Literaturgefluester

2011-03-17

Aus der Schule

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:17

Ludwig Roman Fleischers 1999 erschienener Roman „Aus der Schule oder Europaanstalt Mayerlingplatz“, ist, wie er im Vorwort selber schreibt „eine Burleske mit tragischen Unterton. Hinter Bergen von Klamauk lauern Abgründe der Einsamkeit, der Sinnlosigkeit, der Angst und des existentiellen Ekels“.
Und das alles in der berühmten Wirtschaftsfachschule Mayerlingplatz, die sich zu ihrer Hundertjahrfeier rüstet. Es beginnt, eher ungewöhnlich zu Schulanfang, wie sich herausstellt aber sehr gewöhnlich für die WIFASCH mit einem Bombenalarm. Die Polizei rückt an und durchsucht, die verehrten Kollegen, Schüler befinden sich noch nicht in dem Haus, müssen sich bis zur Entwarnung in den Mayerlingpark begeben und der Deutschlehrer, Säufer und Dichter Markus Terlaner, ein Alterego Ludwig Roman Fleischers?, begibt sich auf einen doppelten Veccchia Romagna ins Istrione. Der hat Probleme mit den Alimentationszahlungen und seinen zwei geschiedenen Kindern, schreibt aus Geldmangel ständig Rezensionen oder übernimmt Prüfungsbeisitze und nein sagen kann er auch nicht, so stellt er dem Ex-Jugoslawen und Ex-Schüler Rado Radiovejevic, der sich inzwischen in einer Bank schikanieren lassen muß, eine Schulbestätigung aus, damit er nicht in den Krieg in ein Land muß, desen Sprache er kaum spricht.
Auch sonst gibt es in der Schule die seltsamsten Typen. Direktor ist ein Herr Willi Muster, der rüstet zu der Feier, auf der eine Mayerlingbüste, hat nichts mit dem Kronprinz Rudolf zu tun, sondern ist der Namenspatron der Schule enthüllt werden soll und plant dazu den Ex-Kardinal, den Ex- Präsidenten und einen Herrn Habsburg einzuladen. Es gibt Verbindungen mit der Wirtschaft, Übungsschulen und offensichtlich auch den Auftrag die Kinder der Wirtschaftsbosse, die die Schule sponsern, zur Matura zu bringen, ganz egal, wie blöd sie sind.
Es gibt aber auch anderere Schüler, den Ex-Jugoslawen Rado Radiovejevic z.B. oder auch Dürdane Önal, Tochter eines Oberarztes, die Mutter eine österreichische Krankenschwester starb bei der Geburt des zweiten Kindes, der Doktor nennt sie Rose oder Prinzessin, hat sonst aber wenig Zeit für sie und überläßt sie der tunesischen Haushälterin Yusra, so daß sie, die ebenfalls erst Türkisch lernen muß, mit einem Kopftuch, im Buch Tschador genannt, in der Schule erscheint, versucht sich mit einem Joghurt, einem Apfel und einem Becher ungesüßten Kaffee auf eine schlanke Stärke hinunterzuhungern, geht mit ihrem Tschador auch tapfer zur Übung die Stufen der Tiefgarage hinauf und hinunter und wird dabei prompt angepöpelt, beleidigt, beschimpft, bzw. bekommt das Kopftuch hinuntergerissen.
Drei neonazistische Schüler mit ihren Wertsportübungen, das sind auch die, die hinter den Bombenarlarmen steckt, gibt es auch, wovon zwei den blonden Dommi drangsalieren und ihn mit Schnaps anfüllen, so daß er bewußtlos am Gang liegenbleibt und ihn der ebenfalls besoffene Lehrer Terlaner in seine Wohnung zur Ausnüchterung schleppt und jede Art skuriller Lehrertypen.
Den anderen Deutschlehrer Urlaner, der sich irgendwann in Prag eine Milena anlachte, von ihr geheiratet wurde und unter dem Pantoffel kam, so daß er jeden Mittwoch einen vollen Schultag vortäuscht, obwohl er stattdessen ins Cafehaus oder ins Museum geht, den Grüngewerkschaftler Gotti Specht, der für seine grünen Gewerkschaftsanschläge nur eine Tafel hinter einer Tür bekommt und dafür mit den Schülerinnen Petja und Beta flirtet und sich am Ende für die Alimentaionszahlungen an eine verschulden muß, die Lehrerin Huberta Farkas mit ihren Vogelspinnen und Elvira Geigenburger-Postrihatsch, die Englisch unterrichtet, Horoskope erstellt und immer mit einem Yokshire Terrier im Arm herumspaziert.
Sie begleiten wir durch das Jahr und erleben alle ihre grotesken Schwierigkeiten und menschlichen Verwirrungen, die es in einem wahrscheinlich nicht so übersteigerten Ausmaß wahrscheinlich wirklich in den Schulen gibt, schließlich ist der 1952 in Wien geborene Autor, ebenfalls Lehrer und ich kann mich erinnern, daß, als ich ihm im Jänner bei der Präsentation seines neuesten Buches „Neue Einfälle des Kauzes“, die Themen bleiben gleich, in der Alten Schmiede traf, von den Pensionierungen gesprochen wurde, bzw. wer wie lange noch in die Schule gehen muß?
Der Roman endet mit der Frühpensionierung Markus Terlaners, der nach dem die Hundterjahrfeier abgehalten wurde und man wieder wegen eines Bombenalarms frühzeitig zum Buffet in den Mayerlingpark ausrucken mußte, von der schlecht aufgestellten Büste zwar nicht erschlagen, aber umgeworfen wurde, so daß er nun, „wie einst Ruprecht Mayerling – als frühpensionierter Lehrer und freischaffender Schriftsteller leben kann.
Der literarische Durchbruch wird ihm zwar, wie vielleicht auch dem ehemaligen Bachmannpreisträger, verwehrt bleiben, so daß er einen Roman über die neu gegründete European Trade Academy vormals WIFACH schreiben wird, der ihm aber von den Verlagen wegen allzu billigen Klamauks abgelehnt wird.“
Denn um die Globalisierung und das Gesundschrumpfen ging es 1999 auch schon, da wird plötzlich das Schulgeld hinaufgesetzt.“Es soll weniger und besser ausgebildete Lehrer geben, Aufnahmestop für lebendige Subventionen und wie die Programme der privatstaatlichen Schulversuche für Marktwirtschaftliche Schulen“ sonst noch lauten. Zehn Jahre später erscheint einem all das bekannt und nur die ewig Gestrigen werden sich vielleicht inzwischen wirklich schon in die Pension verabschiedet haben und so ist „Aus der Schule oder Europaanstalt Mayerlingplatz“, bei all den Debatten über Pisa, neue Mittelschule und sekundären Analphabetismus, ganz egal wie der nun entsteht, ein wirklich lesenswertes Buch, ein Fund aus dem Bücherschrank und eine Produktion des Sisyphus-Verlages, dessen Verleger Ludwig Roman Fleischer ebenfalls ist.

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