Literaturgefluester

2011-01-12

Jakob der Lügner

Filed under: Uncategorized — jancak @ 14:28

Der 1969 erschienene Roman „Jakob der Lügner“, des wahrscheinlich 1937 in Lodz geborenen Jurek Becker erzählt auf eine sehr behutsame Art vom Leben im polnischen Ghetto, seinen Bewohnern und den Bewältigungsstrategien, die man dort brauchte. Eigentlich tut das ein namenlos gebliebener Ich- Erzähler, irgendwann in den Neunzehnhundertsechzigerjahren, der als einziger den Wahnsinn überlebte und er beginnt damit, daß er von Bäumen spricht.
Bäume, die in Ghetto genauso verboten waren, wie ein Radio, eine Uhr oder das Aufhalten auf der Straße nach acht Uhr abends. Der Erzähler wundert sich darüber, daß das den Deutschen so wichtig ist, bevor er uns Jakob Heym vorstellt, den kleinen älteren Mann, der in der Stadt, in der sich das Ghetto befindet, einmal eine Diele hatte, wo er Kartoffelpuffer briet, Himbeereis erzeugte und illegal Schnaps ausschenkte. Jetzt ist er im Ghetto und arbeitet am Bahnhof. Als er eines Tages in das Revier muß, das früher das Finanzamt war, hört er im Radio, daß sich die Russen schon in Bezanika befinden. Das bringt die Geschichte ins Rollen, denn wie beschrieben, das Besitzen eines Radios ist im Ghetto streng verboten, trotzdem kommt es dazu, daß Jakob am nächsten Tag, als er mit seinem Kollegen Mischa am Bahnhof arbeitet, ihm, um ihm vom Kartoffelstehlen abzuhalten, diese Geschichte erzählt.Damit er sie glaubt, fügt er hinzu, daß er selbst ein Radio besitzt. Mischa erzählt das seiner Freundin Rosa und deren Eltern, der Vater war einmal ein mittlerer Schauspieler, erblasst und führt die Mutter in den Keller, wo er seine Rezensionen aufbewahrt. Dort hat er auch ein Radio, das er ins Ghetto mitgenommen hat, sich aber nie zu hören traute, das zerstört er nun, damit man es nicht bei ihm findet. Die Geschichte macht im Ghetto schnell die Runde und bringt Jakob in Verlegenheit, weil er nicht weiß, wie er sich weiter verhalten soll? Merkt er doch, daß die Nachricht vom Anmarsch der Russen Hoffnung gibt, die Selbstmordrate scheint zu sinken, andererseits woher soll er die neuen Nachrichten nehmen? Und was ist, wenn der Strom ausfällt? Dann kommen alle und bieten an, das Radio dorthin zu bringen, wo es den noch gibt und wenn er sagt, das Radio ist kaputt, bringen sie einen Rundfunkmechaniker, der es reparieren soll. Es ist nicht leicht, noch dazu, wo es auch die kleine Lina gibt, die allein am Dachboden wohnt, weil ihre Eltern verschickt wurden, als sie im Hof spielte. Jakob hat sie sozusagen an Kindesstatt angenommen und kümmert sich mit dem einmal sehr berühmten Herzspezialisten Prof. Kirschbaum um sie. Lina ist aber neugierig und beginnt das Radio zu suchen, sie hält zwar die Petroliumlampe dafür, weil sie noch nie eines gesehen hat, dann führt Jakob sie in den Keller und spielt ihr die Nachrichten vor, was sie aber durchschaut. So werden wir in das Ghetto und zu seinen Bewohner geführt, lernen den frommen Herschel Schtamm kennen, der auch im Sommer eine Pelzmütze trägt, um die ebenfalls verbotenen Schläfenlocken darunter zu verbergen, der hört eines Tages am Bahnhof aus einem Güterwaggon Stimmen und wird von den Deutschen erschoßen, als er den darin Eigenschlossenen sagen will „Fürchtet euch nicht, die Russen sind schon nah!“
Prof. Kerschbaum redet Jakob auch ins Gewissen, daß das, was er tut gefährlich ist, bekommt aber selbst Schwierigkeiten, als Gestapo-Chef Herzprobleme hat und sein Leibarzt einen Spezialisten anfordert. Wo soll man den so schnell hernehmen, offenbar gibt es den nur im Ghetto und der Professor gerät ins Dilemma, das er nur lösen kann, daß er zwei Tabletten gegen Sodbrennen nimmt und dem später sehr schnell entnazifizierten SS-Mann davon anbietet. Der Gestapo-Chef stirbt, Prof. Kerschbaums Schwester wird von der SS abgeholt. Während Jakob die Russen näher und näher kommen läßt, beginnen die Deutschen das Ghetto zu säubern und die Bewohner abzutransportieren. Die Geschichte hat zwei Enden, ein erfundenes und ein wirkliches, wie der Erzähler meint. Im Ersteren wird Jakob auf der Flucht erschloßen, während man die rote Armee schon hören kann, im Wirklichen werden alle weggebracht, nur der Erzähler konnte irgendwie entkommen, um uns die Geschichte zu erzählen.
Der Roman wurde zweimal verfilmt , das erste Mal 1974 von der DEFA in Zusammenarbeit mit dem DDR Fernsehen, das zweite Mal 1999 in Hollywood.
Jurek Becker, der selbst im Gheotto aufgewachsen ist, übersiedelte nach dem Krieg nach Ost-Berlin, wo er einige DDR Preise erhielt, später wurde er Dissident, trat 1977 aus dem Schriftstellerverband aus und übersiedelte in den Westen. Den Roman „Schlaflose Tage“, der das ein bißchen beschreibt, habe ich schon besprochen. 1996 erschien „Bronsteins Kinder“ , Jurek Becker schrieb auch das Drehbuch für die Fernsehserie „Liebling Kreuzberg“ und ist 1997 an Darmkrebs gestorben.
Die tragigkomische Schilderung des Ghettolebens ist sehr beeindruckend und ein Roman den man gelesen haben sollte, was ich Dank des offenen Bücherschranks jetzt tat. Das ist es auch, was ich an dem Kasten so besonders schätze, daß ich so an Romane komme, die sonst an mir vorübergegangen wären. Interessant ist auch, wenn man über „Jakob der Lügner“ nachgooglet. Da kommt man auf Seiten, wo der Roman für den Schulunterricht aufbereitet wird und die Schüler die Frage beantworten sollen, ob Jakob nun ein Lügner ist oder nicht?
Es ist wahrscheinlich auch die vorsichtig distanzierte autobiografische Erzählweise, die an dem Roman fasziniert, auch wenn ich einige Zeit brauchte, um in den Erzählstil hineinzukommen.

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