Literaturgefluester

2011-02-21

unter uns

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:07

Angelika Reitzers Familienroman ohne Familie „unter uns“, im Herbst bei erschienen, von dem ich schon mehrmals berichtet habe, ist vom Stil und Inhalt schwer einzuordnen, wird da ja in achtundvierzig Szenen, zeitlich nicht linear, mit wechselnden Perspektiven, Traumsequenzen, etc sehr viel erzählt.
Beginnen tut es mit einem Familienfest, die Eltern der Hauptperson und Ich-Erzählerin Clarissa, Besitzer eines Gasthauses verkaufen dieses und ziehen sich von der Familie zurück, drei Monate später stirbt auch der Vater, so daß die Familie wahrscheinlich noch einmal zu seinem Begräbnis zusammenkommt.
Der zweite Strang des patchworkartigen Gesellschaftspanorama spielen meist Kulturberufe ausübende Paare zwischen dreißig und vierzig, Vera und Kevin, Marie und Jörg, Florian und Susanna, etc, die ihre Feste feiern, ihre Berufe ausüben, Häuser kaufen, erben, Kinder bekommen die sie auf ihre Parties mitnehmen, alles brüchig, vage, Lebensabschnitt begrenzt, auch wieder schick und schillernd.
Dann gibt es die schon erwähnte Clarissa, eine ehemalige Chefassistentin, die von ihrem schicken Loft in den feuchten Keller des Hauses von Tobias und Klara, die dort mit ihren Kindern wohnen, zieht, den Job hat sie irgenwann auch hingeschmissen, in dem Haus herumgeistert, sich alten Familienfilme ansieht und in Erinnerungen schwelgt, eine Schwester die Schriftstellerin ist, aber sonst nicht auftaucht, hat sie auch, sich arm, unangepasst, ausgegrenzt etc empfindet und am Ende Selbstmord begeht.
Die vierte Ebene ist der scharfe Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ist es ja ein Buch, daß das Prekatriat beleuchtet. In einigen Szenen kommt der Uni-Protest vor eineinhalb Jahren vor, die Gewalt in der U-Bahn, das Verschwinden des öffentlichen Raumes und der Kaufzwang in den Einkaufszentren, den Klara dort vermutet und der Chef, der sich über Clarissas Einsatzbereitschaft mokiert und sie mangelnde Delegationsfähigkeit nennt, wird thematisiert.
Eine Hausgeburt wird geschildert, obwohl diese, wie ich bemerkte, im Augenblick eher von den gewünschten Kaiserschnitten ersetzt werden, während derer, Clarissa ihren Keller verlassen soll und bei Freunden bzw. einem Seminar untergebracht wird, was sie aber nicht tut und es ist auch das erste Buch, das ich gelesen habe, das sich auf die Rauchphobie bezieht, die derzeit bei uns herrscht, so gibt es eine Stelle, wo sich Clarissa, die Raucherin ist und sich auch deshalb als Außenseiterin fühlt, Zigaretten kaufen will, aber keine Kreditkarte hat, also muß sie warten, bis sie jemanden findet, der sie für sie kauft, ein Bild das sehr scharf die Unmündigkeit unserer Gesellschaft zeigt.
Das Ganze ist irgendwie vage, geheimnisvoll und unzusammenhängend, das scharfe Gesellschaftsbild, das manchmal aufblitzt, wird gleich durch die vielen Perspektivenwechseln, es kommen eine Menge Leute vor, die nur Vornamen tragen, die irgenwo eine meist sehr kleine Rolle spielen und nicht wirklich wichtig sind, zurückgenommen, vielleicht auch um unsere Bussi Bussi Gesellschaft zu zeigen, die letztlich unverbindlich ist, obwohl sich die Freunde, um die Aussteigerin Clarissa erstaunlich kümmern. Der Keller in dem Haus ist zwar feucht und es tauchen dort auch Mäuse und Ameisen auf. Clarissa zahlt für die Benützung, hat ihn dann aber nicht für sich allein, weil ihn Tobias offenbar mitbenützt, sie kann sich im Haus oben aber Kaffee kochen und das Internet beützen, bzw. tut sie das. Alle sind besorgt, niemand schmeißt sie hinaus, hilft aber auch nicht wirklich, nur sie hat Schuldgefühle und die Gründe, warum Clarissa aussteigt und Selbstmord begeht, bleiben auch vage angedeutet undangerissen. Sind es die prekären Gesellschaftsverhältnisse oder hat sie eine Depression? Genauso, wie die Schwester, die berühmte Schriftstellerin, vielleicht ein alter ego Angelika Reitzers, nur angedeutet bleibt.
Das fünfte ist die perfekte Sprache, der Germanistin, die über Jandl dissertierte und die schönen Bilder, die Rehe zum Beispiel, die bei dem Familienfest auftauchen, was ja auch irgendwie unwirklich ist, das die bei einer Grillparty im Rudel zu sehen sind.
„Ein großes Panorama einer Gegenwart der neuen Lebens- und Arbeitsverhältnisse, in der alles nur mehr auf Zeit ist“, steht im Klappentext. Ja aber nicht nur, eigentlich ist es ein Patchworkparnorama, in dem von allem etwas enthalten ist. Die psychische und gesellschaftliche Situation der Clarissa in ihrem Keller, die Geschichte der Familie und dann natürlich die Geschichten Vera-Kevins, Tobias-Klara, Florian-Susanna ect, die hingeworfen, angedeutet, angerissen werden. Über die schriftstellernde Schwester mehr zu erfahren, wäre auch sehr interessant. Wie die Traumszenen in diese Patchworkwelt hineinpassen, habe ich nicht ganz verstanden.
Angelika Reitzer, die ich von ihren Veranstaltungen in der Alten Schmiede sehr gut kenne, beim Lesezirkel in der Hauptbücherei, wo sie eine Zeitlang mitmachte, kennenlernte und die ich als eine an der Sprache Interessierte einschätze, hat mich durch ihren sozialen Blick überrascht, auch wenn die Sozialkritik dann wieder in den literarischen Ansprüchen verschwindet.

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