Literaturgefluester

2010-12-19

Josef stirbt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:12

In der 1982 das erste Mal erschienen Erzählung „Josef stirbt“ von Ulla Berkewicz geht es um das Sterben des neunzigjährigen Josef „geboren im Böhmerland, vom Beruf Ackermann,seines Zeichen Flüchtling“. Die Mutter fordert die Erzählerstimme, zu kommen auf, da es nicht mehr lange, wie der Arzt sagte, dauern wird.
„Wenn die Mutter ruft, muß ich hin“, sagt die Erzählerstimme und wehrt sich trotzdem in das Haus der Alten zu fahren. Der Sohn und die Schwiegertochter, die auch noch Nachtschwester ist, sollen das tun und kommt trotzdem, weil der Vater die namenlos gebliebene Erzählerstimme noch einmal sehen will. Hat sich doch beim Vater eine Brustkrankheit ausgebildet, so daß er Blut spukt, was er für Schokolade hält und in seiner Angst zur Mutter gekrochen kommt um in ihren Armen einzuschlafen. Ansonsten verlangt der Vater nach Bier, das er wegen seines Diabetes nicht trinken soll, erkennt nicht mehr alle und sieht Gestalten im Zimmer wo keiner ist.
Der Ich Erzähler kommt also und schläft im Bett des Vaters, während die Mutter in seinem übernachtet, hört den Vater kichern und soll ihm auf das Klo begleiten oder die Flasche geben, was beides mißlingt, so daß der Vater, wie ein Fisch im Wasser liegt und trockengelegt werden muß, während die Erzählerstimme auf den Morgen wartet, damit sie die Mutter rufen kann. Es kommen dann auch der Sohn mit der Schwiegertochter und bringen Kuchen, die keine Angst vorm Sterben hat, weil sie als Nachtschwester mit dem Tod vertraut ist und die Nachbarin mit dem Kruzifix, die mit der Mutter bespricht, daß man, um sich vor den Scheintod zu bewahren, auf die Zeichen des Todes achten muß und den Toten auf keinen Fall zu früh weggeben darf. Der Ich- Erzähler bitetet sich auch an die Totenwachse zu übernehmen, wird aber vom Sohn Egbert belehrt, „daß man die Toten heute sofort aus dem Hause schaffen muß, weil man sich strafbar macht, wenn man ihn über seine Zeit im Bett läßt.“ Der Pfarrer erscheint und die Mutter holt den schwarzen Anzug des Vaters um ihn aufzubügeln, vor vierzehn Tagen hat sie ihn das letzte Mal rasiert und ist betroffen, daß seither kein Bart mehr gewachsen ist. Der Tod tritt ein, die Nachtschwester Lotte kommt mit dem Streckverband, der Sohn bricht auf, um den Sarg zu kaufen.
„Geh hinterher, sagt die Mutter deutlich, es muß ein guter Sarg sein.“
Zur Beerdigung kommen noch die anderen Söhne, am Ende geht die Mutter in ihr Ausgedinge zum Haus des Sohnes auf den Berg hinauf, die anderen zur Friedhofskantine, die Erzählerstimme zum Zug.
Auf hundertfünfzehn Seiten erzählt Ulla Berkewicz in, wie Benjamin Heinrichs im Klappentext schreibt, rauhen, farbigen, dramatischen Worten vom Sterben. Eindringlich, distanziert und doch sehr dicht wird das sehr genau beschrieben, was wir heute meist verdrängen und viellicht gerade noch am Land ausgelebt wird. So werden auch die Gegensätze genau beschrieben, die Nachbarin, die keine Scham vor dem nackten Vater hat und die Abwehr der Erzählerstimme, wo es nur an einer einzigen Stelle einen Hinweis gibt, daß es sich um die Tochter handeln könnte.
„Ich wasche mein Haar und trockne die Ohren mit diesen Stäbchen, die ich für den gesprungenen Mund von Josef gemacht habe, und ziehe mein schönstes Kleid an zum Tode und gehe kaffetrinken“.
Ansonsten spricht die Stimme von Josef, der Mutter, dem Sohn und erzählt ein bißchen vom Leben des Aussiedlers und Flüchtlings.
Und trotzdem ist das in einer Zeit, in der im Spital gestorben wird und sich die meisten aus Angst vor dem Ende, auch dort nicht mehr hintrauen, ein sehr eindrucksvoller Bericht von den letzten Tagen des Lebens, der eigentlich ein natürlicher sein soll, denn „Der Tod ist kein Mythos, er tritt tatsächlich ein.“
„Josef stirbt“ ist das erste Buch, der 1948 in Gießen geborenen Ulla Berkewicz, 1982 hat sie auch das Stipendium der Stadt Klagenfurt beim Bachmannpreis bekommen. Danach sind eine Reihe von Büchern erschienen. „Engel sind schwarz und weiß“ habe ich ebenfalls gelesen. Das 2008 erschienene „Überlebnis“ handelt auch vom Tod und Sterben, nämlich über das ihres Mannes Siegfried Unseld und darüber hat ja Norbert Gstrein vor kurzem einen Schlüsselroman geschrieben, der der Anlaß war, daß ich das vor zwei Jahren aus der Thalia Abverkaufkiste gekaufte Buch, gelesen habe.

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2 Kommentare »

  1. Liebe Frau Jancak,

    soeben habe ich versucht, Ihnen ein Mail zu senden, aber leider ist Ihre Mailbox voll, also schreibe ich hier einen Kommentar.

    Ich möchte sehr gerne an dem Gewinnspiel „Mimis Bücher“ teilnehmen und hoffe, ich bin die erste, die sich meldet.

    Seit über einem Jahr lese ich beinahe täglich Ihr Literaturgeflüster und finde viel Gefallen daran!

    Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall eine schöne Adventzeit,
    herzliche Grüße
    Silvia Kobsik

    Kommentar von Silvia Kobsik — 2010-12-20 @ 09:28 | Antwort

  2. freut mich, Sie sind die Erste, wenn Sie mir Ihre Adresse mailen, schicke ich Ihnen das Buch zu, ebenfalls eine schöne Adventzeit und ein entsprechendes Weihnachtsfest

    Kommentar von Eva Jancak — 2010-12-20 @ 12:32 | Antwort


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