Literaturgefluester

2011-01-17

Blaubarts Kinder

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:25

Renata Serelytes 2010 bei Wieser in der Edition Zwei erschienener Roman „Blaubarts Kinder“, ist, wie ich der Verlagshomepage entnehme „Ein Schlüssel zur kommunistischen und postkommunistischen Welt abseits der großen Politik – weit über Litauen und Russland hinaus“ und ich habe mich beim Lesen des Buches der 1970 in Litauen geborenen und dort lebenden Schriftstellerin, die mit „Blaubarts Kinder“, den Bank Austria Literaris Preis für Literatur aus dem Osten und Südosten Europas, nicht sehr leicht getan, obwohl ich ja im November bei der Preisverleihung im Radiokulturhaus gewesen bin, denn dem Buch ist leider, was heute zum Glück sehr selten ist, weder ein Lebenslauf der Autorin noch ein paar Zeilen zu Buch und Inhalt beigefügt und im Internet habe ich zuerst auch nur wenig gefunden. Cornelius Hell hat das Buch übersetzt und es, wie ich mich zu erinnern glaube, bei der Veranstaltung als einen der besten Romane der litauischen Gegenwartsliteratur bezeichnet und Cornelius Hell war auch vorige Woche in der Sendung Ex Libris und hat dort den Roman des Litauers Romualdas Granauskas „Das Strudelloch“ besprochen, wo er über die schlechte Übersetzung und das fehlende Lektorat klagte.
„Blaubarts Kinder“ sind sicherlich viel besser übersetzt, gestöhnt habe ich beim Lesen trotzdem, scheint mir doch die Kapitelbezeichnung unvollkommen bzw. fehlerhaft zu sein. Denn es beginnt bei eins, geht bis drei um dann mit zwei fortzufahren und so weiter und so fort, durch die gesamten 337 Seiten. So daß ich bei dem Roman, über den ich nicht viel weiß, der die Geschichte des Kommunismus mit Mythen, Märchen, Bildern und auch noch mit wechselnden Ich-Erzählern aufarbeitet, sehr unsicher wurde, noch dazu, da ich ja von der Geschichte Litauens nicht wirklich viel weiß.
Cornelius Hell macht zwar ein paar Anmerkungen, erklärt einige Nationalspeisen und auch einige litauische oder russische Autoren, ein paar Wörter, die mir nicht ganz Deutsch erscheinen, wie z.B. Diphtong, verwendet er aber doch und es beginnt auch gleich mit einer Toten, die begraben wird und in sehr drastischen Worten ihr Leben erzählt. Es ist also auch für eine vielleicht nicht so geübte Leserin, wie ich es sicher bin, nicht leicht das Buch zu verstehen, deshalb habe ich Cornelius Hell ein Mail mit Fragen geschickt und es zurückbekommen. Als ich es dann beim Wieser Verlag versuchte, habe ich auf der Homepage eine Erklärung zu dem Buch gefunden und ein paar Zeilen Lebenslauf zu Renata Serelyte hatte ich schon. Zu „Blaubarts Kinder“ scheint es noch keine Rezensionen zu geben, es gibt aber ein paar Fotos und sogar Videos von Renata Serelyte im Internet.
Nun denn, ich habe mir die Geschichte als Aufarbeitung des Kommunismus der Sowetunion bzw. Litauens interpretiert. Das Buch beginnt in einer sehr starken Sprache mit dem Begräbnis der Mutter, einer überzeugte Kommunistin, die der Liebe wegen, ihren trinkenden Mann verlassen hat und aus dem litauischen Dorf dem Russen Anatolij nach Russland folgte. Dort hatte sie es schwer mit den Parteihierarchien und wird auch von ihrem jähzornigen Mann mit einem Bügeleisen erschlagen bzw. verbrannt. Drei Kinder bleiben zurück, der Sohn und die Tochter des litauischen Vaters, die wieder nach Litauen gebracht werden und der Sohn des Russens, der in ein Kinderheim kommt. Es gibt, wie erwähnt vier Erzählerstimmen, die Mutter und die drei Kinder, was das Verstehen nicht leichter machte, trotzdem erfährt man nach und nach die Geschichte, die dann von der Tochter und dem Bruder weitererzählt wird. Namen gibt es in dem Buch nicht sehr viele, was es auch nicht leichter macht. Blaubarts Kinder wachsen jedenfalls bei der Großmutter und dem trinkenden Vater auf, gehen in den kommunistischen Zeiten zur Schule und sollen dort zu besseren Sowetmenschen gemacht werden, der Bruder liest aber gerne in den Büchern von Jack London, die Großmutter scheint fromm zu sein und erzählt von ihrer Jugend, als es noch keinen Kommunismus gab, die Not daher viel größer und sie viel ärmer waren. Aber richtig reich ist man in dem Haus auch nicht, wo die Stiegen von einem wahrscheinlich ebenfalls betrunkenen Architekten so geplant wurden, daß man sehr aufpassen muß, um nicht in den Keller zu fallen. Gewalt und Alkohol spielen eine große Rolle, vor allem die Gewalt der Männer gegen die Frauen, die sie treten und schlagen und die gegen sie keine Chance haben und die Gewalt des Kommunismus bzw. die des Vorsitzenden, der Lehrer etc…
Alpträume kommen vor und eine sehr drastische Sprache, die uns all das erzählt. Denn inzwischen hat sich ja das System verändert, den Kommunismus gibt es nicht mehr, der Rubel fiel und es wird, als es die Schwester nach Vilnus zum Studium schafft, litauisches Geld verwendet. Die Schwester wird Schriftstellerin, bekommt aber auch einen gewalttätigen Mann und ihre Kinder, ein Mädchen und ein Bub, hier kommen Namen vor, werden es wohl trotz fehlenden Kommunismus auch nicht viel besser haben. Sperrt der Mann, die Schwester doch ein und die kleine Lügne nimmt der Mutter die Flasche weg und schimpft sie „Alkoholikerin“, während der Bruder, der offenbar selbst viel sensibler, als die gewalttätigen Schulkameraden ist, wie schon beschrieben, die Bücher von Jack London liebt, aber schlechte Träume hat, in der Psychiatrie behandelt wird und sich schließlich das Leben nimmt. Der andere Bruder, der im soweitischen Kinderheim aufgewachsene, tritt am Schluß auch noch auf, auch er schafft es weder im kommunistischen noch im postkommunistischen Leben, wird aber fromm und gläubig und nimmt den Kontakt zu den litauischen Halbgeschwistern auf.
Ein beklemmender Roman, der uns in seiner starken Sprache, viel von einem uns unbekannten Leben erzählt, wo die Männer die Frauen mit Bratpfannen und Bügeleisen schlagen und die Desinfektionsmittel giftgrün sind, so daß man sich, wenn man damit gewaschen wird, fürchten muß, auf die Straße zu gehen, sieht man so doch, wie ein Frosch oder ein Marschmensch aus, die Kinder sich vor der Greisslerei die Nasen plattdrücken, weil sie kein Geld für Bonbons haben und die Lehrer zwar von Lenin und Engels schwärmen, ihren Schülern aber auch nicht viele Perspektiven anbieten können. Ein wenig versucht das zwar die Theatergruppe des Kulturhauses, was ihr, da der Kommunismus am Verfallen ist, aber nicht wirklich gelingt, so daß wir nach der Lektüre des Buches ein beeindruckendes Panorama von einem Land bekommen, über das die meisten von uns wohl nicht viel wissen.
Kulturkontakt und die Edition Zwei versuchen da ein wenig abzuhelfen, obwohl das Buch auch seinem Namen nicht ganz gerecht wird, denn in den anderen Büchern, die ich von dieser Edition habe, kann man es auf der einen Seite in Deutsch, auf der anderen in der Originalsprache lesen. Hier ist es fast nur auf Deutsch, nur hinten gibt es zwei Kapitel auf Litauisch und wie erwähnt, die Erklärungen haben mir gefehlt, weil ich mir ganz allein ins kalte Wasser geworfen, ein wenig verloren vorkam.
Jetzt bin ich aber doch zu einer Besprechung gekommen, es war auch ein interessantes Buch und ich habe das Lesen trotz allem sehr genossen. Wenn ich nun noch von Wieser eine Antwort bekomme, wird mich das besonders freuen.

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