Literaturgefluester

2011-01-30

Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:12

In der „Eine Stadt-ein Buch Aktion“ von 2010, „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ von Dai Sijie mit der die Stadt Wien den Wienern das Lesen schmackhaft machen will, geht es, wie Bürgermeister Häupl in seinem Vorwort schreibt, ums Lesen in einer Zeit, wo es gefährlich und verboten war und um die Schilderung der chinesischen Kulturrevolution in heiteren, anekdotischen Ton.
Und der beginnt gleich auf der ersten Seite, als der Ich-Erzähler und sein Freund Luo, ein siebzehn und ein achtzehnjähriger Bursche, Kinder von Ärzten, die als Intellektuelle in Ungnade gefallen sind, zur Umerziehung aufs Land geschickt werden und ihr Gepäck in dem Bergdorf, in dem sie gerade angekommen sind, vom Ortsvorsteher untersucht wird. Der Ich-Erzähler hat eine Geige im Rucksack, ein Gegenstand, den die Dorfbewohner nicht kennen und „für ein typisch bourgeoises Spielzeug aus der Stadt“ halten, das verbrannt werden muß.
Dem Ich-Erzähler fröstelt, aber Luo, Sohn jenes berühmten Zahnarztes, der Mao einst behandelt hat, erklärt dem Vorsteher, daß er, obwohl streng verboten, die Sonate „Mozart ist mit seinen Gedanken immer beim großen Vorsitzenden Mao“, spielen wird.
Damit ist das Eis gebrochen, der Ich-Erzähler darf die Geige behalten, die beiden werden in ein Pfahlhaus einquartiert, in dem auch eine dicke Sau lebt und die Umerziehung beginnt. Auch die wird, wie ein Lausbubenstreich geschildert, hat Luo doch einen Wecker im Gepäck, der wie ein Hahn aussieht und ein sanftes Läutwerk hat, dieser Wecker hat nun eine fast reiligiöse Anziehungskraft für die Dorfbewohner. So kommen sie mit dem Vorsteher jeden Morgen zu dem Haus, um sein Läuten zu hören. Danach ist es Zeit für die beiden zur Arbeit auf das Feld zu gehen. Der kluge Luo versteht das jedoch zu manipulieren, so daß er die Weckzeit, um Stunde zu Stunde verstellt, daß die beiden in den Jahren ihrer Umerziehung nicht mehr wissen, wie spät es ist.
Sie sind auch begabte Geschichtenerzähler, so werden sie vom Vorsteher in die Kreisstadt ins Kino geschickt, wenn sie zurückkommen, müßen sie den Dorfbewohnern den Film erzählen. Im Nachbardorf gibt es einen Schneider und der hat eine wunderschöne analphabetische Tochter mit schwarzen Zopf und rosafarbenen Schühchen, die kleine Schneiderin und in die verliebt sich Luo, so er sie fast täglich, die beiden Dörfer sind durch eine Schlucht verbunden, was auch ganz schön gefährlich ist, besuchen geht.
Dann gibt es noch den Brillenschang, ein zur Umerziehung geschickter Schriftstellersohn und der hat von seinen Eltern einen Koffer streng verbotener Bücher mitbekommen, die die beiden, um in den kostbaren Besitz zu kommen, stehlen. Balzacs Bücher sind dabei, die von Dumas, Gogol, Melville und sogar von Roman Rolland.
Die beiden sind überwältigt und beginnen zu lesen. Luo liest den Balzac auch der kleinen chinesischen Schneiderin vor und sein Freund muß ihren Vater vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählen, er wählt dafür den „Graf von Monte Christo“, wird aber vom Vorsteher überrascht, der ihn wegen „der reaktionären Ferkeleien“ ins Büro der Staatssicherheit bringen will, was für die „Feinde des Volkes Folter und Hölle“ bedeutet. Es gibt aber einen Ausweg, der Vorsitzende hat nämlich Zahnweh, wenn ihm der Sohn des berühmten Zahnarztes den Zahn behandeln kann, wird dem Freund die Strafe erspart. So binden sie den Vorsitzenden ans Bett und werkeln mit Hilfe einer Nähmaschine in seinem Mund herum. Dafür bekommt Luo ein Monat Urlaub, weil er von seiner Mutter ein Telegramm bekommen hat, daß sie im Krankenhaus liegt.
Der Ich-Erzähler muß indessen auf die kleine Schneiderin, die auch von der Dorfjugend belagert wird, aufpassen, die ihm erzählt, daß sie Ärger hat, weil ihr ständig übel ist und sie seit zwei Monaten ihre Tage nicht mehr hatte. Der Ich-Erzähler hätte sie nun gern geheiratet, was aber unmöglich ist, da man das in diesem Lande erst ab fünfundzwanzig darf, die Diktatur des Proletariats aber auch die Abteibung verbietet.
So macht sich der Ich-Erzähler in das Krankenhaus der Kreisstadt auf, um dort nach dem Gynäkologen zu suchen, was aber schwierig ist, da ihn die schwangeren Frauen, die auf Behandlung warten, für einen Spanner halten. Er findet erst über einen alten Pastor, der wegen Bibelbesitz zum Straßenkehrer degradiert wurde, jetzt aber sterbend im Krankenhaus liegt, zum Gynäkologen, erzählt ihm von seiner Freundin und seinen berühmten Eltern, kann ihn aber erst zur Abtreibung überreden, als er ihm ein Buch von Balzac verspricht. Der Handel geht auf, die kleine Schneiderin verliert ihr Kind, das ein Mädchen geworden wäre, Luo kehrt zurück, am Ende veranstalten die beiden Freunde aber doch ein Autodafe, indem sie in betrunkenen Zustand ihren Bücherschatz verbrennen. Es ist nämlich etwas Schreckliches geschehen, die kleine Schneiderin hat sich von ihrem Vater weiße Tennisschuhe besorgen lassen und macht sich mit diesen auf, in die Stadt zu gehen, weil sie „Dank Balzac begriffen hat, daß die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist“.
Damit endet das Buch, das die Umerziehung Chinas während der Kulturrevolution als heiteren Anekdotenschatz erzählt, dabei mehrmals die Perspektiven und den Erzählstil wechselt, mit der der 1954 in der Provinz Sichuan und 1984 nach Paris emigrierte Dai Sijie 2000 schlagartig wurde. Dai Sijie ist ebenfalls ein Ärztesohn und der Enkel eines christlichen Priesters, die Familie galt seit Beginn der Kulturrevolution als Feind des Volkes, von 1971-1974 wurde er zur kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf geschickt.
Der Roman ist also ziemlich autobiografisch. Im Interview, das im Buch enthalten ist und in dem, das ich auf der Buch-Wien hörte, erzählte Dai Sijie, das die kleine Schneiderin in Wahrheit eine Bäuerin gewesen ist und die Geschichte mit der Zahnoperation nicht so stattgefunden hat.
Das Buch wirkt ein wenig ungewöhnlich, ist aber spannend zu lesen, die Geschichte der beiden Intellektuellen Söhne, die in einem Dorf, die Sexualität kennenlernen und verbotene Bücher lesen, was mich daran erinnerte, daß ich nach meiner Matura 1973, im Gartenhaus am Almweg eine ähnliche, aber viel harmlosere „philosophische Krise“ durchmachte, mir viele Bücher kaufte und beispielsweise Musils „Mann ohne Eigenschaften“ in vierzehn Tagen verschlungen, aber nicht verstanden habe. Meine erste Erzählung habe ich in dieser Zeit geschrieben und von der Kulturrevolution in China nicht viel gewußt.

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