jedem sehr empfehlen kann. Auflage über eine Million Exemplare steht auf dem Umschlag, in der Schule steht es wahrscheinlich auf der Leseliste, wieviele es wirklich gelesen haben, weiß ich nicht.

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