Literaturgefluester

2011-01-24

Denn am Sabbat sollst du ruhen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:37

„Denn am Sabbat sollst du ruhen“, von Batya Gur, 1993 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet, spielt in der Jerusalemer Psychoanalytiker Szene bzw. in dem Institut, das vom 1933 aus Wien emigrierten jungen Analytiker Ernst Hildesheimer gegründet wurde. Inzwischen gibt es drei Kontrollanalytiker, eine Ausbildungskommission, viele Kanditaten und Vorlesungen am Samstagmorgen, bei denen einmal der Analytiker Schlomo Gold, die Kontrollanalytikerin Erva Neidorf, die einen Vortrag über „Ethische und forensische Aspekte bei der psychoanalytischen Behandlung“ halten will, erschoßen auffindet.
Langsam und bedächtig führt die 1947 in Tel Aviv geborene und 2005 in Jerusalem gestorbene Autorin in den Roman und das Sujet ein. Aufklärer ist Inspektor Michael Ochajon, der eigentlich Geschichte studierte und sehr unkonventionelle Methoden hat, hört er doch ähnlich, wie die Psychoanalytiker sehr gut zu und so bekommen wir in den ersten Kapiteln eine Einführung in die Psychoanalyse, erfahren was sie von der Psychotherapie unterscheidet, jedenfalls stellt Inspektor Ochajon Ernst Hildesheimer diese Frage und, daß als Kanditaten üblicherweise nur Ärzte und Psychologen angenommen werden, einmal war zwar ein Veterinärmediziner dabei, aber der blieb ewig Außenseiter und zum Kontrollanalytiker wird er sicher auch nicht gewählt. Erfahren, wie lange Psychoanalysen dauern, wie streng die Regeln sind und sehr genau und streng ausgewählt wird, um die Konkurrenz nicht zu groß werden zu lassen.
Eva Neidorf, die kurz vor ihrem Vortrag, wo auch einige neue Mitglieder aufgenommen werden sollten, aus den USA, wo ihr Enkelkind geboren wurde, zurückgekommen ist, wird von allen sehr verehrt und als genaue, moralische, strenge Analytikerin beschrieben, die einmal Ernst Hildesheimer in der Institutsleitung ablösen soll. Sie wurde auf einem Sessel sitzend im Institut erschoßen, die Tatwaffe, ein alter Revolver, der dem Außenseiter Joe Linder gehört, wird im Garten des gegenüberliegenden Krankenhauses gefunden, der arabische Gärtner, der am Sabbat arbeiten darf, gerät in Verdacht und Eva Neidorfs Wohnungschlüßel ist verschwunden. Außerdem wurde in ihrer Wohnung eingebrochen, Unterlagen zu ihren Patienten und der Vortrag sind verschwunden. Die Polizei befragt alle Analytiker und versucht Eva Neidorfs Stundenplan zu rekonstruieren, als sie aber die Namen der Patienten beim Steuerberater holen will, ist dort jemand zuvorgekommen, so müßen die Bankkonten geöffnet werden. Beim Begräbnis erscheint ein sehr schöner junger Mann, der sich etwas seltsam gebärdet und seine Analytikerin Dina Silber verfolgt, die in Joe Linders Praxis arbeitet und auch die Kanditatin ist, die nach der Vorlesung aufgenommen werden sollte.
Joe Linder hat auch einen Freund, Oberst Joav Alon und der, stellt sich heraus, hat mit seiner Arbeit als Militärgouverneur, wo er nichts tut, als Genehmigungen zu erteilen, Probleme, so daß er in Depressionen verfiel, seine Frau mit seiner Sekretärin betrog und als es nichts wurde im Bett, in Eva Neidorfs Praxis landete. Aber ein Oberst darf keine psychischen Probleme haben und sich in Therapie begeben, so gerät er in Mordverdacht und wird von Inspektor Ochajon sehr lang verhört. Seiner Karriere wird das genauso schaden, wie das Leben des arabischen Gärtners, der die Waffe fand, zerstört sein wird, der aus Angst am Montag nicht mehr zur Arbeit kam und daraufhin verhaftet wurde.
Batya Gur übt auch Kritik an ihrem Heimatland und läßt Michael Ochajon Fehler machen. Er versagt als Vater bei seinen Sohn, vergißt ihn zu treffen, arbeitet zuviel und trinkt zuviel Kaffee und die schöne Mörderin wird am Schluß auch auf sehr unkonventionelle Weise, nämlich durch Ernst Hildesheims Hilfe, der damit seine heiligsten Prinzipien bricht und das, um den Mord aufzuklären auch gerne tut, überführt.
Batya Gur, die Literaturwissenschaftlerin und mit einem Psychoanalytiker verheiratet war, ist durch ihre Ochajon-Romane berühmt geworden.
Man bekommt einen genauen Einblick in die israelische psychoanalytische Gesellschaft, die Spannungen und Konklikte, die beschrieben werden, werden auch in Wien nicht anders sein, das Thema Sex mit einem Patienten, erscheint heute vielleicht nicht mehr als der große Tabubruch, sondern eher als Klischee.
Der Holocaust, wie Israel zu Israel wurde und mit welchen Problemen es zu kämpfen hat, wird kurz geschildert, originell, daß Inspektor Ochajon der Aufklärung im Kino, als er dort mit seinem Sohn einen Science Fiction Film sieht, näherkommt.
Interessant ist auch, daß ich während der Lektüre, sowohl bei einem Vortrag im Sigmund Freud Museum über Anna Freuds „Jackson Kinderkrippe“ und bei der Feier „Zehn Jahre Psychotherapie auf Krankenschein war“, so daß ich den Roman mit dem psychotherapeutischen Wien von 2011 vergleichen konnte.

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