Literaturgefluester

2011-02-02

Erzählprobleme und Protagonistenmeinungen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:02

Das Feedback zu „Mimis Bücher“ hat mich auf einige Gedanken gebracht, die ich auch meine Leser wissen lassen möchte. Wer erzählt die Geschichte? Sind die Meinungen der Protagonisten, die des Autors und was ist, wenn der Protagonist eine andere Meinung hat, politisch unkorrekt ist, etc?
Auslöser war der Satz, den Mimis Bruder Günther, ein zweiundzwanzigjähriger Medizinstudent beim Mittagessen vor sich hin denkt „…wer interessiert sich für Literatur von Behinderten, wenn die Universitäten überlaufen sind und die überforderten Lehrer in den öffentlichen Schulen schon bei an sich normalen Migrantenkindern zwanzig Prozent Analphabeten produzieren?“, ein etwas flapsig formulierter Satz, den er vielleicht in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gehört hat, denn beide sind ja voll davon und die Zahlen stimmen auch. Analysiert man den Satz selbst, ist er vielleicht nicht ganz richtig, denn Kinder kommen meist als Analphabeten in die Schule, lernen dort schreiben und lesen und wie die Pisa-Studie zeigte, verlassen zwanzig Prozent der Kinder diese, ohne den Sinn des Gelesenen zu verstehen. Korrekter wäre wohl zu schreiben, daß die Kinder in der Schule nicht gut lesen lernen. Aber Protagonisten haben nicht immer ein korrektes Deutsch, sprechen flapsig vor sich hin, verwenden Mundart etc. und sagen vielleicht auch manchmal etwas, das man nicht sagen sollte.
Was mich betrifft, so muß ich zugeben, daß mir, die ich auch manchmal Satiren schreibe, die flapsige Formulierung gefällt und zu dem Inhalt stehe ich, wie meine Leser wissen, auch, bin ich ja mit der derzeitigen Bildungspolitik nicht zufrieden. In diesem Fall vertritt der Protagonist meine Meinung und ich habe, wenn man so will, vielleicht ein bißchen Schleichwerbung betrieben, denn es geht in dem Buch ja nicht, um die Pisa Studie sondern, um das Schreiben und das Leben mit Downsyndrom.
Ein anderes Beispiel wäre das, was ich in meinem Kommentar schon anführte, was ist, wenn ich einen Roman über Neonazis schreibe und meinen Protagonisten sagen lasse, daß Hitler für ihn der größte ist? Dann sollten die Kritiker und Leser auch nicht wütend das Buch wegschmeißen, denn der Autor ist ja nicht der Ich-Erzähler, obwohl das oft verwechselt wird.
Einmal hatte ich ein ähnliches Problem bei der Lesung aus dem „Wiener Stadtroman“, der in Wien an einem Tag im Viertelstundentakt von acht Uhr früh bis Mitternacht spielt, wo verschiedene Personen ihren Weg kreuzen und ihn wieder verlieren. Eine davon, die ich sehr mag, ist ein sogenannter Stalker, ein geschiedener Mann, der die Trennung von seiner Frau nicht überwunden hat, sie daher ständig anruft, ihr Rosen vor die Türe legt und dabei von einer Frauenwohngemeinschaft beobachtet wird. Im Publikum waren einige Feministinnen, von denen ich später hörte, daß sie bei dem Text böse schauten. Dabei bin ich selber Feministin, konnte mich aber in den Werner Franthauser gut hineinversetzen und habe mir vorgestellt, wie es ihm nach der Trennung geht. Er lernt im Laufe des Tages auch eine Frau kennen und der Roman deutet an, daß es ihm gelingt mit Elizabeth, die er, weil sie keine Wohnung hat, in seinem Büro schlafen läßt, die Krise zu überwinden.
Wieder zurück zu „Mimis Bücher“, da gab es noch ein Erzählproblem. Nämlich die Frage, ob Menschen mit Down Syndrom krank, gesund, normal, behindert etc sind und ob man das diskutieren sollte? Das Down Syndrom ist eine Chromosomenanomalie ganz klar. Eine Erzählung aber kein Sachbuch. Da man üblicherweise nicht sehr viel über das Leben von Down Syndrom Betroffenen weiß, ist es sicher wichtig darüber zu informieren, aber nicht im Vortrag mit dem Zeigestaberl, sondern „Show not tell!“, wie das so schön heißt.
Um das zu können muß man einiges über die Betroffenen wissen. Ich habe einmal bei der Lebenshilfe gearbeitet, immer wieder behinderte Klienten in meiner Praxis und bin seit vier Jahren Jurorin beim Ohrenschmaus. Dann gibt es eine Website und auf der bin ich auf Texte, wie die von Michaela König gestoßen, die schon drei Bücher geschrieben hat und da habe ich gemerkt, daß sich die Betroffenen, als gesund und normal definieren und ihnen die Vermittlung dieses Inhalts ein großes Anliegen ist.
So fährt die Mimi zu Kongressen und hält auf diesen Vorträge über das Leben mit Down Syndrom, auch das ist ident und gibt es und weil die Mimi sensibel ist, merkt sie auch, daß ihre Mutter, das vielleicht, obwohl sie es nicht sagt, nicht so sieht.
Mütter halten ihre Kinder leicht für krank, die Nachbarn und die Menschen auf der Straße, die nicht viel Erfahrung mit Menschen mit Behinderung haben, sehen das wieder anders. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich einmal mit meiner kleinen Tochter mit einigen Arbeitskreisfrauen traf, eine hatte einen kleinen Buben mit Downsyndrom, der sehr kräftig war und die Anna an den Haaren riß. Die Mutter hat ihn weggezogen, die anderen Frauen haben nicht sehr verständnisvoll darauf reagiert und Sachen gesagt, die man eigentlich dem erdachten Nazi in den Mund legen könnte und mich den Kopf schütteln ließen. Auch das ist realistisch, auch wenn es nicht sein sollte.
Wenn ich also die verschiedensten Protagonistenstimmen sprechen lasse, habe ich das Leben mit Downsyndrom wohl am besten gezeigt, so daß man es sich nachher vielleicht ein bißchen vorstellen oder sich weiter mit dem Thema beschäftigen kann. Also habe ich den Günther, der seine Schwester sehr mag, auch in seiner Ambivalenz gezeigt und mit den Schwierigkeiten, die man vielleicht hat, wenn man als hochbegabter jüngerer Bruder einer behinderten Schwester aufwächst.
Um die Sprache der Mimi zu treffen, habe ich mich an den Texten Betroffener orientiert und den Text von meiner Tochter, die Behindertenbetreuerin ist und von Otto Lambauer, der bei der Caritas in diesem Bereich arbeitet, durchsehen lassen. Hundertprozentig wird es mir nicht geglückt sein, kann es wahrscheinlich auch nicht. Wie ich aber an den Texten merke, die ich Jahr für Jahr für den Ohrenschmaus durchsehe, ist die Sprache der Einreichenden auch sehr verschieden.
Das sind vielleicht die Ecken und die Kanten, die mir angeblich fehlen, was ich nicht so sehe, sondern denke, das Ende der „Mimi“ ist nicht so wunderbar positiv, wie es Otto Lambauer in seinem Beschreibungstext formulierte, sondern alltäglich und normal.
Der dritte Kritikpunkt führt zu der Frage, wie genau man Dinge benennen kann und soll. Da ist das Beispiel das Honorar das Johannes Staudinger der Therapeutin Roswitha Horvath zahlt. Sie verlangt von ihm siebzig Euro, das ist der realistische Stundensatz vom Frühling 2010, als das Buch geschrieben wurde. Bücher haben aber kein Ablaufdatum, liest man es in zehn, zwanzig Jahren, wirkt der Preis veraltet, also kann man sicher diskutieren, ob es nicht professioneller ist, die Zahl wegzulassen. Das ist ein Tip, den ich mir mitnehmen kann, um in meiner Sprache genauer zu werden. Allerdings finde ich es wieder spannend in alten Büchern zum Beispiel in denen von Elisabeth Gürt zu lesen, daß ein Kaffee zwei Schilling und eine Semmel zwanzig Groschen kostet.
Man sieht, die Kritik, so harsch sie mir zuerst auch vorkam, hat viel in mir ausgelöst. Ich habe ja und meine Leser wissen es, mit dem Annehmen von Kritik, wie viele andere Autoren, Schwierigkeiten und kritisiere selbst nicht sehr. Ich bin auch eine, die Bücher meist zu Ende liest, es passiert mir aber öfter, daß ich in der Badewanne liege und mich über den Autor ebenfalls ärgere oder Schwierigkeiten mit seinem Sprachstil habe und denke, das kann ich nicht besprechen. Ich lese dann zu Ende und am Schluß kann ich darüber schreiben. Ich habe mir, da ich niemanden verletzen will und sicher etwas harmoniebedürftig bin, auch angewöhnt, nicht zu werten, sondern den Inhalt wiederzugeben, zu schreiben, wie ich das Buch empfunden habe und was ich über den Autor weiß. Auf Fehler weise ich natürlich hin, beispielsweise, wenn wieder jemand den Psychiater mit dem Psychologen verwechselt, wie es mir schon oft passierte.
Die Kritik, die ich beispielsweise beim Arbeitskreis schreibender Frauen erlebte, habe ich nicht als konstruktiv empfunden und ich glaube, sie war das auch nicht. Das hat sich inzwischen geändert. Inzwischen haben die meisten Schreibseminare ein Infoblatt, wo die Regeln des Feedbackgebens erläutert werden und die gleichen meist denen der guten Kommunikation. Also von seiner Meinung, seinem Erleben und davon, wie der Text auf einen wirkte, als „Das ist dir aber jetzt mißlungen!“ oder von einem schlechten Text zu sprechen.
Die Autorin abholen, wo sie steht und sie ein wenig auf ihren Weg weiterführen, wäre ein Satz, der mir gefällt.
Denn konstruktive Kritik ist, wie ich an mir selber sehe, wichtig, habe ich jetzt aus den Kritikpunkten einen ganzen Artikel gemacht, von dem es mich freuen würde, wenn er einige meiner Leser beim Schreiben etwas weiterbringt. Wie weit ich selber genauer geworden bin, wird mein nächster Text zeigen, inzwischen korrigiere ich immer noch an der „Absturzgefahr“ und bin damit in den letzten Tagen nicht weitergekommen.

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