Literaturgefluester

2011-01-16

Ein Fest für Ernst Jandl

Filed under: Uncategorized — jancak @ 01:43

Gabs am Samstag im Wien Museum im Rahmen der Ernst Jandl Ausstellung ab sechzehn Uhr und im Radio wieder eine Jazznacht mit der Jandlschen Plattensammlung, die sich, wie ich gerade hörte, im Literaturarchiv befindet. Ernst Jandl hatte ja im Jahr 2010 den 85. Geburtstag und 10 Todestag, deshalb die Ausstellung. Warum dieses Wochenende das Fest gefeiert wurde und im Radio soviel Jandlnächte zu hören sind, weiß ich nicht, es war aber interessant in der Kombination mit den beiden Alte Schmiede Abenden, bei denen ich diese Woche war und ich habe auch viele Bekannte getroffen. Zuerst gabs Lesungen von sechs experimentellen Lyrikern, die ihre und Jandls Texte zur Geltung brachten.
Der 1965 geborene Semier Insaif hat begonnen und Gedichte vorgetragen, die später noch zu hören, bzw. auch in der Ausstellung zu finden waren. Das vom Faulseinsein beispielsweise „ein faulsein ist nicht lesen ein buch, ist nicht lesen keine Zeitung, ist überhaupt nicht kein lesen….“, das in unserer derzeitigen Bildungsdebatte ja eine besondere Bedeutung bekommt, das Gedicht vom „Schützengraben“ und das vom „Mund“, wo man schon einen gewissen Einblick in die Lyrik Jandls bekam. Die Priessnitzpreisträgerin von 2007 Ann Cotten folgte und überraschte, daß sie ausgerechnet die kleinen biligen DDR-Poesiealben, die ich erst in der Hand hatte, erwähnte und Texte aus dem Ernst Jandl gewidmeten Heft 278 las. Sie erwähnte auch, was ich nicht, wußte, daß das Heft erst deshalb in der DDR Nachfolgezeit erscheinen konnte, weil sich die DDR geweigert hat, Jandl zu drucken, dann folgte Ferdinand Schmatz, der der letzte Ernst Jandl Preisträger ist.
In der Pause kam ich mit Christel Fallenstein ins Gespräch, die mich einigen Leuten vorstellte, darunter dem Herrn, den ich einen Text für die Zeitschrift Landstrich schicken soll und mir einen russischen Dichter zeigte. Friederike Mayröcker erschien, den zweiten Lesungsteil begann Brigitta Falkner, die Jandls Texte an die Wand projizierte und dabei das Inserat zeigte, in dem der Dichter und Lehrer eine ruhige private Zweitwohnung suchte, dann kamen noch Texte aus ihrem „Prinzip I“.
Bodo Hell las einen Jandl Prosatext der in Rohrmoos, dem langjährigen Sommerfrischenort von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker entstanden ist und erzählte, daß er vor kurzem dort gewesen ist um sich das Haus anzuschauen. Friederike Mayröcker las drei Jandl Gedichte und Texte aus „Dem Vogel Greif“. Christel Fallenstein hat mir die Texte inzwischen geschickt, so daß ich ein bißchen zitieren kann.
Da war z.B. „das hundelvieh“, das Friederike Mayröcker gewidmet ist.
„gar traurig geht das hundelvieh, auf einer zeh und einem knie, verloren leckt das hundelvieh, am roten fleck der masturbie…“
Nachher wurde die Dichterin mit Autogrammwünschen bestürmt, da ich in der Nähe saß konnte ich sehen, daß einige Leute gleich zehn Fotografien oder mehr signieren ließen und der russische Dichter übergab ein Buch.
In dieser Pause ging ich nochmals durch die Ausstellung, nachher gabs den Film von Peter Whitehead von dem legendären Poetry Festival 1965 in der Royal Albert Hall mit Allen Ginsberg, wo Ernst Jandl mit seinen Lautgedichten „Am Anfang war das Wort“, „Schützengraben“ und „Ode an N“, das Publikum überzeugte und in England sozusagen über Nacht zum Popstar wurde. Er hat sich mit Allen Ginsberg befreundet und einem Freund geschrieben, daß er wieder nach Wien, als Lehrer zurückmüße, weil man vom Dichten nicht leben kann, aber in Wien ist leider so gar nichts los….
Danach kam eine audiovisuelle Performance, wo aus Stempelzeichnungen Ernst Jandls und seiner Stimme „viele köpfe aber auch Os“ durcheinandergeworfen wurden. Das hat aber leider erst angefangen, als schon der Poetry Slam mit Mieze Medusa und friends beginnen sollte und das war auch sehr lang. Mieze Medusa konnte sechs Personen einladen und hat Markus Köhle, Yasmin Hafdeh, Christian Reiner, Didi Sommer, Jörg Semmler und Tobi Kunze ausgewählt, die sowohl ihre, als auch Jandls Texte in zwei Durchgängen jeweils Minuten slamten. Es gab eine Jury, die Tafeln zwischen 1 und 5 hochhielten und sogar Preise für die Sieger. Tobi Kunze und Yasmin Hafdeh haben gewonnen, den Text über die Ziele der zwanzigjährigen Yasmin Hafdeh „Mein Weg führt nicht nach Rom“, den sie nach Jandls „Viele Wege“ slamte, war sehr beeidruckend, weil er die ganze Ausweglosigikeit und auch das Selbstbewußtsein der prekären Studenten von heute zeigte.
„Nach links, nach rechts abbiegen und wählen Sie Ihre Ziel neue, Sie haben Ihr Ziel verfehlt, warum hat sich Thomas Bernhard wiederholt und warum ist das Studium der Theaterwissenschaft so theoretisch, aber ich gehe meinen eigenen Weg, ein Nobelpreis ist sicher auch dabei, ob ich mich über den dann freuen kann…?“
Didi Sommer habe ich schon von der Augustin Schreibwerkstatt gekannt, er begann mit Jandls Gedicht über seinen Vater, der im Krieg geschossen hat und gefallen ist und lenkte dann zu seinem Opa über, der nach dem Krieg, die Oma heiratete und schließlich an Krebs starb. Nur der Witz, daß die Oma in die Oper, der Opa aber in die Oma will, hat mir nicht so gut gefallen, aber den hat, glaube ich, ein anderer vorgetragen.
Nachher war ich sehr müde und erschöpft und habe beim Nachhausegehen wieder einmal niedergeschlagen „Ich schaffe es nicht, ich schaffe es nicht!“, vor mich hingedacht, als auf einmal Ann Cotten die Quergasse hinuntergekommen ist, die Straße überquerte, umdrehte und mich ansprach, ob ich traurig wäre?
Allerhand habe ich gedacht, sie muß sehr sensibel sein, daß sie das bemerkt. Durch ihre originellen Kommentare und trockenen Bemerkungen ist sie mir aber schon früher aufgefallen.

Advertisements

2 Kommentare »

  1. Liebe Eva Jancak, ich bewundere, dass Sie das so lange durchgehalten haben . . und freue mich, auf diese Weise auch ein wenig noch vom weiteren Abend mitbekommen zu haben . . Vielen Dank! – und bis sicher auf baldiges zufälliges Wiedersehen bei der Literatur – CF

    Kommentar von Christel Fallenstein — 2011-01-16 @ 03:03 | Antwort

  2. Ja, am Schluß war ich schon sehr müde und habe Ann Cotten auf der Margaretenstraße wahrscheinlich sehr entgeistert angestarrt, aber irgendwie haben die Veranstaltungen so eine Art Suchtcharakter und wecken den Wunsch nichts zu versäumen, obwohl ich weder ein Fan noch eine Autogrammsammlerin bin.
    Vielen Dank für das Feedback, jetzt mache ich mich daran, einen Text über „Das höchste Gut“ zu schreiben, vielleicht bringe ich was zusammen. Alles Gute für Friederike Mayröcker!

    Kommentar von jancak — 2011-01-16 @ 10:48 | Antwort


RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: