Literaturgefluester

2011-03-26

Fünf Finger im Wind

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:27

Alfred Paul Schmidts 1978 im Europaverlag erschienener, Reinhard Urbach gewidmeter Roman „Fünf Finger im Wind“, wird auf der Buchrückseite als „Geschichte von fünf jungen Leuten, die zum Countdown der Kultur wird: Anpassen oder Verrecken, das ist hier die Frage“, beschrieben, was sich als Geschichte einiger verbummelter Studenten entpuppt, die in Graz zu Hause sind, aber typisch für die Siebzigerjahre ihre Sommer zum Geldverdienen in Schweden verbringen. So beginnt der Roman auch dort. Prado, Slobodin und Brandl wohnen als Hausmeister in einer Wohnung in der Malmstensgatan 5, die einer Hausbesitzerfirma gehört, die baufälligen Bretterbuden in der Göteborger Innenstadt bald abreißen will. Aber Prado Schulmann hält es ohnehin nicht lang dort aus, bekommt er doch einen Brief von seiner Freundin Lena, die ihm mitteilt, daß sie sich in seinen Freund Rankerl verliebte, was Prado veranlaßt schleunigst, das heißt über Hamburg und München zurückzufahren, wobei er die Pausen auf den Bahnhöfen, bis er den nächsten Zug bekommt, mit Saufgelagen übersteht, wo es zu interessanten und vor allem feuchtfröhlichen Bekanntschaften kommt.
Das Saufen, Ficken und das Raufen, mit denen sich die Grazer Szene in den Siebzigerjahren, wie man hört, beschäftigt haben soll, geht in der steirischen Metropole munter weiter. Prado wird endgültig von Lena verlassen, die sich schließlich als Ehefrau Reinhard Renkendorfers wiederfinden wird. Bis es soweit ist, stoppt die sechszehnjährige Hemma, deren Leidenschaften aus Sex und Sandeln besteht, von Voitsdorf nach Graz, weil ihr das Leben dort zu langweilig ist. In ihrer Unicef Handtasche führt sie ein verschmuddeltes Taschenbuch mit sich auf dessen Titelseite „Deutsche Erzähler“ steht, worauf sie von dem fetten Radiohändler, der sie mitnimmt, den Rat bekommt, doch etwas Gescheiteres zu lesen. „Trotzkopf“ oder „Mit beiden Füßen in der Luft“ von Alfred Paul Schmidt, vielleicht“, der ihr schließlich anbietet „ihm für einen Hunderter einen runterzublasen“. Hemma tuts aus Verlegenheit für Dreihundert,geht dann in den örtlichen Jazzkeller, wo sie den Trompeter Matthäus sucht, vorläufig ist aber nur die Kellnerin Martha da, mit der Hemma in der Küche erhebende Momente erlebt, um schließlich den Frauenheld Slobodin zu treffen, der später für fünf Monate in Untersuchungshaft kommt, weil er bei einer Lesung des Dichters Billy Pirkners (Wer steht für den nur Pate?) im Zentrum für zeitgenössische Zersetzungskultur einen Vorhang angezündet und damit ein Happening veranstaltet haben soll. Als Hemma für Slobodin die Mite zahlen soll, verschwindet sie als Saisonarbeiterin nach Tirol, wo sie zuerst ihren Trompeter findet, um schließlich als Maitresse eines Zahnarztes ihr Leben zu beenden.
Man sieht das geschlechtsspezifische Frauenbild der Siebzigerjahre oder das von Alfred Paul Schmidt. Kommen Frauen ja nur als Aufriße vor, oder wie bei den beiden Frauenfiguren, die etwas deutlicher beschrieben werden, als durchaus sexuell aktiv, um dann als Gattinnen oder Geliebte zu verschwinden. Die Männer machen inzwischen Karrierre oder auch nicht. Denn die fünf Finger im Wind, von denen mindestens drei männlich sind, sind ja Aussteiger und haben sich wahrscheinlich, bevor sie in den Hofrats- oder Beamtenstand kommen, schon längst zu Tode gesoffen. Nach den fünf Monaten die Slobodin in Untersuchungshaft verbringt, denn er kann sich, da er zum Tatzeitpunkt betrunken war, an nichts erinnern, verschwinden die Freunde wieder nach Skandinavien, wo zumindestens Prodo in den Armen einer dicken, schwangeren Aushilfelehrerin hängen bleibt. Was seine Freunde Slobodin und Frank Mohacs, der zeitweise als Versicherungsvertreter arbeitet, machen werden, bleibt ungewiß.
Sie werden aber wahrscheinlich weitersaufen, die örtlichen Grazer Lokalitäten aufsuchen, mit VWs, Volvos und anderen damals üblichen Autos herumkutschieren und dabei schaurig schöne Dinge erleben, die Alfred Paul Schmidt immer wieder in die Geschichte vom Sinn des Lebens, das keinen rechten Sinn zu haben scheint, einzuflechten weiß, wie die von dem, „der sein Geld damit verdient, daß er auf der Kungsportsavenue, der Göteborger Prachtstraaße, neue Zeitungen zu unlesbaren Fertzen zerriß. Von dem Geld das er dafür in seinen Hut bekommt, kauft er neue Zeitungen am Kiosk, ein Verfahren, das folgende Vorteile hat: Die Zeitungen wurden umgesetzt, Arbeitsplätze bleiben erhalten, niemand braucht den Schund zu lesen, man konnte die gewonnene Zeit mit Langeweile, Schlaf oder anderen Hobbies ausfüllen…“
Außerdem gibt es eine Fülle von literarischen Anspielungen und es tauchen immer wieder schöne Sätze und Zitate, wie „Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist anders! (F.Torberg)“ oder „Da die Leute ihren Nachbarn nichts, dem Fernsehen aber alles glauben (Urs Widmer) sei es von überaus großer Wichtigkeit, daß…“
Ein interessanter Rückblick in die politisch so bewegten und auch hoffnungsvollen Siebzigerjahren, wo in Graz, die Autoren (heute auch Autorinnenversammlung) gegründet wurde, Wolfgang Bauer und Peter Handke spazierengingen und wahrscheinlich auch ihre Achterln tranken, des 1941 geborenen Alfred Paul Schmidt, der am 31. März seinen siebzigsten Geburtstag feiert, zu dem ich sehr herzlich gratuliere.
Im Jänner gab es diesbezüglich schon eine Festveranstaltung in der Alten Schmide, die Rainhard Urbach, ein Alfred Paul Schmidt Spezialist, moderierte, die mich zu der Lektüre, des im Bücherschrank gefundenen Romans bewegte, der mich an meine Wiener Studentenzeit in der Otto Bauergasse, die etwas weniger feucht fröhlich war, erinnerte.
Von Alfred Paul Schmidts vielen Romanen sind, wie Kurt Neumann und Reinhard Urbach bei der Veranstaltung bedauerten, die meisten vergriffen, eine gute Gelegenheit die Bücherschränke aufzusuchen, denn es ist sehr interessant Romane aus den Siebzigerjahren wiederzulesen, an denen man sehr deutlich sehen kann, wieviel sich inzwischen verändert hat, wird doch beispielsweise sehr viel und ungeniert geraucht.

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