Literaturgefluester

2011-02-11

Beste Beziehungen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:42

„Grausamer als die Literatur ist nur die Wirklichkeit – Gustav Ernst erzählt weiter, wo andere längst schweigen“ steht auf der Rückseite des gerade erschienenen Romans „Beste Beziehungen“.
Ich würde meinen, Gustav Ernst erzählt vom Leben, beziehungsweise von dem, was wir im Fernsehen sehen, in den Zeitungen, wie „Heute“ und „Österreich“ lesen und er tut das sehr direkt mit einer eindeutigen Sprache und aus der Sicht dessen, der das Leben vielleicht auch von „unten“ kennt.
Es geht um Paare und deren Lebensformen, aber auch um einiges, das in Österreich zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts geschieht. Da wären einmal Lisa und Franz. Lisa ist eigentlich eine ungewöhnlich emanzipierte Frau, schaut sie doch, wenn sie mit der U-Bahn von ihrer Arbeit nach Hause fährt auf die Männer, denen sie dort begegnet und überlegt, welchen Eindruck sie auf sie macht. Vor allem aber ist sie mit ihrem Franz, einem Zauderer, der den Ehrgeiz hat, alle französischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts zu lesen und im Rathaus irgendein Beamter ist, sehr unzufrieden und quasselt ihn ständig mit ihren Ansprüchen, daß er doch das und das tun oder nicht tun soll, die Ohren voll. Er soll seinen Chef zum Essen einladen, damit er befördert wird und sich im Nebenjob als Vermögensberater möglichst mit Büro im MilleniumTower selbständig machen, ein Haus bauen, in der Oper mit dem und dem ins Gespräch kommen, u.s.w.u.s.f.
Dann gibt es Jack, den Büroleiter eines christlichen Ministers und der ist ein Arschloch, wie wir ihn aus den Medien kennen, vögelt sowohl mit seinen Mitarbeiterinen, denen er dafür Beförderung verspricht und mit der Frau Außenminister, lädt den Polizeikommandaten in ein Nobelbordell und zum Austernschlürfen ein, damit der ihm bei den Akten eines Autounfalls, der ihm passierte, behilflich ist und verlangt von seinen Mitarbeitern, ihre Freunde, die Finanzberater bei den Frauen der roten Spitzenkanditaten sind, weil das Buch in der Zeit eines Wahlkampf spielt, zu bespitzeln und droht, wenn sie das verweigern, sie so fertigzumachen, daß sie sich nur noch wünschen aus dem Fenster zu springen.
Und von Hanno, der im selben Haus mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnt, ist es auch nicht nett von seiner Frau zu verlangen, daß sie die die Anwesenheit seiner Freundin Franziska, im selben Bett und Badezimmer dulden soll, weil das in seiner Familie so üblich ist.
Dann gibt es den Lehrer Stöger, der Schwierigkeiten mit den Schenkeln seiner Schülerinnen hat, die sie aufreizend öffnen und schließen, während sie ihre Schularbeiten schreiben und mit steifen Penis und dem Klassenbuch, auf die Toilette rennt, als die Schülerin mit den weißen Kniestrümpfen und dem kurzen Röckchen nicht weiß, in welchen Jahrhundert Rilke lebte und welche Werke er geschrieben hat. Ausgerechnet er wird, noch dazu von seiner Frau gedrängt, der siebenjährige Nichte, die leider einen Dreier in Deutsch hat und infolgedessen einmal nicht ins Gymnasium wird gehen können, Nachhilfestunden zu geben, was genauso fatal endet, wie der Besuch Manuel Fs. bei seiner Ex-Lebensgefährtin Janine K,. bei der er nach einjähriger Trennung mit einer Bonbonniere auftaucht, von ihr auch mit Naturschnitzel bewirtet, aber als er im Bett nicht kann, so arg beschimpft wird, daß ihm nichts anderers zu tun überbleibt, als sie zu erwürgen….
In loser Reihenfolge werden Beziehungsszenen aneinandergereiht und miteinander verknüpft, um am Schluß in einem viel kürzeren zweiten Teil in einem Amoklauf zu enden, in dem noch einmal die meisten Personen zufällig aufeinander treffen oder im Radio von ihnen berichtet wird. Von der Verhaftung des Lehrers Stöger beispielsweise oder dem Ausgang der Wahl, bei der zwar die Sozialdemokraten gewinnen, Jack Preiser, der bisherige Büroleiter, aber neuer Familiensprecher wird und von seinen Zielen spricht Ehe und Familie zu stärken und der 1944 in Wien geborene Gustav Ernst, Schriftsteller und Drehbuchautor, Mitbegründer des „Wespennestes“ und Herausgeber der Zeitschrift „Kolik“, der viele Stücke, aber auch Romane wie „Einsame Klasse“, „Frühling in der Via Condotti“ „Helden der Kunst – Helden der Liebe“ geschrieben hat, hat uns wieder einmal sehr realistisch das heutige Österreich gezeigt.
Fast hätte ich ja befürchtet, wieder einen Roman über die Leiden des alternden Mannes mit dem Nachlassen seiner Libido und seiner Prostata zu lesen und wurde angenehm enttäuscht, denn ich bin ja eine Anhängerin des realistischen Schreibens, wenn ich aus meiner Frauensicht auch so starke Sexszenen weder schreiben kann, noch will und die Frauen mit Ausnahme vielleicht der Lisa, die aber auch eine dumme Tussi ist, sehr schwach und wehrlos geschildert werden.
Da ich Gustav Ernst, den ich schon lange kenne und immer wieder bei Lesungen im Literaturhaus oder anderen Veranstaltungen treffe, öfter damit nerve, daß ich ihn mit Robert Schindel für den Hans Weigel des heutigen Wiener Literaturbetriebs halte und er auch Dozent am Institut für Sprachkunst ist, werde ich ihn, wenn ich ihm wieder sehe, etwas zu seinen Dialogen fragen.
Der Roman ist ja hervorragend geschrieben, soweit ich das, als etwas verklemmte Frau beurteilen kann, die nicht diesen sexuellen Sprachschatz hat. Die F- und die Ö-Politiker, von denen wir gerade jetzt so viel in den Medien hören, werden treffend geschildert, auch die zwei Unterschicht Männer, die sich an ihren Frauen vergehen, bzw. die Kinder ihrer Freundinnen so lange schütteln, bis die ein Schleudertrauma entwickeln und sich dann bei ihren Anwälten und Richtern blöd herausreden, auch wenn ich bezweifle, daß ein Unterschichtmann eine solche Wortgewalt aufbringt und die Not des Lehrers, der mit seinen Schwächen ja vielleicht wirklich von seinen Schülerinnen etwas aufgegeilt und dann im Regen bzw. beim Pornofilm und der Strafanzeige stehengelassen wird, konnte ich auch gut nachvollziehen.
Jetzt weiß ich aber nicht, ob es wirklich realistisch ist, daß Janine K. ihren Ex mit Manuel F. anspricht, vermutlich nicht, würde ich denken, es wirkt dadurch aber sehr distanziert und passt in den Erzählton, der immer spannend ist, obwohl Gustav Ernst, wie ich nicht umhin kam, zu bemerken, in dem Roman, der zu einem großen Teil aus Dialogen besteht, sehr oft „sagte er“, verwendete, was man, wie ich aus den diversen Sprachratgebern weiß, nicht tun soll.
Aber sonst übertreibt er natürlich seine Charaktere, wie das der gute Schriftsteller tut und macht das Buch dadurch leicht lesbar und spannend, was zum Beispiel an der Figur des Lehrers, bei dem ich mich wahrscheinlich mit den Schilderungen der Schulstunden, begnügen würde, so richtig herauskommt.
Ein packender Roman, den ich nicht allzu sensiblen Gemütern, die Freude an einer deftigen Sprache und einer realistischen Schilderung des vieleicht nicht allzu Altäglichen haben, empfehlen kann und natürlich danke ich Haymon für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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