Literaturgefluester

2011-02-05

Morrisons Versteck

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:28

Peter Henischs 1991 beim guten alten Residenz-Verlag erschienener Roman „Morrisons Versteck“ handelt, wie ich der Beschreibung entnehme von legendären Sänger der Rockgruppe „The Doors“, Jim Morrison, der am 3. Juli 1971 in einer Pariser Badewanne mit siebenundzwanzig Jahren gestorben ist.
Da der Roman in einer Zeit geschrieben wurde, in der man offenbar nicht mehr so einfach vom Anfang bis zum Ende erzählen durfte, macht der 1943 in Wien geborene, Peter Henisch, der mit „Die kleine Figur meines Vaters“ 1975 bekannt wurde, eine Mischung aus Vampirgeschichte und Rockbiografie bzw. einen Fleckerlteppich aus Anspielungen, Parodie, Ernst und Phantasie daraus. In kurzen oder auch längeren Szenen wird auf dreihundert Seiten das Leben des ebenfalls 1943 geborenen Jim Morrison erzählt und das auf so vielen Ebenen, mit Gedichten, Zitaten und einem Sprachgemisch von Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, daß es gar nicht einfach ist sich auszukennen, so daß sich der Autor auf Seite 237 sozusagen seiner Leser erbarmt und eine Beschreibung des bisher Geschehenen gibt:
„Der Journalist und mäßig erfolgreiche Schriftsteller Paul hat ziemlich merkwürdige Briefe von der Fotografin Petra erhalten, die ihn fast 20 Jahre früher erotisiert hat. An einem Ort, den sie vorsichtshalber verschweigt, will sie dem 1971 verstorbenen und / aber von diversen Legenden umrankten Rockstar Jim Morrison begegnet sein. Durch eine Einladung zu einer Lesereise und/ oder auch auf der Flucht vor Petras Briefen ist Paul nach Amerika geraten. Und nun sitzt er in einem Hotelzimmer in Los Angeles und versucht, der ihn immer ärger bedrängenden phantastischen Geschichte eine (seine) realistische Geschichte entgegenzusetzen:
Von einem Journalisten und mäßig erfolgreichen Schriftsteller namens Paul, der nach Amerika gereist ist. Und zwar anläßlich einer Lesereise, zu der man ihn überraschenderweise eingeladen hat, und das läßt sich mit seinen Morrison-Recherchen verbinden. Er will nämlich ein Buch über Jim Morrison schreiben, obwohl sich sein Freund Morgenrot, ein Musikjournalist, an den er sich wegen dieses Projektes gewandt hat, Jim Morrison nicht leiden kann. Und nun sitzt er in seinem Zimmer des Marina-Motels in L.A.; und den Nachmittag hat er verschlafen, weil er eine ziemlich anstrengende Nacht hinter sich gebracht hat, aber jetzt ist er wieder einigermaßen wach und schreibt ungefähr folgendes:…“
Er verläßt aber auch das Hotelzimmer und geht mit einem Video eines Door-Konzerts, das er verstaubt in einem Laden gefunden hat, in einen Sexclub, um es dort abzuspielen, da es im Motel keinen Videorecorder gibt. Dreimal geht er dorthin, bis es ihm gelingt, das Video zu Ende zu sehen, hat er dazwischen doch immer wieder Visionen, Petra und Jum Morrison tauchen dabei auf und versuchen ihn in ihre Liebesspiele einzubeziehen. Dann kauft er Knoblauch und Vampirphähle und bricht in der Nacht zum Friedhof auf, jetzt befinden wir uns wieder in Paris und beginnt, während ihn Paul Morgenrot noch abhalten will, schon zu schaufeln. Kurz darauf befindet sich der Schriftsteller im Zug, der gerade in den Zielbahnhof einfährt, schickt ein Telegramm „Mit Morrison“ fertig und beschließt „sich von dem Vorschuß, den ihn der Verlag für die Zusendung des halben Manuskriptes gewährte, ein paar Tage Erholung in einer mit dem Roman in keiner Weise verbundenen Gegend zu gönnen“. So kommt er in eine kleine Ortschaft, nimmt ein Zimmer im einzigen Hotel und reißt am nächsten Morgen das Fenster auf: „Da sah ich die Mauer. Und dahinter den Garten.“
So endet der Roman und man hat, wenn man soweit gekommen ist, viel über den legendären Sänger, sein Leben und politische Situation Amerikas der sechziger Jahren gelernt. Und das Buch, ein Fund aus dem Bücherschrank, ausrangiert aus einer städtischen Büchereifiliale, das zufällig auf der Leseliste stand, passt auch ganz gut zu der Diskussion der letzten Tage, über das realistische Schreiben, ob man nach Auschwitz überhaupt noch so schreiben kann und, wie spannend es die Leser wollen. Vampirromane sind heute in, ob das 1991 schon so war, weiß ich nicht und auch nicht, ob der durch die heutigen AHS gegangene Durchschnittsleser, soviel Geduld aufbringt, um sich auf die dreihundert Seiten Anspielungen, Buchzitate und ständige Perspektivenwechseln einzulassen. Peter Henisch kommt mir vor refelektiert auch ironisch das Romanschreiben und macht immer wieder kleiner Einschübe, in dem er darüber schreibt. Das Lesen von Nichtlinearen ist anstrengend, erfordert Konzentration und Geduld, vor allem wenn man darüber rezensieren will. Man hat aber etwas davon und man hat eigentlich auch drei oder vier Romane gelesen, bzw. Stoff gefunden aus denen sich die locker machen ließen.
Ich bin eigentlich ein Fan von Peter Henisch, beziehungsweise habe ich schon einige Bücher von ihm gelesen.
„Bali oder Swoboda steigt aus“, „Baronkarl“, „Der Mai ist vorbei“, „Die kleine Figur meines Vaters“, „Eine sehr kleine Frau“, „Hamlet bleibt“, „Pepi Prohaska Phrophet“, „Steins Paranoia“, „Zwischen allen Sesseln“, um das jetzt so durcheinanderzumischen, wie es in meinem Bibliothekskatalog steht. In den Achtzigerjahren habe ich mir die bei Residenz erschienenen Bücher, regelmäßig gekauft und da ich in dieser Zeit meine Manuskripte „Zwischen Hütteldorf und Heiligenstadt“, die „Hierarchien“, etc. selber an Residenz schickte und auch Ähnlichkeiten am „realistischen Stils“ Peter Henischs zu meinem fand, kann ich mich erinnern, daß ich, beispielsweise nach dem Erscheinen von „Steins Paranoia“ 1988, da war ich gerade in die GAV aufgenommen worden, dachte, jetzt müßte es mit meinen Sachen eigentlich auch klappen. Hat aber nicht, wie ich inzwischen weiß.
Ich habe Peter Henisch auch bei einigen Lesungen z.B. bei Rund um die Burg, aber auch in einer Grabenbuchhandlung 2000, während der Donnerstagsdemonstration, als gerade draußen die Demonstranten vorbei stürmten, er hat, glaube ich, aus dem „Schwarzen Peter“ gelesen, erlebt und sehe ihn auch immer wieder als Publikum, z.B. bei der Lesung von Reinhard Wegerth im Oktober oder auch auf der Straße, wohnt er doch, glaube ich, in der Josefstadt.
Das neueste Buch, das ich von ihm gelesen habe, war das 2007 bei Deuticke erschienene „Eine sehr kleine Frau“, das was mich am meisten beeindruckte „Der Mai ist vorbei“, weil es da um Wien 1968 und die Wespennest-Mitarbeit geht. Den zuletzt erschienenen Roman „Der verirrte Messias“ habe ich nicht gelesen, sondern nur bei Rund um die Burg gehört.
Und wenn ich schreibe, daß ich ein Fan von Peter Henisch bin, übertreibe ich ein wenig, ich würde aber gern so wie er schreiben können, wenn „Morrisons Versteck“ vielleicht auch besonders abgehoben war. Die anderen Romane scheinen mir linearer und einfacher lesbar zu sein.

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