Literaturgefluester

2011-01-27

Einladung an die Waghalsigen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:08

Auf dieses Buch war ich sehr neugierig, habe es zu meiner Weihnachtsempfehlung gemacht und es nach der Diskussion über das realistische Schreiben, die ich mit JuSophie in den letzten Tagen führte, bzw. dem Symposium und den Lesungen, bei denen es auch darum ging, begierig studiert. Roman steht darauf. Zitha Bereuter hat bei ihrer Einleitung in der Hauptbücherei bezweifelt, daß es einer ist, das Buch hat nur hundertvierundvierzig Seiten und mehrere bestehen aus wenigen Sätzen.
„Ich würde es Textsammlung“ nennen, hat Dorothee Elmiger, glaube ich, geantwortet. Oder Erzählung, wie ich es nennen würde, bzw Novelle, denn ein bißchen ist der Tonfall etwas antiqiert, manchmal jedenfalls.
Aber die Verlage wollen alle Romane, weil sich das besser verkaufen läßt. Das Buch wird auf den Klappentexten und am Umschlag hoch gelobt.
„Dorothee Elmiger wagt das größte Abenteuer. Jenes der poetischen Weltverwandlung. Ein Wunderwerk der Intonation!“, schreibt etwa ein Peter Weber.
„Margarete und Fritzi sind die übrig gebliebene Jugend einer verschwundenen Stadt. Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen“, steht auf der Buchrückseite und damit ist der Inhalt schon erzählt.
Beim Bachmannpreis wurde über das Buch heftig diskutiert und mehrere kluge Theorien darüber aufgestellt. Es wurde auch gelobt, weil da eine Fünfundzwanzigjährige nicht ihr Leben erzählt und den ewig gleichen Weltschmerz schildert, sondern ganz ohne Biografie auskommt, obwohl das nicht stimmt.
Denn die Margarete ist ja eine Ich- Erzählerin und es geht sehr oft, um die verschwundene Mutter, die mit Hemingway verglichen wird und mit dem Vater, dem Polizeikommandanten der verschwundenen Stadt scheint es auch Spannungen zu geben.
Das Thema hat mich interessiert und weil mir bei dem, was ich bei der Bachmannlesung und dem Interview auf der Frankfurter Buchmesse hörte, einige Fragen offen blieben, habe ich mir das Buch besorgt.
Denn es gibt da ja die wunderschöne musikalische Sprache, die vielleicht, wie ich auf dem Symposium für Sprachkunst hörte, am Schreibtisch konstruiert wurde, vielleicht wurde sie auch mittels Recherche und Feldforschung erarbeitet. Ich weiß es nicht und habe vorige Woche Dorothee Elmiger nicht danach gefragt. Es ist aber originell über eine verschwundene Stadt zu schreiben, die ja trotzdem irgendwie besteht, denn die Schwestern Fritzi und Margarete Stein leben in ihr, in einer Wohnung über der Polizeistation, die diese Stadt, unter der im Bergwerk schon Jahrzehnte lang ein Feuer brennt, das nicht zu löschen ist, bewacht. Es leben auch noch ein paar andere Leute, außer den Schwestern und den Polizisten dort, zum Beispiel, die Hebamme Elisabeth Korn und dann gibt es die ehemalige Bibliothekarin Erika Gerste, die mit einem Taxi angefahren kommt, aber damit kommt sie nicht in das Sperrgebiet hinein, so nimmt sie das Fahrrad. Die Schwestern haben Auto und Motorrad. Wo sie zur Schule gegangen sind und schreiben lernten, erfährt man nicht, nur daß die abtrünnige Mutter sich nach der Geburt die Haare schneiden ließ und dann verschwand. Aber diese Rosa Stein ist ohnehin eine höchst interessante Person, wird sie doch einmal als ukrainische Diplomatin, ein anderesmal als junge Schottin bezeichnet.
„Außerdem war sie Abenteuerin, Großwildjägerin und Hochseefischerin, hat in Rußland das Ingenieurswesen und die Revolutionen studiert, in Reno ein Casino ausgeraubt und sich mit dem Geld einen Frachter gekauft.“
Ganz schön viel für eine einzige Mutter, aber wenn man in Betracht zieht, daß sie ihre Töchter nach der Geburt verlassen hat, läßt sich das schon wieder psychoanalytisch deuten.
Die Töchter wachsen jedenfalls über der Kommandatur auf und haben in der Wohnung einige Bücher gefunden, aus denen sie die Welt, das Leben und ihre Vergangenheit erforschen. Margarete tut das auf einer Schreibmaschine, die sie sich aus dem Polizeiwachzimmer holt, während Fritzi die Gegend erforscht. Die liegt aber auch gern in der Badewanne und beide Schwestern trinken viel Kaffee.
Die Namen der Bücher aus denen sie die Welt entdecken, werden aufgezählt, es wird auch in Kursivschrift daraus zitiert, auf der letzten Seite werden die Zitate dann benannt.
Deshalb hat Zitha Bereuter das Buch auch mit „Axolotl Roadkill“ verglichen, obwohl es ja fast ein Westernthema zum Inhalt hat. Die Bücher, die immer schon in der Wohnung gestanden haben, sind größtenteils Fach- und Sachbücher. Montanwissenschaftliche Schriften, Bücher über die Schifffahrt, aber auch über den Grundriß der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen, über Pflanzen, Meere, Vögel u.u.u.
Deshalb kommen die Schwestern auf die Idee nach dem Fluß Buonoventura zu suchen, der irgendwann verschwunden ist und denken, daß er in ihrer Gegend gefloßen sein soll. Sie finden auch ein Schluckloch und später noch Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“, aber da haben die Schwestern, die verwunschene Stadt, in der der Vater inzwischen ein Sicherheitsszenario aufgebaut hat, verlassen und sind mit einem weißen Pferd, daß sie ebenfalls gefunden haben, zu einem Hotel geritten, in dem sie sich einquartieren.
Ein Tankwart stößt auch noch zu ihnen. Dort schreiben sie Briefe und Einladungen an den Rest der Welt „um zu einer Konferenz, einem großen Fest einzuladen, wo sie nicht nur die Krankheit der Jugend aufführen, sondern auch in einem hölzernen Ruderboot auf dem Buenaventura bis nach China fahren wollen.“
Sie müßen die Briefe zwar am Grenzposten abgeben und es ist auch nicht ganz sicher, ob der Grenzwächter sie wegschicken wird. Die übrig gebliebene Jugend der Stadt hat die Einladung an die Waghalsigen aber doch ausgesprochen und die Kulturkritik war von dem Buch, das den Kelag Preis in Klagenfurt, den Aspekte Literaturpreis für das beste Debut gewonnen hat und auch für Rauris nominiert ist, begeistert.
„Einer jener herrlichen Fälle, bei denen aus dem Nichts eine Welt aus Worten entsteht, souverän und originell!“, wie Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau schwärmt und ich bleibe ein wenig ratlos zurück, wurden mir doch nicht alle Fragen beantwortet und als realistische Autorin und Verhaltenstherapeutin hätte ich ja gern den Halt und die Struktur.
Einiges weiß ich ja, die Sprache ist sehr schön und gleitet musikalisch dahin, manchmal wirkt sie etwas bedächtig und antiquiert und man denkt, das hat man schon gehört, aber das passt zum Thema, geht es ja um das Entstehen der Zukunft aus der Vergangenheit.
Den Einfall das aus Büchern zu konstruieren und in einer verschwundenen Stadt spielen zu lassen, finde ich immer noch originell. Dann fehlt mir wieder viel realistisches Wissen, beispielsweise die ganz banale Frage, wo haben die Schwestern das Lesen gelernt? Anderes erscheint mir wieder zu phantastisch, die Figur der Mutter beispielsweise und auch die Kapitelüberschriften, so kommt „Florida“ beispielsweise in einem vor, „Grand Erg du Bilma“, „Las Vegas“ und „China“, obwohl die Stadt, wenn ich es recht verstanden habe, in der Schweiz liegt. So haben die Orte der Umgebung, die die Schwestern erkunden, schweizerisch klingende Namen, aber die hat Dorothee Elmiger erfunden und darauf geachtet, daß es sie nicht gibt.
Dann scheint die Parabel „Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen“, wieder aufzugehen und ich kann mir vorstellen, daß sich eine Fünfundzwanzigjährige mit alten Büchern und Zitaten diese Parabel zusammenkonstruiert.
Insgesamt fehlt mir wahrscheinlich doch der realsitische Inhalt. Ich hätte es lieber einfacher und nachvollziehbarer und wahrscheinlich auch länger, die Kurzform liegt mir nicht so sehr und man bleibt mit vielen Fragen zurück. Über die habe ich vor einer Woche mit Otto Lambauer diskutiert, der nicht so begeistert war. Ich bin es auch nicht mehr so ganz. Der phantastische Entwurf hat aber den Vorteil, daß man ihn selber weiterdenken kann. Der Abenteuerroman liegt mir auch nicht so sehr, aber dann kann man das Ganze wieder ganz einfach, als den Aufbruch der Jugend in eine neue freie Welt deuten, die die „Krankheit der Jugend“, die ja auch nicht so ohne war, hinter sich läßt und die Biografie ist wieder da.
Die verschwundene Mutter, der autoritäre Vater und die beiden Schwestern, die alles anders machen wollen.
Toll, daß eine Fünfundzwanzigjährige das so perfekt beschreibt. Ich hätte das nicht zusammengebracht, aber ich habe auch nicht in Biel und Leipzig studiert, freue mich auf Dorothee Elmigers zweiten Roman und bin gespannt, was ich noch von ihr hören werde und natürlich auch, ob sie in Rauris gewinnt, aber da sind auch noch Anna Elisabeth Mayer, Ulrike Almut Sanding, Carolina Schutti und Judith Zander nominiert.

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2 Kommentare »

  1. Verschiedene Lesarten:
    Für mich ist das Buch eine Metapher für die Orientierung einer/zwei Spätadoleszenten. Wo komme ich/wir her, was tun wir mit der Situation, die geschildert wird. Eine Situation, die wiederum Metapher für eine recht zerstörte und einsame Umwelt ist, doch auch eine Metapher für das notwendige Gefühl der Einsamkeit beim Aufbruch in das eigene Leben.
    Bücher von jemanden, der da war, geben zunächst den realistischen zahlenmäßig eingebetteten Untergrund nach dem viele Leser greifen (möchten). Der Untergang der Stadt als Symbol für den Untergang bergender haltender Mütterlichkeit: „Dies kann leider nicht verhindert werden“ als Textzitat, gibt eher den Hinweis, dass so negativ dieser Untergang nicht empfunden wird.
    Die Entdeckung eines Flusses, Symbol für das Fließen von Nutur, Leben an sich, der Zweifel ob dessen Existenz als Motivierung zum Aufbruch ist ein weiteres wichtiges Indiz für einen modernen Entwicklungsroman.
    In Zeiten von e-mail, sms, kurzen telegrammartigen Forumseinträgen, einer chatroom-Sprache mit ganz bestimmten Kommunikationsregeln, lässt auch einen Roman von 144 Seiten durchaus zeitgeistig erscheinen.
    Und konnte daher nur von einer Fünfundzwanzigjährigen so erfolgreich geschrieben werden, meine ich.
    Ich mag es, wenn Fragen offen bleiben, der Leser Spielraum bekommt. Mir gefällt die persönliche Erzählsprache, sie hat etwas Individuelleres an sich, viel mehr als „realistische“ (Nach-)Erzählungen von Erfahrungen.
    Ich glaube, wenn man selbst als Schreibende/r geübt ist in Metaphern, kann man auch die von anderen AutorInnen nachvollziehen .
    Das Protokollarische des Textes ist nicht mein bevorzugter Stil, auch wenn er in diesem Zusammenhang gefällt. Macht er doch das Originelle der Form aus, in der die Autorin agiert, intertextuell unterwegs ist.
    In Internetzeiten finde ich es erstaunlich, dass Bücher noch als Freunde herhalten, die Begleiter in Einsamkeit sind .Die Bücher als Bezugspersonen, als Objekte des Übergangs von der Endzeitlichkeit zum Anfang einer Zeit ist wiederum Metapher für Zeitgeist und Entwicklungsmöglichkeiten darin.

    Kommentar von JuSophie — 2011-01-27 @ 15:18 | Antwort

  2. Ja genau, so habe ich es nach dem Lesen, bzw. dem Besprechen auch empfunden, bei den Lesungen und Diskussionen vorher ist das für mich nicht so genau herausgekommen, da sieht man wieder, daß man die Bücher doch lesen soll.
    Und wenn ich nichts überlesen habe, kommen in dem Buch weder e-mail, Internet noch sms vor.
    Sie scheinen das Buch auch genau gelesen zu haben, bin schon sehr gespannt Sie morgen kennenzulernen, aber vielleicht haben wir uns ohnehin schon bei Lesungen gesehen?

    Kommentar von jancak — 2011-01-27 @ 15:38 | Antwort


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