Literaturgefluester

2011-02-19

Schwestern der Angst

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:02

„Schwestern der Angst“, ist ein Buch der Maximalkapazität und die 1963 in Klagenfurt geborene Lydia Mischkulnig, eine brillante Erzählerin, gnadenlos jagt sie ihre Geschichten und Bilder in den schönsten und auch manchmal etwas kitschig klingenden Sätzen und Worten voran und übertreibt maßlos dabei.
Das machte das Lesen des im Herbst erschienenen Romans für mich etwas schwierig, denn eigentlich ist die Geschichte der wahrscheinlichen Borderlinerin Renate, die so Sätze schwingt, wie „Mißbrauch gehört zum Leben, wie das Amen zum Gebiet“, ja sehr beeindruckend. Psychologisch packend und faszinierend in das Leben und in die Gedanken einer Stalkerin hineinzuschauen und mit literarischen Mitteln erzählt zu bekommen. In Polen ist sie bei den Großeltern aufgewachsen, weil die Mutter nach Österreich arbeiten ging, der Großvater war ein Alkoholiker und wird von der Mutter und der Großmutter des sexuellen Mißbrauchs an Renate verdächtigt. Jedenfalls kommt die Mutter nach Jahren aus dem goldenen Westen zurück. Das erste was sie tut, ist, daß sie ihr Töchterlein aufs Bett legt und untersucht, ob es noch Jungfrau ist. Ansonsten ist Renate vaterlos aufgewachsen, also fehlt auch diese Bezugsperson. Die Mutter nimmt Renate nach Österreich mit, heiratet ihren Chef, einen Eissalonbesitzer, bekommt von ihm ein Kind, stirbt und so wird Renate Ersatzmutter von Marie, liebt und züchtigt sie, tut alles für sie und möchte auch mit dem Stiefvater schlafen. Sie schneidet sich auch, frißt, kotzt und hungert, hat Neurodermitis und kratzt sich die Arme wund, alles, wie es im Lehrbuch der Borderlinestörung steht.
Irgenwann versucht sich Marie offenbar am Luster zu erhängen, Renate schneidet sie herunter, dann tritt Paul auf den Plan, ein Nervenarzt in dem Renate sich verliebt, das Superkind Marie schnappt ihn ihr aber weg, beziehungsweise verfolgt Renate Paul in der Disco auf die Herrrentoilette und versucht ihn zu vergewaltigen und als der Stiefvater Renate nach Frankreich auf Urlaub schicken will, schlägt sie vor, daß Marie fahren soll, damit ihr Paul bleibt, was zur Folge hat, daß Marie mit Paul fährt und Renate zurückbleibt. Sie bricht die Schule ab, während Marie Paul nach Paris folgt und Medizin studiert. Zu einer Abtreibung kommt es auch, die Renate für Marie arrangiert und zu der Einbildung, daß Paul Renate vergewaltigt hat.
Irgendwann stirbt der Stiefvater, der inzwischen nach Griechenland gezogen ist, Renate fährt zum Begräbnis, fühlt sich dort als Außenseiterin und wird von Marie und Paul zu psychologischen Tests gezwungen, so daß sie ihnen Medikamente in die Getränke mischt und während die beiden schlafen, ihre Münder mit Superkleber zusammenpickt. Dann reist sie ab und das führt zu dem Beginn des Romans, bei dem Renate Assistentin einer Werbefilmfirma ist und in einem Magazin, die Fotos von Marie und Paul entdeckt, über deren Hochzeit berichtet wird. Renate, die für eine Darstellerin ein Kostüm kaufen soll, steckt im Kaufhaus einen Kinderpyjama in ihre Tasche. Man erfährt, einen solchen hat als Kind Marie getragen und flüchtet vor der Security in Maries leere Wohnung. Man erfährt, es gibt inzwischen ein Wegweisverbot, Renate darf der Wohnung nicht zu nahe kommen. Sie dringt trotzdem in die leere Wohnung ein und erzählt in einem rasanten Plauderton, der fortwährend, die Wirklichkeit mit der Fiktion vermengt und Binsenweisheiten, wie auch Wahrheiten und Gefühle von sich gibt, bzw. im Selbstmitleid schwelgt, die bisherige Geschichte.
Das ist faszinierend, denn ich denke, wenn die Renate auch Züge und Erlebnisse von zehn Mißbrauchskindern und Borderlinepersönlichkeiten aufweist, erfährt man viel aus der Welt der psychischen Abgründe. Aber die Renate ist eine negative Superheldin, irgendwo habe ich gelesen, daß es kein Buch gibt, wo eine Frau derart bös geschildert wird und dann schwatzt sie auch noch fortwährend vor sich hin, während sie keucht, kotzt, spukt und sich aus Liebe die größten Grausamkeiten ausdenkt, die dann meistens noch mißlingen.
Es geht in der nicht ganz linear erzählten Geschichte gleich weiter mit einem Mord an Freund oder Ehemann, den Renate so nebenbei begeht und der am Ende gar nicht entdeckt wird, sie ermordet auch den Hund ihrer Chefin, während sie dazwischen Hilfsdienste in ihrer Filmfirma macht, eine kindliche Darstellerin vom Flughafen abholt, ihr dabei auf die Schenkel grapscht und in einer Fleischerei zehn Kilo Lungenbraten für die Katzen, die im Werbespot auftreten sollen, bestellt, dann kehrt sie noch einmal in Maries leere ‚Wohnung zurück, findet dort ein Kuvert mit ihren Namen in dem die Einladung zu Maries Hochzeit und fünfhundert Euro stecken und es wird vollkommen verrückt.
Renates Reise nach Paris zu der Hochzeit, wo sie ein Skalpell in der Tasche trägt, um Marie zu züchtigen, kann man wahrscheinlich, als Reise in eine Psychose deuten und es passiert sehr viel dabei, was eigentlich nicht wichtig ist, aber Lydia Mischkulnig, habe ich einmal gelesen, hat einen scharfen Blick für Details.
So hat Renate die verschiedensten Erlebnisse, kommt schließlich an den Ort der Hochzeit, sieht Paul, erfährt, daß Marie während seines Polterabends allein in der Wohnung ist und dringt mit dem Skalpell in diese ein, fesselt und knebelt Marie und kocht sich, weil sie zwschendurch hungrig wird, auch noch Nudeln, was in einer Rezension, als großartige Szene beschrieben wird. Renate fliegt anschließend nach Wien zurück, erwartet am Flughafen verhaftet zu werden, kommt auch in eine forensische Klinik, wo sie sich an den Schreibtisch setzt, um ein Buch über die „Schwestern der Angst“ schreiben, das sicherlich ein Bestseller wird….
Lydia Mischkulnig ersten, 1994 bei Droschl erschienenen Roman „Halbes Leben“ habe ich gelesen, der handelt von einem einbeinigen Mann, der zu einem Begräbnis fährt oder es ausrichtet, da habe von dieser rasenden Sprachgewalt noch nicht so viel bemerkt, die war für mich erst 1996 zu erkennen, als sich Lydia Mischkulnig in Klagenfurt mit ähnlicher Brillanz und rasender Hektik einen der Preise erlesen hat. Dann kam „Hollywood in Winter“ und noch einige Bücher, die ich nicht gelesen habe. Dann war ich bei den Erzählmustern in der Alten Schmiede, wo offenbar die „Neun Heimsuchungen“ vorgestellt wurden, wo Lydia Mischkulnig eine ebenfalls sehr kunstvolle Geschichte las, wo sich eine Frau in einem Ganzkörperoverall erstickt.
Aus den „Schwestern der Angst“, habe ich sie im letzten Herbst bei „Rund um die Burg“ lesen gehört und weil Anfang des Jahres das Buch auf so vielen Bücherblogs besprochen wurde, bin ich neugierig geworden, denn die Geschichte, wie aus Kindern Täter und aus Tätern Opfer werden, interessiert mich ja sehr.
Hier fürchte ich, hat Lydia Mischkulnig mit ihrer Sprachgewalt und ihrem Detailblick übertrieben und aus der Eifersucht des mißbrauchten Kindes sowohl eine Fallstudie, als auch einen Krimi, ein Horroszenario u. u. u. gemacht.
Weniger ist wahrscheinlich mehr, denn dann hätte man mehr Bücher zu lesen und auch mehr Zeit, die vielen Details und Beschreibungen zu verdauen. Und ein mißbrauchtes Kind sollte eigentlich nicht nur ein zur Schau gestelltes Monster sein, an dem die Leser sich ergötzen, auch wenn es natürlich sowohl Morde, Psychosen, Wünsche, Sehnsüchte, Eifersucht, Burner, Cutter und auch unterdrückte Frauen gibt.

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: